Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte: „Sagen Sie mir ein Museum, das das schafft“

Das Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg spart Energie wie ein Weltmeister, zieht junges Publikum an und bekommt jetzt auch noch ein womöglich spektakuläres Kunstwerk für mehrere hunderttausend Euro. Ein Interview mit Direktor Richard Loibl.
Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte, sitzt im Wirtshaus des Museums, vor sich einen schönen großen Salat. Am Ende des Gesprächs ist der Teller fast unberührt: Es gibt einfach zu viel zu erzählen.
Dr. Loibl, vor dem Haus, für 100 Millionen Euro gebaut und für sein Ufer-Panorama gerühmt, sind die Treppen zur Donau gesperrt, weil die Stadt Regensburg nicht genug Personal hat, um die Anlage zu räumen und zu streuen. Bleibt das so?
Richard Loibl: Ich hoffe nicht. Falls die Sperrung länger geplant ist, würden wir mit der Stadt eine Lösung suchen. Der Kontakt ist ja sehr gut.
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Draußen stehen die ersten Buden des Weihnachtsmarkts. Die Fläche wollte auch der Bio-Donaumarkt haben. Begrüßen Sie die Nutzung?
Loibl: Unbedingt. Vor allem stelle ich fest: Vor drei Jahren hieß es noch, der Museumsplatz ist greislich. Und jetzt raufen sich alle darum.
Stichwort greislich: Sie planen Solarpaneele. Wird das ästhetisch verkraftbar im Welterbe?
Loibl: Am Dom tät ich’s nicht machen. Bei uns: Ja! Wir geben in den nächsten Tagen unseren Bauantrag ab.
An wie viel Fläche denken Sie?
Loibl: Unser Dach hat etwa 2500 Quadratmeter Fläche. Aber in Regensburg ist ja alles genau geregelt. Von mehreren Punkten wie der Steinernen Brücke und dem Dreifaltigkeitsberg dürfen die Paneele nicht sichtbar sein. Das bedeutet: Sie kommen nur auf den inneren Kernbereich des Dachs. Ich frag’ mich allerdings, ob’s nicht schöner wäre, eine geschlossene, homogene dunkle Fläche zu sehen als Grau neben Schwarz. Noch dazu auf einem modernen Gebäude wie dem unseren.
Rentiert sich das Solardach?
Loibl: Massiv sogar. Wir werden mindestens ein Drittel unseres Strombedarfs über Solar decken. Ein Riesenvorteil: Wir speisen nichts in Netz, weil wir selber großen Strombedarf haben und alles selbst verbrauchen. Wärme und Kälte holen wir aus der Kanalisation. Wir brauchen kein Gas und keinen Tropfen Öl. Das ist wunderbar. Das Museum der Zukunft steht nicht in Nürnberg, sondern in Regensburg. Wir sind auf dem Weg zum Energiespar-Weltmeister. Wenn wir die ganze Dachfläche belegen dürften, wären wir das erste Energie autarke Museum in Europa, wenn nicht der Welt.
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Wie drückt sich das in Euro aus?
Loibl: Wir geben rund 200.000 Euro im Jahr für alles aus: für Strom, Wärme, Klimaanlage, Wirtshaus, Licht. Die Stadt liefert uns die Energie aus der Kanalisation, wir pumpen sie hoch. Wir schätzen, dass wir ein Drittel durch exakte Regelung unserer Technik einsparen können. Ein weiteres Drittel holen wir über unsere Solaranlage. Das ist eine Wucht! Museen vergleichbarer Größe müssen pro Jahr für Energie einen Millionenbetrag ausgeben.
Dann schwimmen Sie ja in Geld.
Loibl: Ein schönes, aber leider nicht richtiges Bild trotz der Donau vor dem Haus. Fakt ist aber, dass es uns besser geht als anderen Kultureinrichtungen. Das hat seinen Grund in einem höchst effizient zu bespielenden Haus und einer hochmotivierten Belegschaft von den Wissenschaftlern bis zu den Technikern und dem Besucherservice. Dadurch sparen wir viel Geld, das wir in Sonderaustellungen und andere Aktivitäten investieren können. Davon haben dann alle was.
Warum machen das nicht alle Museen so?
Loibl: Wir waren beim Bau in einer glücklichen Lage. Wir hatten das Konzept für unser Haus fertig, bevor der Architekturwettbewerb lief. So konnten wir unsere Kompetenz aus vielen Landesausstellungen für unser Haus nutzbar machen. Und dann kam mit Stefan Traxler ein Ausnahmearchitekt, der pragmatisch und nutzerorientiert denkt. Die Rückendeckung durch Horst Seehofer hat uns sehr geholfen, die Nachhaltigkeit als Ziel festzuschreiben und Kurs zu halten.
Woran machen Sie die Modernität fest?
Loibl: Zum Beispiel macht es bei vielen Museen die Gebäudeanlage beinahe unmöglich, ein Kunstwerk wie einen Dürer zu zeigen. Bei uns fährt der Lkw mit dem Gemälde in das Gebäude, die Tore gehen zu, die Umgebung wird einklimatisiert, der Dürer über Hebebühne erschütterungsfrei aus dem Lkw herausgehoben und in den Ausstellungsraum gleich nebenan geschoben. Das nenn ich effizient.
Museen landauf, landab klagen über Gästeschwund. Sie auch?
