Kritik an Klinikum Neumarkt reißt nicht ab: Trotzdem soll Vertrag mit Management verlängert werden

Seit die Sozialstiftung Bamberg das Klinikum managt, halten die Beschwerden von Mitarbeitern an. Wer sich öffentlich äußert, dem droht eine Abmahnung. Angestellte kündigen – darunter jüngst zwei leitende Ärzte. Neumarkts Hausärzte machen sich „massive Sorgen“.
Am Montag tagt der Verwaltungsrat des Klinikums. Dann soll über die vorzeitige Verlängerung des Managementvertrags mit der Sozialstiftung Bamberg abgestimmt werden. Denn eigentlich läuft er noch bis 2025.
„Wir haben eine Option, um zwei Jahre zu verlängern“, sagt Landrat Willibald Gailler. Er will sichergehen, dass die Stiftung als „erfahrener, kompetenter und gut vernetzter Partner“ in turbulenten Zeiten im Gesundheitswesen dem Landkreis langfristig erhalten bleibt. Entscheiden müsse aber der Verwaltungsrat, sagt Gailler. Auch wenn es dort einige Kritiker gibt, gehen Insider davon aus, dass die Mehrheit seinem Vorschlag zustimmen wird.
Neumarkt Klinikum: Medizinerin wurde wegen öffentlicher Äußerung abgemahnt
Denn bisher sei das Gremium immer seinem Vorsitzenden gefolgt. „Die Mitglieder sind nicht darüber informiert, was im Klinikum vor sich geht. Denn sonst würden sie anders entscheiden“, sagt ein Insider.
Er will genauso anonym bleiben wie viele andere, die mit unserem Medienhaus gesprochen haben. Denn: Wer Mitglied des Verwaltungsrats ist, hat sich zum Stillschweigen verpflichtet. Auch Mitarbeiter müssen aufpassen. Wer im Öffentlichen Dienst arbeitet, darf per Vertrag nicht über Interna sprechen.
Eine Medizinerin des Klinikums hat wegen eines Wortbeitrags in einer öffentlichen Veranstaltung in Neumarkt postwendend eine Abmahnung kassiert. „Das ist eine Führung mit Angst“, sagt ein Mitarbeiter.
Leitende Ärzte haben deshalb diese Woche bei Landrat Gailler vorgesprochen. Nach Informationen unseres Medienhauses haben sie eindringlich versucht, ihm klarzumachen, dass am Klinikum der falsche Weg eingeschlagen werde. „Wir verspielen die Zukunftsfähigkeit des Hauses“, sagt ein anderer Insider und spricht damit aus, was etliche Stimmen seit Monaten hinter vorgehaltener Hand formulieren.
Wie Landrat Gailler die Kritik am Klinikum sieht
Den Landrat ficht die Kritik nicht an. Für ihn ist sie den Veränderungen im Haus geschuldet. Diese seien unvermeidlich, um das Klinikum zukunftsfähig aufzustellen. Dass es dabei unterschiedliche Interessen und Perspektiven darauf gebe, wie die Reformen umgesetzt werden sollten, sei bei 2400 Mitarbeitern normal. Gaillers eigene Perspektive ist: „Die Sozialstiftung hat in den vergangenen drei Jahren gute Arbeit geleistet“.
Die seiner Ansicht nach gute Arbeit der Sozialstiftung macht Gailler nicht zuletzt an der wirtschaftlichen Situation des Kommunalunternehmens fest. Zwar werde es dieses Jahr ein Defizit geben, aber das sei überschaubar – noch dazu im Vergleich zu anderen Krankenhäusern in der Region. Den wirtschaftlichen Aspekt könne man nicht außer acht lassen, wenn man ein großes Ziel verfolge: Die medizinische Versorgung der Menschen im Landkreis langfristig zu sichern.
