Neuer Klinikums-Chef erwartet 2023 Defizit: Was das für das Neumarkter Haus bedeutet

Im Interview spricht der Klinikums-Vorstand Markus Graf über die umstrittene Krankenhausreform und wie sie sich auf das Klinikum auswirken könnte. Außerdem: Der hohe Veränderungsdruck betrifft auch die mehr als 2000 Mitarbeiter. Wie will Graf damit umgehen?
Herr Graf, wo sehen Sie sich in zweieinhalb Jahren?
Graf:(lacht) Natürlich hier im Klinikum Neumarkt.
Zweieinhalb Jahre sind die durchschnittliche Verweildauer von Krankenhauschefs in Deutschland. Bei Fragen nach den Gründen für das Aus Ihres Vorgängers René Klinger haben die Verantwortlichen immer darauf verwiesen.
Graf:Meine Zielsetzung ist Stabilität in dieser Position.
Was war Ihr erster Gedanke, als sich Ihr Engagement in Neumarkt anbahnte?
Graf:Durch die Kooperation mit der Sozialstiftung Bamberg war ich schon öfter in Neumarkt. Deswegen dachte ich mir: „Schön, eine spannende Aufgabe“. Aber, es ist auch eine durchaus turbulente Zeit.
Graf: Liquidität und Fachkräftemangel sind die großen Probleme der Krankenhäuser
Und wie ist Ihr erstes Fazit?
Graf:Ich werde super aufgenommen. Alle sind offen und zugewandt. Ich erhalte nach meiner Wahrnehmung einen großen Vertrauensvorschuss. Die Probleme sind überall gleich, von daher kenne ich die Sorgen und Nöte. Ob ich gleich eine Lösung anbieten kann, wage ich zu bezweifeln. Aber das Klinikum ist in vielen Bereichen auf einem guten Weg.
Aktuell streitet sich die Politik über die Krankenhausreform. Wie blicken Sie auf das, was da diskutiert wird?
Graf:Eine Reform ist sicher notwendig, weil ein „Weiter so wie bisher“ ist finanziell nicht abbildbar im Gesundheitswesen. Außerdem gibt es in Deutschland leider nicht die benötigten Fachkräfte, um jedes Krankenhaus überall im Betrieb zu halten. Es wäre aber sinnvoll, wenn der Abbau geplant laufen würde. Allerdings scheint es momentan so, als ginge es nach: Wer hat den stärksten Finanzgeber hinter sich und überlebt die turbulenten Zeiten mit steigenden Kosten und wer nicht. Es ist täglich von Defiziten und drohenden Klinikpleiten die Rede. Das alles beschäftigt uns auch in Neumarkt. Aber ich denke, wir sind hier gut aufgestellt.
Wie es um die medizinische Versorgung in Neumarkt künftig steht
Zuletzt war viel vom drohenden Krankenhaussterben die Rede. Panikmache oder Realismus?
Graf:Panikmache fände ich übertrieben. Es ist schon ein berechtigter Hinweis. Viele Häuser haben keine Liquidität mehr und wenn dann kein Finanzgeber einspringt, besteht keine Zahlungsmöglichkeiten mehr. Es wird sicherlich jetzt vermehrt vorkommen, dass Häuser schließen oder zusammengelegt werden.
Müssen sich die Bürger im Landkreis sorgen?
Graf:Nein, man muss sich nicht um das Klinikum sorgen. Die notwendigen Schritte zur Sicherung des Hauses sind eingeleitet.
Die bayerische Krankenhausgesellschaft spricht angesichts der Reformpläne davon, dass künftig nur noch 42 von 400 Kliniken in Bayern eine umfängliche stationäre Versorgung anbieten werden können: Wird Neumarkt dazu gehören?
Graf:Ja. Derzeit sind wir auf Level zwei (Regel und Schwerpunktversorgung; Anmerkung der Redaktion) und ob wir das Level drei (Maximalversorger; Anm. d. Red.) erreichen können oder nicht, das entscheiden Strukturkriterien, die wir aktuell intern prüfen.