Loibl: Seit der Eröffnung am 4. Juni 2019 haben das Haus rund eine Million Menschen besucht. Corona war eine Zäsur. Aber unsere Zahlen erholen sich. 2022 hatten wir rund 200.000 Besucher an 308 Tagen. 2023 liegen wir bei über 225.000 an 275 Tagen. Ich kann aber die Klage von Museumskollegen schon verstehen. Die Besucherschaft ändert sich gerade fundamental. Auf das Bildungsbürgertum im klassischen Sinn kann man sich nicht mehr allein verlassen.
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Für Landesausstellungen heißt Ihre Formel: 100.000 Besucher plus x. Zur großen Barock-Schau dieses Jahr kamen nur 51.000 Gäste. Warum?
Loibl: Regensburg war ja nur die erste Station der zweiteiligen bayerisch-tschechischen Landesausstellung und die Laufzeit bei uns war um mehr als einen Monat kürzer als bei anderen Landesausstellungen. Dafür haben die Tschechen mitbezahlt. Ab 8. Dezember ist die Ausstellung im Nationalmuseum in Prag zu sehen. Hier werden wir die 100.000 voll machen. Insofern passt das Ergebnis. Bemerkenswert ist eine andere Sache: Mit 100 Euro pro Besucher erreichten wir unsere höchste jemals erzielte Umwegrentabilität. Jeder Besucher hat im Durchschnitt 100 Euro in der Stadt gelassen. Das heißt: die Barockliebhaber haben auch weite Wege nicht gescheut, um die Landesausstellung zu besuchen. Für den Regensburg-Tourismus war sie ein absoluter Bringer.
Wenn Bildungsbürger ausbleiben: Wie holen Sie junges Publikum?
Loibl: Die Angebote an Schüler ziehen. Beim Escape-Game klären die Schülerinnen und Schüler einen historischen Mordfall aus der Weimarer Republik. Es ist ständig ausgebucht. Und: Junge Familien kommen gern, weil die Kinder mit den vielen spielerischen Elementen in der Dauerausstellung so schön beschäftigt sind. Überhaupt: Unsere Dauerausstellung, die wir immer wieder erneuern, zieht immer noch. Jeder fünfte Besucher ist 20 bis 40 Jahre. 41 Prozent unserer Gäste sind unter 30. Sagen Sie mir ein historisches Museum, das das schafft.
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Stichwort Historisches Museum: Bei der Eröffnung hieß es, Bayern- und Stadt-Museum könnten sich stützen und pushen. Ist aus dieser schönen Vorstellung etwas geworden?
Loibl: Das Städtische Museum steht vor einer grundlegenden Neukonzeption und wird sich noch länger mit sich selbst beschäftigen müssen. Gemeinsame Projekte sind deshalb Zukunftsmusik. Mit dem Stadtarchiv sind wir dagegen im Dauerkontakt. Und überhaupt mit der Stadt Regensburg arbeiten wir auf vielen Feldern ganz hervorragend zusammen. Ansonsten sind wir im HdBG mit unseren Landesausstellungen in ganz Bayern präsent und in wenigen Tagen sogar in Prag. Wir sind damit in die Champions League aufgestiegen.
Und warum ist Ottfried Fischer auf dem Titel des neuen Magazin des Hauses zu sehen?
Loibl: Der Titel lautet nicht umsonst „Irgendwie und sowieso?“. Es geht um die 1960er in Bayern, wie sie wirklich waren.
Welche Ausstellungen planen Sie für 2024?
Loibl: Die Kabinett-Ausstellung „Weltenbrand“ ab März führt nach Bayern im Ersten Weltkrieg. Wir erzählen die schönste bayerische Liebesgeschichte und decken hochinteressante Bezüge zu Regensburg auf. Wir bekommen viel Material. Viele Menschen vertrauen uns ihre Schätze an. Im Foyer werden wir Einblicke in unsere Sammlung geben. Aktuell stehen wir kurz vor dem Erwerb der wohl bedeutendsten historischen Foto- und Postkartensammlung zum Bayerischen Wald. Als große Sonderausstellung werden wir „Verlorene Heimat? Bauboom kontra Flächenfraß“ zeigen, unsere erste nachhaltig zertifizierte Präsentation mit herausragenden Medienproduktionen. Und dann gibt’s natürlich noch unsere große Landesausstellung ab Mai in Freising: „Tassilo, Korbinian und der Bär – Bayern im frühen Mittelalter“.
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Das Museum wird 2024 fünf Jahre alt. Aber die „Kunst am Bau“ fehlt immer noch. Wird das noch was?
Loibl: Gerade hatten wir große Sitzung, um die Wettbewerbsentwürfe zu bereden. Wir haben engagiert diskutiert. Es geht um viel Geld. Es soll auch etwas herauskommen, was zu unserem Haus passt und ihm hilft. Soviel kann ich verraten: Es kann eine ganz spektakuläre Form moderner Kunst entstehen, die niemand so erwartet. Was noch fehlt: Es muss der Nachweis erbracht werden, dass es technisch auch umsetzbar ist.
Können Sie Ihren Favoriten beschreiben?
Loibl: Natürlich nicht! Der Wettbewerb läuft ja noch. So viel kann ich aber sagen: Eine künstlerisch gestaltete Maschine zum Kehren der Treppen am Donau-Ufer wird’s nicht.
Interview: Marianne Sperb
