Medizinische Versorgung: Was die Krankenhausreform für das Klinikum Neumarkt bedeutet

Das Klinikum Neumarkt hat schwierige Monate hinter sich: Klagen von Mitarbeitern über ein schlechtes Betriebsklima und die vielen Veränderungen, dazu noch ein entlassener Klinik-Chef. Dessen Nachfolger Markus Graf spricht im Interview über die Aussichten, die nicht einfacher zu werden drohen.
Herr Graf, machen wir eine Zeitreise: Im Juli 1993 beriet der Kreistag über die Lage des Klinikums. Anlass war ein Gesundheitsstrukturgesetz. Dessen Auslöser: Explodierende Kosten und von der Schließung bedrohte Krankenhäuser. Ein Lösungsansatz waren beispielsweise mehr ambulante Operationen. Kommt Ihnen das vertraut vor?
Markus Graf: (lacht) Ja, Sie könnten einfach die Jahreszahlen tauschen.
Man fragt sich angesichts der aktuellen Krankenhausreform, geht es den Kliniken wieder oder immer noch schlecht?
Graf: Es sind Wellenbewegungen. Den Fachkräftemangel hatten wir schon einmal, danach kam ein Überschuss. Der Mangel jetzt hat aber eine andere Qualität, weil die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen und langfristig Versorgung benötigen. Kostendämpfungsgesetze gab es ebenfalls immer wieder. Eine solche finanzielle Schieflage so vieler Kliniken und Unsicherheit zur künftigen Finanzierung war jedoch noch nicht da.
Neumarkts Klinikums-Vorstand sieht Zeitplan der Krankenhausreform kritisch
Wie bewerten Sie die Reform, soweit Inhalte bekannt sind?
Graf: Die Reform ist grundsätzlich notwendig. Mit der Art und Weise, wie sie durchgepeitscht wird, muss man allerdings überlegen, ob das richtig ist.
An der grundsätzlichen Notwendigkeit zweifeln Sie nicht.
Graf: Es gibt bereits Kliniken die insolvent sind oder unter einen Schutzschirm stehen. Kann man es sich leisten, dass die Bevölkerung mit den Füßen abstimmt, ob eine Klinik erhalten bleibt? Ich glaube nicht.
Mit der Begründung, dass die Patienten weg bleiben, hat man im Landkreis das Parsberger Krankenhaus 2020 geschlossen.
Graf: Der medizinische Fortschritt macht Vieles ambulant möglich und auch schnellere Entlassungen von Patienten. Deswegen muss man schauen, braucht es noch diese Menge an Krankenhäusern und an so vielen Standorten. Das kostet alles viel Geld. Der Landkreis ist hier bereits vorangegangen.
Vorstand sieht Klinikum Neumarkt durch Krankenhausreform nicht bedroht
Sie haben betont, dass es die Reform braucht. Warum?
Graf: Wir müssen etwas tun, um die Versorgung sicher zustellen. Wir werden die Fachkräfte nicht mehr in großer Zahl haben. Deswegen brauche ich Konzentration in der Leistung, zugleich muss ich aber die Versorgung in der Fläche sicher stellen. Zumal wir alle älter werden und damit oftmals weniger mobil sind.
Wie gesichert ist die Zukunft des Klinikums Neumarkt angesichts der Krankenhausreform?
Graf: Auf Basis dessen, was bislang bekannt ist, kann man schon sagen, dass das Klinikum in der aktuellen Größenordnung fortbestehen wird. Wie Bayern die Leistungsgruppen verteilt, das wissen wir vielleicht Ende des Jahres. Dazu muss erst eine Reform des Krankenhausgesetzes in Bayern geschehen. Dann wird entschieden, welches Krankenhaus macht was. Dass im Radius, um uns in Neumarkt herum nichts ist, ist relativ gut. Dadurch müssen wir dort die Versorgung sicherstellen. Es braucht also unseren Bestand.
Krankenhausreform soll am 1. Januar 2024 in Kraft treten
Die medizinische Versorgung vor Ort ist also gesichert?