2022 schrammt Klinikum Neumarkt wohl an einem Defizit vorbei
Wenn Mindestmengen bei Behandlungen und andere Instrumente kommen, um Leistungsspektren von Krankenhäusern neu festzulegen, drohen dem Klinikum dann medizinische Bereiche verloren zu gehen?
Graf:Bisher erfüllen wir alle Mindestvorgaben, also auch an Operationszahlen. Wenn natürlich die Anforderungen weiter nach oben gesetzt werden, muss neu bewertet werden, was dann noch möglich ist. Aber dann würde es deutschlandweit auf sehr wenige Zentren konzentriert werden.
Was sind konkret aus Ihrer Sicht die großen Probleme für Krankenhäuser und was davon betrifft auch Neumarkt?
Graf:Die Probleme sind Fachkräftemangel und Liquidität. Fachkräftemangel haben wir auch in Neumarkt. Liquidität ist derzeit noch gegeben.
Hat das Klinikum Neumarkt 2022 ein Defizit geschrieben?
Graf:Noch steht der Jahresabschluss aus. Aber die Tendenz ist, dass wir 2022 wohl noch von einem Defizit verschont geblieben sind.
Sie sagen noch. 2023 steht also ein Defizit zu befürchten?
Graf:Es ist davon auszugehen.
Energiekosten des Klinikums Neumarkt verdoppeln sich
Was sind die dafür verantwortlichen Faktoren?
Graf:Dass Leistungen, die bisher stationär waren, jetzt ambulant sein müssen. Die Strukturen dafür sind aber noch nicht da. Das heißt, uns bricht ein gewisser Patientenstamm einfach weg und damit Vergütungen. Dann haben wir noch die Nachwehen von Corona. Wir haben noch nicht wieder die volle Leistungsfähigkeit. Hinzu kommen der Fachkräftemangel und die Preissteigerungen, sei es bei Gehalt oder Sachkosten.
Und wie haben sich die Energiekosten entwickelt?
Graf:Die haben sich mehr als verdoppelt. Von 1,7 Millionen Euro in 2021 auf prognostizierte 4,1 Millionen für 2023.
Kann das Haus sich dadurch manches nicht mehr leisten?
Graf:Wir müssen prüfen, wo wir Energie sparen können. Und klar, wenn das Geld zu Ende ist, muss man klar festlegen, welche Investitionen unbedingt notwendig sind, und welche Investitionen vorerst noch aufgeschoben werden müssen.
Aber soweit ist das Klinikum noch nicht?
Graf:Mir ist bislang nichts anderes bekannt.
Neuer Klinikums-Chef setzt auf Kommunikation mit Mitarbeitern
Zurück zum angesprochenen Fachkräftemangel. Was kann das Klinikum tun?
Graf:Man sollte in die Ausbildung investieren und schauen, wo kann man qualifiziertes Personal gewinnen und wie ist es möglich, dieses zu halten. Durch die Neumarkter Akademie und die damit zusätzlich gewonnen Ausbildungsplätze und Kooperationen sind auch hier schon wesentliche Meilensteine gesetzt.
In den vergangenen Monaten war die Rede von einem angeblich schlechten Betriebsklima. Wie ist Ihre Beobachtung?
Graf:Die Kontakte, die ich hatte, waren durchweg positiv. Ich persönlich nehme aktuell auch eine positive Grundstimmung wahr.
Der Veränderungsdruck im Klinikum wird in den kommenden Jahren hoch bleiben?
Graf:Die nächsten zwei Jahre werden wir sicherlich gut zu tun haben mit der Digitalisierung. Wir müssen sie zudem schnell umsetzen, damit weiter Fördermittel fließen. Das macht Druck und fördert Ängste in der Belegschaft. Noch dazu wissen wir nicht, was die Strukturreform bringen wird.
Was leiten Sie daraus für Ihren Umgang mit den Mitarbeitern ab?
Graf:Kommunikation. Mein Ansatz ist, wenn ich verstehe, warum ich etwas tue oder nicht mehr tun kann, kann ich es vielleicht leichter mittragen.