Regensburgerin wollte nicht mehr als Mann leben und wird nun immer mehr zu Claire

Von Heike Haala · 24. April 2023 um 16:37

Sie arbeitet am Gericht, hat einen Männernamen im Ausweis stehen und berät seit kurzem den Landesvorstand von SPDqueer: Claire erzählt von der Wendung, die ihr Leben vor zwei Jahren nahm.

Vor zwei Jahren begann Claire mit dem Mann zu hadern, den sie auf den Portraitaufnahmen sah, die sie gerade hatte von sich schießen lassen. An den Fotos lag es nicht. Sie waren professionell. Auch die Person darauf hatte sich adrett zurechtgemacht: Die leicht gewellte Frisur war ordentlich zurückgekämmt, der Anchor-Bart perfekt getrimmt, der Hemdkragen duftig aufgebügelt und auch das Sakko saß. Aber irgendwas passte nicht: Das war doch nicht sie.

Kurz nach diesem Fototermin kreisten Claire überhaupt viele Fragen im Kopf herum: War das mit dem Jura-Studium das richtige? Was will sie beruflich einmal machen? Und, die lauteste von allen: Wer bin ich? Weil ihr das Schreiben schon immer geholfen hat, verschriftlichte sie auch diesen inneren Monolog.

Die Geschichte, die sie kreierte, nahm eine unerwartete Wendung und in der Folge ihr ganzes Leben: „Das, was ich aufschrieb, war kein Monolog. Das war ein Dialog“, erinnert sie sich. Mit Claire erschien eine weitere Hauptperson auf der Bühne. Die beiden sahen sich an und sagten einander: „Ich liebe dich.“

Kleopatra-Augen statt Bart

Heute hat Claire noch immer einen männlichen Namen (der Redaktion bekannt) im Ausweis stehen. Den nutzt sie für Dokumente, Urkunden und Unterschriften. Aber ihre Freunde, ihre Kollegen amLandgericht, wo sie inzwischen als Rechtsreferendarin arbeitet, und auch die Mitglieder derFeuerwehr in Graß, wo sie sich engagiert, reden sie mit Claire an. Der Bart ist manchmal noch als zarter Schatten an ihrem Kinn zu erahnen, manchmal deckt sie ihn aber auch mit Make Up ab. Ihr Faible für markante Linien-Führung im Gesicht ist geblieben: Mit dunklem Kajal verpasst Claire sich nun Kleopatra-Augen.

Aber der neue Name, mit dem sie sich nun ansprechen lässt, und auch ihr neues Erscheinungsbild - zu dem auf Partys inzwischen schon mal Stiefeletten mit Absatz, Netzstrumpfhosen, ein asymmetrischer Bleistiftrock, ein Spagehettitop und natürlich ein BH darunter gehören - sind nichts im Vergleich zu dem, was sich in der 28-Jährigen seit dem Frühjahr 2021 getan hat. „Ich hatte das Gefühl, dass ich immer nur gesagt bekommen habe, was man als Mann machen soll oder wie Beziehungen zwischen Mann und Frau funktionieren“, sagt sie. Claire wollte für sich herausfinden, was davon stimmt. Bin ich der Mann, den jeder in mir sieht? Das war auch so eine Frage, die besonders in ihr wütete. Dass sie nicht mehr die Person auf den Portraitfotos war, wusste sie schnell, aber nicht, wo die Reise hinführt. „Ich habe meinen Frieden darin gefunden, bis jetzt keine endgültige Antwort auf diese Frage zu haben“, sagt sie.

Bedürfnis, sich als Frau zu zeigen

Claire vertraute ihrer besten Freundin an, dass sie das Bedürfnis hat, sich als Frau zu zeigen. „Die hat mich bei der Hand genommen und dann sind wir durch die Arcaden zur Maximilianstraße und über den Neupfarrplatz gelaufen - in Stiefeletten“, erinnert sie sich. Auf einmal fühlte sie sich frei. Schwerer ist es ihr gefallen, den neuen Namen in der Arbeit einzufordern. „Zunächst hatte ich Angst, dass sie es nicht verstehen und dass das nicht geht, aber die Menschen waren immer offen und verständnisvoll“, sagt sie. Selten gibt es aber auch so Situationen wie am Donnerstagnachmittag auf der Steinernen Brücke, als ein Mann mit einer Bierflasche in der Hand bei Claires Anblick seinem Kumpel zuwisperte, dass sie ein Frann sei - eine Mischung aus Frau und Mann. Claire blieb cool. „Ich bin nicht zuständig für die Unsicherheit anderer Menschen. Das ist deren Art, damit umzugehen, da muss ich mich nicht rechtfertigen“, sagt sie. Manchmal kann sie über solche Reaktionen sogar lachen.

Viele Fragen offen

Auch wenn sie nun wieder mit sich im Reinen ist, vor ihr liegt noch ein langer Weg. Beispielsweise weiß Claire noch nicht, wie ob sie den Namen in ihrem Ausweis ändern lassen soll, ob sie sich ein Pseudonym geben will oder eine Kombination aus ihrem alten und ihrem neuen Namen.

Ob sie ihren Körper per Operation verändern lassen will, ist auch noch unklar. „Da möchte ich mir zu 100 Prozent sicher sein, denn diese Entscheidung möchte ich nur einmal treffen“, sagt sie. Immerhin könnte das auch Risiken bergen. „Aber meine Gesundheit ist mir wichtig. Ich achte auf meine Ernährung und möchte alt in meinem Körper werden“, das weiß sie sicher. Die Antwort auf diese Fragen möchte sie nun in Ruhe herausfinden.

Außerdem gibt es in ihrem Leben gerade auch noch viel anderes zu tun. So ist sie in der vergangenen Woche in den Landesvorstand der SPDqueer berufen worden, den sie nun berät. In dieser Position will sie anderen Menschen in ihrer Situation helfen. Außerdem ist sie zur Feuerwehrfrau in Graß ernannt worden, wird nun etwa auch bei Hausbränden alarmiert und steckt schon mitten in ihrer Ausbildung zum Truppführer.