So geht es der Regensburgerin Claire, die nicht mehr als Mann leben wollte

Von Mittelbayerische Zeitung · 26. Dezember 2023 um 05:00

Vor zweieinhalb Jahren machte die Regensburgerin Claire die ersten Schritte auf einem langen Weg. Damals hatte sie mit dem Mann zu hadern begonnen, den sie auf Portraitaufnahmen sah, die sie von sich hatte schießen lassen. Viele nahmen Anteil an ihrer Geschichte.

Im April lagen hinter Claire (Nachname der Redaktion bekannt) , die sich damals bereits mit diesem Namen ansprechen ließ, zwei emotionale Jahre der Selbstfindung. Ihr neues Erscheinungsbild hatte sie zu dem Zeitpunkt schon geformt. Zu dem gehören neben Kleopatra-Augen mit dunklem Kajal auf Partys auch schon mal Stiefeletten mit Absatz, Netzstrumpfhosen, ein asymmetrischer Bleistiftrock, ein Spaghettitop und natürlich ein BH darunter. Auch wenn sie damals sagte, wieder mit sich im Reinen zu sein, wusste sie noch nicht, wo sie ihre Reise hinführt – weiß sie bis jetzt nicht. Aber ein paar neue Stationen zeichnen sich schon deutlich ab.

Das wünscht sich Claire für das neue Jahr

„Mein Ziel ist ein weibliches Erscheinungsbild“, sagt sie. Im Juni habe sie einen Termin, um das weitere Vorgehen mit Hormonen und allem, was damit zusammenhängt, anzugehen. Die dafür erforderliche psychiatrische Indikation für ein Gutachten habe sie bereits durchführen lassen, erzählt sie. Das Prozedere ist nicht ohne. „Wenn man den ersten Termin hat, läuft es, aber bis man den bekommt, kann es bei manchen Stellen schon ein Jahr dauern – oder auch länger“, verdeutlicht sie. Das sei schon schwierig für die Betroffenen. Die Warterei beschreibt sie als enttäuschend und sie fühle sich, als wäre sie nach dem ersten Schritt gezwungen, ein Jahr lang an der Bushaltestelle zu warten, ohne zu wissen, wie das Gefährt aussieht und wie schnell es fahren wird.

Claire hofft, dass sich durch die Einnahme von Geschlechtshormonen Haut und Fetteinlagerungen verändern.„Auch die Gesichtszüge könnten weicher werden“, beschreibt sie eine weitere mögliche Folge. Sie weiß auch schon, dass sich ihr Haarwachstum auf diese Weise nicht beeinflussen lassen wird. Dafür müsse ein Laser ran.

Geschlechtsangleichung kommt nicht in Frage

Eine operative Geschlechtsangleichung kommt für Claire gerade aber nicht in Frage. „Das primäre Geschlechtsorgan angleichen zu lassen, ist nicht entscheidend für mich“, macht sie deutlich. Stattdessen sieht sie viele andere Dinge, über die sich ein Mensch als Mann oder Frau definieren kann. „Deswegen möchte ich ein Stimmtraining absolvieren, um in Zukunft in einem weiblicheren Tonfall zu sprechen, ohne dass es anstrengend wird“, kündigt Claire an. Immerhin hat sie eine musikalische Ausbildung genossen und weiß, dass es möglich ist, dieses Ziel zu erreichen. Im Moment mag sie es nicht, ihre Stimme zu hören – zum Beispiel in Form von Sprachnachrichten. „Besonders bei Telefonaten sorgt das für Verwirrung, wenn mein Gegenüber mich nicht kennt“, erzählt sie weiter.

Die letzte große Veränderung in Claires Leben vollzog sich im Sommer. „Ich habe nun auch eine Partnerin“, sagt Claire und erzählt ihre Liebesgeschichte mit Jo. Kennengelernt haben sich die beiden schon im Sommer 2021. „Damals habe ich beim Lernen für das Examen in der Bibliothek eine Frau getroffen, die sichtlich überfordert war und ihr meine Hilfe angeboten“, erinnert sie sich. Das war Jo, die damals die Studentenkanzlei gesucht hat. Claire war so nett und zeigte ihr den Weg dorthin. Nummern haben sie damals aber nicht nicht ausgetauscht. „Dann habe ich sie bei einer Party in der Waschbar wiedergetroffen und ein halbes Jahr später im Fitnessstudio“, berichtet Claire über weitere zufällige Begegnungen.

Poledance, Gym, Liebe für Claire aus Regensburg

Aber erst, als sich beide wenige Monate später bei einem Poledance-Kurs in diesem Fitnessstudio noch einmal über den Weg liefen, verabredeten sie sich. Ab August trafen sie sich dann regelmäßig zum Lernen in der Bibliothek. „Wir haben bestimmt sechs Stunden und mehr am Tag gelernt“, sagt Claire über den Erfolg dieser Dates − und dass sie seither nicht mehr voneinander getrennt waren.

Beruflich absolviert Claire gerade die Anwaltsstation des Referendariats in der Münchner Niederlassung einer Kanzlei. „In meinem Arbeitsvertrag steht Claire mit weiblichem Pronomen. Das war für beide Seiten von Anfang an klar“, erzählt sie. Bei der Feuerwehr in Graß hat sie das erste Leistungsabzeichen gemacht, die Ausbildung geht weiter. Ob am Spint oder auf den Etiketten der Ausrüstung – auch dort ist der Name Claire zu lesen.

Sorge bereite ihr, dass sie eine gewissen Verrohung in der Gesellschaft beobachte. Viele Dinge, die sie bereits als errungen ansah, seien nun wieder zurückgeschraubt worden, beschreibt sie das und nennt ein Beispiel: „Menschen in Teilen Europas müssen in andere Länder fahren, um ihr Geschlecht per Operation zu ändern, weil dieser Eingriff in ihrer Heimat nicht mehr angeboten wird oder sogar verboten ist und unter Strafe steht.“

Deswegen ist Claire froh, in Deutschland zu leben und deswegen ist es ihr wichtig, ihre Geschichte zu erzählen. „Es wäre schön, wenn andere Betroffene dadurch Hoffnung und Mut schöpfen könnten“, wünscht sie sich.