Burglengenfelds Ex-Bürgermeister feiert Geburtstag und übt im Interview Kritik

Im Interview zum 75. Geburtstag spricht der frühere Burglengenfelder (Landkreis Schwandorf) Rathauschef über die Errungenschaften in seiner Amtszeit, politische Enttäuschungen und sein Privatleben. Und er spart nicht mit Kritik am jetzigen Bürgermeister: „Ein Weiter so kann keine Lösung sein.“
Herr Karg, wie fühlt es sich an, wenn man 75 ist?
Heinz Karg: Dank meiner Enkeltochter, die mir viel Freude bereitet, habe ich keine Probleme mit dem Älterwerden. Ich gestehe aber gern, dass die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit mit 75 Jahren schlicht und einfach abnehmen.
Sie haben Burglengenfeld als Bürgermeister geprägt wie kaum ein anderer. Seit 2020 sind Sie aber nicht einmal mehr im Stadtrat vertreten. Vermissen Sie die Kommunalpolitik?
Karg: 42 Jahre lang habe ich mich mit großer Leidenschaft der Kommunalpolitik gewidmet und versucht, für unser Burglengenfeld das Beste zu erreichen. Seit meinem Ausscheiden aus dem Stadtrat habe ich keinerlei Probleme damit, dass jetzt Jüngere die Geschicke unserer Stadt lenken. Unabhängig davon bin ich aber weiter an der Kommunalpolitik interessiert. Aktuell vermisse ich sie nicht, denn im Rathaus wird kaum noch gestaltet. Mein Motto war immer: „Politik gestalten und nicht nur verwalten.“
Man kann die Ratssitzungen online verfolgen. Nehmen Sie daran teil?
Karg: Auch wenn ich in meiner Amtszeit die Übertragung von Sitzungen in das Netz durchgesetzt habe, verfolge ich persönlich die Übertragungen nicht. Ich möchte meine Nerven nicht zu sehr strapazieren. Überzeugt bin ich jedoch, dass es die richtige Entscheidung war, die Übertragungen zu ermöglichen, denn sie geben dem interessierten Bürger die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild zu verschaffen.
Sie haben Ihre Zeit als Bürgermeister in eine mehrteilige Dokumentation gegossen. Welche Bedeutung hat das Werk für Sie?
Karg: Die Motivation für die fünf Bücher waren in erster Linie die Anfeindungen, denen ich nach dem Amtswechsel 2014 durch meinen Nachfolger ausgesetzt war. Er hat versucht, mein politisches Lebenswerk zu zerstören. Der Staatsanwalt hat dem zumindest ein „juristisches Ende“ gesetzt und meinem Nachfolger die Rote Karte gezeigt. Mir geht es um eine objektive Bewertung, denn die Bilanz kann sich meines Erachtens sehen lassen. Städteplaner Emil Lehner hat zu Recht festgestellt: „Im Vergleich zu anderen Kleinstädten ist Burglengenfeld meilenweit voraus.“
Wann kann man ein Exemplar in der Stadtbücherei in die Hand nehmen?
Karg: Wenn es gewünscht wird, bin ich gern bereit, je ein Exemplar der fünf Bände zur Verfügung zu stellen. Allerdings habe ich Zweifel, ob die jetzige Stadtführung ein Interesse daran hat, die Bücher in der Bücherei vorzuhalten.
Was würden Sie als die wichtigsten drei Projekte Ihrer Amtszeit bezeichnen?
Karg: Schwerpunktthema Nr.1: Erwerb der Naabtalkaserne und deren Umgestaltung in ein Schul-, Sport- und Freizeitzentrum. Das Sahnehäubchen ist das Bulmare. Mit dem Weiterbau der Umgehung, dem Bau des Parkhauses, der Umgestaltung des Marktplatzes und der Innenstadt, dem Bau von Kindergärten und Krippen, des Bauhofs und des Feuerwehrhauses erfolgten wichtige Infrastrukturprojekte. Ein dritter Schwerpunkt lag auf der Förderung des Umlands. Die Folge all der Maßnahmen: Die Einwohnerzahl und die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind jeweils um über 20 Prozent gestiegen – die Steuerkraft hat sich um mehr als 100 Prozent erhöht.
Das Schulzentrum wird nun durch einen Erweiterungsbau weiter aufgewertet. Freut Sie das? Oder wird es im Naabtalpark nicht doch langsam eng?
Karg: Die Erweiterung der Grundschule im Naabtalpark begrüße ich ausdrücklich, denn hier sind in Verbindung mit dem Bulmare und den sportlichen Einrichtungen die besten Voraussetzungen für die Bildung unserer Kinder gegeben. Von räumlicher Enge kann keine Rede sein. Ich hätte sogar einem Neubau der Realschule im Naabtalpark anstelle der Sanierung am Altbau den Vorzug gegeben, denn die Zufahrtsproblematik am Kreuzberg lässt sich durch die Sanierung nicht beheben.
Als Bürgermeister haben Sie viel erreicht, es gibt aber an verschiedenen Dingen bis heute Kritik. Würden Sie aus heutiger Sicht auch etwas anders machen als damals?
Karg: Jeder Mensch macht Fehler. Und auch ich habe Fehler gemacht. Politiker sollten den Mut haben, für ihre Meinungen, für ihre Konzepte einzustehen und notfalls auch Kritik aushalten. In der heutigen Zeit wird meines Erachtens zu sehr auf Stimmungen und Umfragen reagiert. Wer sich in der Politik engagiert, muss akzeptieren, dass Kritik geübt wird. Mein Bestreben war es stets, einen geradlinigen Weg zu gehen und sich für die besten Lösungen einzusetzen. Einzelinteressen spielten keine Rolle.