Die Versorgung beurteilt der Landrat am Klinikum als sehr gut. Es gibt aber auch Stimmen, die Zweifel daran hegen und dafür nicht zuletzt die Führung aus Bamberg verantwortlich machen. Der Hauptkritikpunkt: Das Klinikum werde kaputtgespart und sukzessive als Filiale der Sozialstiftung einverleibt. Damit gerate das Klinikum in völlige Abhängigkeit der Sozialstiftung und verliere Kompetenzen.
Neumarkter Hausärzte sorgen sich um das Klinikum Neumarkt
Diese Unruhe spüren die Patienten, wie einige unserem Medienhaus schildern. Und ihre Unzufriedenheit wächst offenbar, wie Hausärzte in der Region bestätigen. „Es gibt immer häufiger Patienten, die sagen, dass sie nicht ins Klinikum wollen“, sagt Hans Tylla, Arzt in Berngau und Vorsitzender des Ärztenetzes. Sein Kollege im Vorstand dieses Zusammenschlusses der niedergelassenen Ärzte im Landkreis, Matthias Drabe, sagt: „Wir Ärzte machen uns massiv Sorgen um die Versorgung am Klinikum“.
Eine Umfrage unter den Mitgliedern unterstreicht dies. Darin waren die Ärzte detailliert gefragt worden, wie zufrieden sie mit dem Klinikum in verschiedenen Bereichen sind. Die Noten seien eher schlecht ausgefallen, sagt Tylla. Dem Klinikum habe man das Ergebnis zukommen lassen. Die Reaktion? „Es kam nicht viel.“
Doch woran macht sich die Sorge der Ärzte konkret fest? Ein wiederkehrendes Beispiel, das mehrere Ärzte berichten: Das Klinikum habe Patienten zunächst x-fach abgelehnt, bis sich schließlich herausgestellt habe, dass doch eine zwingend zu behandelnde Erkrankung vorgelegen habe.
Leitende Ärzte verlassen das Klinikum Neumarkt
Der Trend, möglichst viel ins Ambulante zu verlagern, sei politisch gewollt, aber es gebe Grenzen, sagt Drabe. „Einem 93-Jährigen zu sagen, dass er die Darmspiegelung ambulant machen soll, geht nicht.“ Bei den Hausärzten besteht das Gefühl, dass im Klinikum Prozesse wirtschaftlicher gemacht werden, als es der Versorgung der Patienten gut tut.
Auch die Situation beim Personal bereitet den Hausärzten beim Blick von außen Sorge. Zuletzt haben zwei leitende Ärzte gekündigt: Professor René Handschu, der Chefarzt der Neurologie, und Dr. Randolf Seitz, der Chef der Nephrologie und ärztliche Leiter des KfH-Nierenzentrums. Das Klinikum sucht zudem einen leitenden Arzt für das Endoprothetikzentrum, in dem Operationen der großen Gelenke stattfinden. Auch die Leitung für die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) ist vakant, ebenso die der IT.
Offenbar ist ein Nachfolger für die Nephrologie im Gespräch – aber die Situation am Klinikum spreche sich rum, sagen aktuelle und ehemalige Mitarbeiter. „Wer möchte hier arbeiten, wenn er sich heutzutage auf dem Markt die Stellen aussuchen kann?“ Durch Kündigungen in allen Bereichen sei die Personaldecke extrem dünn geworden. „Die Stimmung ist schlecht bis katastrophal“, sagt ein Insider.
Wie viel Personalfluktuation ist am Klinikum Neumarkt normal?
Landrat Gailler sieht das anders. Über Personalien will er im Detail nicht öffentlich sprechen, aber Fluktuation habe es schon immer an einem so großen Haus wie dem Klinikum gegeben. Es gebe zudem ausreichend Bewerbungen. Das Klinikum sei ein attraktiver Arbeitgeber.
Der Neumarkter Allgemeinmediziner Matthias Drabe fasst die Situation am Klinikum indes so zusammen: „Da kommt vieles zusammen: die Stimmung im Haus, die gesamtpolitische Situation und ein Führungsproblem“.