Künstler wollen Boykott der Schlossfestspiele – und ernten gemischtes Echo

Von Marianne Sperb · 11. April 2023 um 17:49

Vertreter der Regensburger Kulturszene machen Front gegen die Schlossfestspiele und ihre Schirmherrin: Sie fordern auf, dem Festival fernzubleiben. So reagieren Wirtschaft, Kultur, Tourismus und Gloria von Thurn und Taxis.

Jonas Höschl, Konzeptkünstler und Mitglied im Künstlerkollektiv „Tannhäuser Kreis“, spielt in seiner Arbeit gern mit rechten Narrativen. Mit dem offenen Brief aber, den er gestern im Namen von rund 100 Vertretern der Regensburger Kulturszene verbreitet hat, ist es ihm „sehr ernst“. Das Schreiben ruft zum Boykott der Thurn und Taxis Schlossfestspiele auf, die Begründung: Aussagen der Schirmherrin.

Lesen Sie dazu auch den Standpunkt von Marianne Sperb.

Der offene Brief appelliert, den Festspielen 2023 fernzubleiben: „Lassen wir es nicht zu, dass Kunst und Musik für die politische Propaganda der Schirmherrin missbraucht werden.“ Die Schreiber attestieren Gloria von Thurn und Taxis „rassistische, homophobe und wissenschaftsfeindliche Äußerungen“. Die Schreiber verweisen auf Aussagen aus einem Zeitraum von gut 20 Jahren. Die Liste reicht von aktuellen Beiträgen im Online-Format „Achtung, Reichelt!“, in dem die 63-Jährige mit Julian Reichelt, früher Chefredakteur bei „Bild“, ihre Sicht auf Gesellschaft und Politik preisgibt, bis hinunter ins Jahr 2001, als Gloria im ARD-Talk mit Michel Friedman Afrikas Aids-Probleme mit dem Satz „Der Schwarze schnackselt gern“ abtat.

Die Vorwürfe, unterfüttert mit zwölf Fußnoten, sind zahlreich: Gloria stelle die Ehe für alle als „Werk des Teufels“ dar, marschierte bei einer Demo an der Seite der AfD, relativiere Misshandlungen bei den Domspatzen, nenne Sexualkundeunterricht an Schulen „eine Art von Kindesmissbrauch“, bezweifle den menschengemachten Klimawandel und spreche mit Blick auf Geflüchtete von einer „Völkerwanderung, die hier auf uns zuströmt“. „Dieses menschenfeindliche Verhalten kann und darf nicht länger hingenommen werden“, finden die Vertreter aus der Kultur. Sie wollen Beispielen des Widerspruchs „solidarisch folgen“.

Veranstalter Söll kennt Aufrufe wie diese

Appelle zum Boykott der Festspiele sind nicht neu. Reinhard Söll, der das Festival mit seiner Agentur Odeon Concerte veranstaltet, kennt derlei Aufrufe seit Jahren. Den aktuellen Vorstoß kommentierte er nicht: „Das ist Politik, da mische ich mich nicht ein.“ Ob er wegen der Boykott-Aufrufe Absagen erhalten habe? „Natürlich nicht“, sagt er. „Das sind Profis.“

Zuletzt hatte im März 2023 Kurt Raster vom linken Bündnis „Recht auf Stadt“ Künstler aufgefordert, Auftritte beim Festival zu verweigern. Aus Politik, Künstlerschaft und Festspiel-Sponsoren kamen verhaltene Reaktionen, öffentlich und explizit anschließen mochte sich Rasters Vorstoß da niemand.

Lesen Sie über einen Boykottaufruf vom März 2023: Wie viel Gloria steckt in den Festspielen?

Jetzt liegt der Fall anders: Kein umstrittener Einzelkämpfer, sondern eine ganze Gruppe will den Festspielen das Wasser abgraben, indem sie sich stark dafür macht, Konzerten fernzubleiben. Unter den Unterzeichnern finden sich Vertreter der Internationalen Kurzfilmwoche wie Gabriel Fieger, des Kunstvereins Graz wie Jörg Haala, des Transit-Filmfests wie Chrissy Grundl oder des Kulturvereins con_Temporary.

Die Mediengruppe Bayern fragte Reaktionen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Tourismus ab. Der Tenor fiel klar aus: Die Festspiele werden als Bereicherung gesehen. Auffallend: Keine Stimme äußerte sich solidarisch zu Gloria von Thurn und Taxis.

Die Adlige selbst sagte: „Das Haus Thurn und Taxis überlässt dem Veranstalter das Schlossareal, weil es den idealen Ort für die traumhaft schönen Konzerte darstellt. Wenn es um die Verteidigung christlicher Werte geht, ist jeder Christ aufgefordert für seinen Glauben einzutreten, solange dies durch die Gesetze der freien Meinungsäußerung möglich ist. Eine Gesellschaft, die für sich in Anspruch nimmt, divers und tolerant zu sein, sollte die freie Meinungsäußerung auch von den Menschen tolerieren, die nicht ihre eigene Meinung widerspiegeln.“

Stadt Regensburg distanziert sich von Aussagen der Fürstin

Regensburgs Bürgermeister Ludwig Artinger (Freie Wähler), der aktuell OB Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD) vertritt, betonte, das Festival sei ein „kulturelles Highlight“, ziehe hochkarätige Künstler und Gäste aus nah und fern an und werde von Odeon Concerte „äußerst professionell sowie mit viel Herzblut“ veranstaltet. Gleichzeitig machte er klar: „Von den Aussagen der Fürstin distanziert sich die Stadt: Regensburg steht für Vielfalt, Offenheit und Nachhaltigkeit!“ Kulturreferent Wolfgang Dersch schloss sich dem Statement an.

Die IHK für Oberpfalz/Kelheim stellt sich hinter Odeon Concerte und Festspiele. „Solche Veranstaltungen tragen wesentlich zur Stärkung Regensburgs als Kultur-, Wirtschafts- und Tourismusstandort bei“, betont IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Helmes in einem Statement, das Sprecher Peter Burdack übermittelte Von den Effekten für Wertschöpfung, Einkommen und Beschäftigung profitierten auch Gastronomie, Hotellerie und Einzelhandel.

Der Regensburger Hotelverein nennt die Festspiele mit ihrer nationalen und internationalen Strahlkraft einen „mehr als wichtigen wirtschaftlicher Faktor für die Tourismusbranche“, so Sprecherin Kathrin Fuchshuber. Das Kultur-Highlight wirke dabei weit über seine zwei Wochen Dauer hinaus.

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Jonas Höschl selbst schildert „durchweg positives, auch dankbares“ Feedback aus Künstlerkreisen. Die Kritik ziele auf die Schirmherrin, nicht auf Festival und Künstler. Man wolle einen Debattenanstoß geben. „Da kann positive Reibung entstehen.“ Dass der Boykott-Aufruf durchschlägt, glaubt Höschl nicht. „Ich gehe nicht davon aus, dass ein offener Brief die Schlossfestspiele ausradieren kann.“