Heute sagen viele: In der Stadt herrsche Stillstand, es gehe nichts mehr vorwärts. Tut man Ihrem Nachfolger Unrecht?
Karg: Es ist kein Geheimnis, dass mein Nachfolger und ich keine Freunde sind. Allerdings verbietet es mir mein Respekt vor dem Amt des Bürgermeisters, nun zu versuchen, alte Rechnungen zu begleichen. Das tue ich nicht, sage allerdings in aller Klarheit, dass ein „Weiter so“ keine Lösung sein kann. Burglengenfeld hat nach wie vor beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Gestaltung seiner Zukunft.
Wären Sie heute noch am Ruder, was würden Sie als Erstes angehen?
Karg: Der Mut zu zukunftsweisenden Entscheidungen fehlt derzeit bei den Verantwortlichen im Rathaus. Es muss doch möglich sein, etwa für das Pfarrheim St. Michael eine Lösung zu finden. Pläne für eine Generalsanierung wurden gemeinsam mit Pfarrer Thomas Mayer erarbeitet – sie liegen seit vielen Jahren in den Rathausschubladen. Ähnliches gilt für das Areal des Turnvereins. Auch bei diesem Thema vermisse ich den nötigen Mut. Ein Neubau auf dem bestehenden Areal kann doch nur die zweitbeste Lösung sein. Die beste wäre eine Auslagerung in den Naabtalpark. Darüber hinaus würde ich mich für eine kostenlose Mittagsverpflegung für Kinder und Jugendliche in den städtischen Einrichtungen einsetzen.
Am Ende Ihrer Ära als Bürgermeister gab es ein Zerwürfnis mit der SPD. Sind die Wunden mittlerweile verheilt?
Karg: Der Austritt aus der SPD war eine schmerzliche Entscheidung. Die SPD hat mich viele Jahre während meiner Bürgermeistertätigkeit vorbildlich unterstützt und mitgeholfen, Burglengenfeld auf den Erfolgsweg zu bringen. Dafür bin ich dankbar. Bei mir sind die Wunden verheilt. Ich habe keinerlei Probleme, mit den alten Weggefährten zu kommunizieren.
Sind Sie am Ende immer noch ein „Roter“?
Karg: Meine politische Grundeinstellung hat sich durch die Querelen Ende 2013 nicht verändert. Ich bin nach wie vor ein sozial eingestellter Mensch, der sich für die Sorgen und Nöte der Bürger einsetzt, unabhängig von irgendeiner Parteizugehörigkeit.
Seit Sie Ihren 70. gefeiert haben, sind mehrere Personen gestorben, die Sie gut kannten und mit denen Sie beruflich zu tun hatten: Was fällt Ihnen zu Stefan Bawidamann, Thomas Wittmann, Günther Plößl und Pfarrer Franz Baumgartner ein?
Karg: Mit Stefan Bawidamann verbindet mich eine gemeinsame berufliche Vergangenheit am Notariat. Diese Lehrjahre waren für mich prägend und von entscheidender Bedeutung für meine berufliche Zukunft. Bawidamann und ich haben uns auch später als politische Konkurrenten respektiert und geachtet. Günther Plößl und Thomas Wittmann hatten in ihrer Eigenschaft als Abteilungsleiter Anteil an der Erfolgsgeschichte, die während meiner Amtszeit geschrieben wurde. Der Tod von Pfarrer Baumgartner hat uns alle tief erschüttert. Es muss nachdenklich stimmen, dass es offensichtlich zu wenig Unterstützung in seinem Umfeld gegeben hat, um ihm in seiner schwierigen Lage zu helfen.
Als Bürgermeister haben Sie großen Einsatz gezeigt. Wir können uns vorstellen, dass die Umstellung in den Ruhestand hart war. Wie ist Sie gelungen?
Karg: Die Umstellung war insofern schwierig, weil mein Ruhestand von der ersten Minute an durch die Anzeigen meines Nachfolgers belastet war. Es waren harte Monate, bis der Staatsanwalt das Ermittlungsverfahren eingestellt beziehungsweise in einem zweiten Fall erst gar nicht eröffnet hat. Mit Hilfe meiner Familie, meiner Freunde und der Mitglieder der BWG habe ich diese schwierige Zeit weggesteckt. Wertvoll waren für mich auch die Reaktionen aus der Bürgerschaft, nicht zuletzt durch den Bundestagsabgeordneten Dionys Jobst (CSU), der mich ermutigte, mich gegen die Anfeindungen zur Wehr zu setzen.
Was ist heute Ihr schönster Zeitvertreib?
Karg: Ich genieße es, dass ich in meinem Ruhestand endlich mehr Zeit für die Familie habe.
Zum Geburtstag werden Sie, wie schon vor fünf Jahren, nicht im Lande sein. Zufall – oder Flucht vor den Gratulanten?
Karg: Jahre, ja jahrzehntelang durfte ich – auch an meinen Geburtstagen – große und schöne Feste feiern. Diese Zeit ist für mich vorbei. Mit zunehmendem Alter schätze ich mehr die Ruhe und die Möglichkeit, abzuschalten von den Problemen des Alltags. Ich ziehe mich daher immer wieder mal gern mit meiner Familie oder auch mit Freunden für einige Tage zurück in die Berge.