Graf: Man kann guten Gewissens nach Neumarkt kommen und wird hier sehr gut versorgt dank eines breiten Spektrums im Haus. Das sehe ich nach den jetzigen Erkenntnissen nicht durch die Reform gefährdet.
Könnte Neumarkt vielleicht sogar etwas dazu gewinnen an medizinischer Leistung?
Graf: Ich rechne nicht zeitnah damit, dass eine Entscheidung fällt, welche Krankenhäuser nicht mehr sein dürfen und damit, welche Krankenhäuser Leistungen dazu bekommen.
Warum?
Graf: Die Idee der Leistungsgruppen ist es, zu überlegen, wo brauche ich welche Versorgung. Ich sehe nicht, dass ein Großteil der Politiker ein Krankenhaus freiwillig zusperrt. Da muss die finanzielle Situation schon sehr kritisch sein.
Die Reform soll zum 1. Januar 2024 in Kraft treten. Zugleich haben Sie nichts Gesichertes, an das Sie sich bei der Planung halten könnten.
Graf: Es gibt eine Übergangsphase bis Ende 2025. Aktuell planen wir so, dass wir die Leistungen, die wir aktuell haben, weiter in dem Umfang erbringen. Ob es so kommt, entscheidet vielleicht Anfang 2024 die Zuweisung der Leistungsgruppen. Aktuell heißt es warten und hoffen, dass es so kommt, wie man es geplant hat.
Vorstand Graf geht von Defiziten für das Klinikum Neumarkt in den kommenden Jahren aus
Im März haben Sie erklärt, dass Sie 2023 ein Defizit für das Klinikum erwarten. Wie schätzen Sie die Entwicklung in den Jahren danach ein?
Graf: Ich war Ende Juli auf einer Tagung der Krankenhausdirektoren. Dort hat ein Referent vorgestellt, dass maximal 20 Prozent der Kliniken die nächsten drei Jahre ein positives Ergebnis erreichen werden. Ich rechne die kommenden zwei Jahre auch in Neumarkt, trotz eingeleiteter Maßnahmen der Restrukturierung, nicht mit einer schwarzen Null.
Auch weil es eine Menge Herausforderungen zu bewältigen gibt. Welche sind das?
Graf: Die Ambulantisierung. Prozesse müssen dafür im Haus verändert werden. Wer macht wann was und wo. Dafür müssen wir auch bauen. Ein weiteres Thema: Wie bekomme ich die Versorgung in der Fläche gesichert. Es gibt viele freie Arztsitze im Landkreis, weil sich viele Ärzte nicht mehr selbstständig niederlassen möchten. Hier ist das Klinikum und das Medizinische Versorgungszentrum gefragt. Und ein weiterer Punkt: Wie bekomme ich das Fachpersonal in der nötigen Anzahl. Ach ja, und die Digitalisierung läuft so nebenher (lacht). Im Ernst, das bringt große Einschnitte mit sich. Das verändert Prozesse aller Berufsgruppen.
Wie ist das Betriebsklima im Klinikum Neumarkt?
Vor fünf Monaten haben Sie ein Klinikum übernommen, das nach außen den Eindruck großer Unruhe erweckte.
Graf: Es war unruhig. Was viel mit der Prozessveränderung und der Kommunikation zu tun gehabt hat. Kommunikation ist eh immer schwierig, sie gut zu gestalten. Es gibt immer das Sender- und Empfänger-Thema: Was meint der, der etwas sagt, und wie kommt es bei dem an, der es empfängt. Wenn man merkt, dass es irgendwo brodelt, muss man rechtzeitig gegensteuern. Das gelingt mir meiner Meinung nach schon, weil ich die Informationen bekomme. Das zeigt mir auch, dass es eine Offenheit und Vertrauen gibt.
Wie nehmen Sie inzwischen das Betriebsklima wahr?
Graf: Ich nehme eine positive Grundstimmung wahr. Man konfrontiert mich mit den Problemen, die da sind. Aber man kann in eine gute Lösungsdiskussion eintreten. Ich erlebe es offen, auch wenn ich Prozesse verändern muss und Einschränkungen machen muss, weil das Geld nicht mehr so da ist wie in den vergangenen Jahren.
