Reinhard Söll über 40 Jahre Odeon Concerte: „Mein Motto ist: Think big!“

Für sein erstes Konzert mit Claudio Arrau klebte er wild Plakate. Da war er ein 25-jähriger Nobody. Wie es ihm gelang, Stars von Alfred Brendel bis Anna Netrebko nach Regensburg zu holen, was er von Politik und Protest auf der Bühne hält und ob man über Gagen verhandeln kann, erzählt der Regensburger Impresario im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern.
Reinhard Söll (64) sitzt am großen Fenster in seinem Haus am Altstadtrand. Er schaut nicht ins Grüne, sondern – eh’ klar – in den Computer. Seit einer Gehirnblutung 2017 benutzt er einen Rollstuhl, aber der Kopf ist so wach und gescheit wie immer. Wir kennen uns seit knapp 40 Jahren – seit der Zeit, als der Student seine ersten Künstler buchte.
Wie fing Odeon Concerte an?
Söll: Mit Claudio Arrau, 1984.
Der war damals ein Weltstar. Wie kamst du als blutjunger Nobody an ihn heran?
Reinhard Söll: Über eine Agentur in München. Ich sagte: Ich will den berühmtesten Pianisten! Man denkt, die Mitarbeiter würden einen auslachen, aber sie leiteten mich weiter. Ich schickte Arrau – er lebte in New York – ein Buch über Regensburg. Er hat es tatsächlich gelesen. Jedenfalls sagt er zu. Mein Motto war immer: Think big!
Wie lief das Debüt?
Söll: Das erste Mal traf ich Arrau im Parkhotel Maximilian – und ich bekam einen Dämpfer. Ich war sehr wichtigtuerisch unterwegs und kündigte mich an mit: Hello! My name is Reinhard Söll. Der Assistent antwortete nur: The Maestro ist sleeping. Das musste ich erst mal schlucken. Arrau war im Übrigen ein überaus angenehmer Mann, ein Künstler von wirklich großer Bedeutung.
Am Anfang braucht man Diridari. Woher kam das Geld?
Söll: Die Agentur wollte eine Bankbürgschaft für Arrau. Und meine Mutter war so nett, für 30.000 Mark gerade zu stehen. Das war damals viel Geld.
Noch ein Schritt zurück: Du warst 25, hast Jura studiert. Wie kam der Wechsel zur Musik?
Söll: Ich habe immer davon geträumt, Konzerte zu veranstalten. Meine erste Kalkulation machte ich in der Kneipe „Oma Plüsch“. Da rechnete ich durch, was es ein großes Konzert kosten und was es bringen würde.
Wie teuer war das Ticket für das erste Odeon-Konzert?
Söll: Es kostete um die 50 Mark.
Schulkameraden erinnern dich als Nerd: Ein 16-Jähriger mit dunklem Pullunder und Vorliebe für Latein, Griechisch und Klassik. Stimmt das Bild?
Söll: Ich interessierte mich, anders als meine Klassenkameradin, etwa für späte Beethoven-Quartette. Ich war in gewisser Weise sicher ein Sonderling.
Wie hast du für Claudio Arrau das Audimax gefüllt?
Söll: Ich klebte überall Plakate, was nicht erlaubt war. Mein erster Kundenstamm waren Besucher meiner Musikkurse an der Volkshochschule. Die sagten: Wir unterstützen diesen jungen Mann, der traut sich was. Am Ende kamen 1400 Zuhörer. Die Möglichkeit, nicht mehr nach München fahren zu müssen, um Klassik-Künstler zu hören, sprach sich herum.
Einen VHS-Kurs bei dir habe ich in Erinnerung. Deine Worte höre ich noch. Du hast über Arturo Benedetti Michelangeli gesagt: „Er behandelt seine Fans mit erlesenem Ekel.“ Wie hast du selbst den Pianisten erlebt?
Söll: Er war unnahbar. In München wollte das Publikum unbedingt eine Zugabe, es tobte – und er zeigte den Leuten einen Vogel! Er war einer der ganz wenigen großen Pianisten, der nie für Odeon spielte. Leider.
Welche Klassik-Stars kamen?
Söll: Ach Gott! Bei den Pianisten Vladimir Ashkenazy, Svjatoslav Richter, Jewgeni Kissin, Alfred Brendel – im Grunde das „Who’s Who“. Cecilia Bartoli, Montserrat Caballé, Rolando Villazon oder Jonas Kaufmann waren hier, Orchester wie die Wiener Philharmoniker. Man müsste im Grunde umgekehrt fragen: Wer war nicht da?
Wie reagierten Stars auf den unbedeutenden Jungveranstalter?
Söll: Sehr unterschiedlich! In meiner ersten Saison begrüßte ich alle Künstler formell. Und Pinchas Zukerman, der Geiger, drückte mir nur seinen Frack in die Hand. Aber es gab natürlich viele angenehme, viele schöne Begegnungen. Die Banker blieben anfangs reserviert. Zum Start meiner zweiten Saison sagte ein Bankdirektor: „Nun, Herr Söll, das wird nichts werden.“ Es wurde aber doch.
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Wer war ein schwieriger Fall?
Söll: Das fragen Journalisten immer. Aber Konzerte veranstalten heißt nicht, einen Künstler zu bitten, dass er für dich spielen möge. Das ist Business. Du musst die Gage zahlen und die Agentur muss das Vertrauen haben, dass du sie zahlen kannst.
Kann man da handeln?
Söll: Nein. Ein bisschen handelt jeder, aber die großen Namen sagen: Wenn du es dir nicht leisten kannst, lass es.
Du veranstaltest seit 40 Jahren im Audimax. Wie findest du den Saal, der oft kritisiert wird?
Söll: Den lieben alle Künstler. Erst im November sagte der Dirigent Philippe Herreweghe: Toll! Man beurteilt einen Saal nicht nach dem, was man sieht, sondern was man hört.
Die Dringlichkeit für einen neuen Konzertsaal siehst du nicht?
Söll: Nicht mehr. Ich bin desillusioniert, nachdem es so viele Anläufe gegeben hat.
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Zu den Schlossfestspielen: Wie fing das an?
Söll: Zum Jubiläum 250 Jahre Thurn und Taxis in Regensburg führten wir „Die Schöpfung“ von Haydn auf. Das war sehr erfolgreich. Der Verwaltungschef fragte: Wollen Sie nicht generell bei uns veranstalten? Wir wollen Schloss öffnen. Ich verstand mich auch mit der Fürstin gleich sehr gut.
Die Festspiele ziehen jedes Jahr bis zu 30.000 Menschen an. Klassik-Fans finden das Programm heute zu poplastig.
Söll: Wir haben uns erweitert, auch Richtung Pop, und setzen da ebenfalls auf große Namen wie Elton John oder Sting.
Die Gala von Anna Netrebko 2022 fiel in eine Zeit, in der sich Kultur, Politik und Protest stark vermischten. Wie schaust du auf diese Entwicklung?
Söll: Ich will mich da nicht einmischen. Die Fürstin ist meinungsstark. Sie hat ihre Anschauungen und beruft sich darauf, dass sie ein Recht auf ihre Meinung hat. Das kann man ihr nicht ausreden. Aber das ist ihre Sache. Meine Konzentration richtet sich auf die Künstler und auf die Konzerte.
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Auch Künstler äußern sich profiliert politisch. Wie Igor Levit, der im Januar kommt.
Söll: Ja. Antisemitismus ist ein Riesen-Thema für ihn. Aber nochmal: Meine Sache ist die künstlerische Qualität. Man kommt sonst in Teufels Küche.
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Ausblenden kann man die Reibungspunkte aber nicht. BMW, Hauptsponsor der ersten Stunde, hat sich zurückgezogen, weil das Profil der Fürstin nicht mehr zum Konzern passt.
Söll: Dazu muss man wissen: BMW war Hauptsponsor der Festspiele Bregenz und hat sich auch dort verabschiedet. Für die Schlossfestspiele kann ich sagen: Wir haben neue Sponsoren, auch einen, den du noch nicht weißt, eine wirkliche Sensation. Aber das darf ich noch nicht veröffentlichen.
Wann wird das spruchreif?
Söll: Anfang nächsten Jahres
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Wie wichtig sind Sponsoren?
Söll: Es ist schön, wenn man sie hat, aber die Festspiele werden damit nicht entschieden. Es wird generell schwieriger. Konzerne dürfen Kunden nicht mehr einladen. Compliance wird der Tod des Sponsorings.
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Bringt die neue Saison Entdeckungen?
Söll: Im März kommt zum Beispiel Maria Duenas, eine geniale Geigerin. Den Namen wird man sich merken müssen.
Dir wird eine Nase für Talente nachgesagt. Wer sind die aufgehenden Sterne?
Söll: Einer, der Zukunft hat: der Tenor Jonathan Tetelman. Der wird so berühmt werden wie Jonas Kaufmann. Auch Aida Garifullina ist ein Riesentalent.
Das Publikum verändert sich. Wie reagiert Odeon Concerte?
Söll: Einen gewissen Teil des Publikums haben wir verloren, auch durch Corona. Aber schau dir ein Konzertfoto von 1930 an: genau die gleiche Menge von grauhaarigen Leuten.
Gibt’s Überlegungen neue Geschäftsfelder zu erschließen, neue Formate zu entwickeln?
Söll: Wir wollen etwa im Bereich Ausstellungen mehr machen, das ist ein Hauptthema von meinem Sohn Ludwig. Ich bin sehr glücklich, dass er ins Geschäft eingestiegen ist. Ich lerne auch von ihm. Wir ergänzen uns exzellent.
Denkst du an Ruhestand?
Söll: Ich geh’ nie in Rente.
Mehrere Standorte
Konzerte: Reinhard Söll veranstaltet mit Odeon Concerte, Pro Arte und First Classics Berlin Konzerte in mehreren Städten: in Regensburg, Mannheim, Essen und Berlin.
Jubiläum: Zum 40-Jährigen von Odeon Concerte dirigiert Helmut Blomstedt am 13. Januar im Audimax das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, im Anschluss gibt es für alle einen Empfang.