Bayern-Museum mit breiter Brust: Barockschau setzt Maßstäbe

Regensburg sagt Servus, Prag Ahoj: Die bayerisch-tschechische Landesausstellung reist bald zu Station zwei. Vor dem Abschied gibt es ein Fest, bei freiem Eintritt, Gratis-Führungen und Schmankerln am 30. September ab 9 Uhr.
In ein paar Wochen sind wird der Donausaal im Haus der Bayerischen Geschichte (HdBG) wieder so leer sein wie im Mai, vor der Bayerisch-Tschechischen Landesausstellung. Die ganze Pracht rollt dann in Klimakisten Richtung Prag. „Barock! Bayern und Böhmen“ endet nach 105 Tagen am 3. Oktober.
Regensburg sagt Servus und Prag Ahoj: Im Nationalmuseum, stolzes Haus am Wenzelsplatz, eines der größten und ältesten der Welt, beginnt am 8. Dezember Teil II der Schau. Vorher wird noch gefeiert: mit freiem Eintritt, Gratis-Führungen und Schmankerln am 30. September ab 9 Uhr.
Direktor Richard Loibl, Projektleiter Peter Wolf und Kulturreferent Wolfgang Dersch zogen am Donnerstag am Donau-Ufer Bilanz über eine Ausstellung, die sich „in die Geschichte des Museums und der Stadt eingegraben hat“ (Loibl), holten ein paar besondere Momente aus dem Erinnerungsschatzkastl und ließen sie glitzern.
Das Bayern-Museum präsentiert sich mit breiter Brust. Es erzielte 2023 ein sattes Plus von 30 Prozent und zählte von Januar bis September 180000 Besuche (2022: 120 000). Vor allem Schüler strömten nach Corona wieder. Lockstoff bot ein Escape-Spiel, bei dem eine Klasse als Investigativ-Team Hass, Hetze und Mord in der Weimarer Republik nachspürt. Das Spiel war ständig ausverkauft. Auch bei Jugend und jungen Familien – in anderen Museen rar – zieht das Haus. Jeder vierte der 75000 Gäste in der Dauerausstellung ist zwischen 19 und 40 Jahre. Viel Zulauf von „Ersttätern“ bescherten das Barockfest im Juli und die „Nacht der Mode“ im August. Obendrein steuern Touristen der Donauschiffe das Haus öfter an. „Manches“, so Loibl, „fällt einem auch in den Schoß.“
Die Hitze wirkt als Kassengift
Regensburg klinkte sich mit kleineren Veranstaltungen in die Landesausstellung ein und engagierte sich dafür groß beim Barockfest, bei dem Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer kaum nachkam beim Verteilen von Barocktorte an Besucher. Die Nachbarn aus Tschechien zog es in Scharen nach Regensburg. Von Januar bis Juli 2023 zählte die Stadt Regensburg sage und schreibe 70 Prozent mehr Touristen aus dem Nachbarland.
Die opulente Schau, die die Pracht einer Epoche und ihren blutigen Preis in schwelgerischer Fülle präsentiert, bewunderten rund 50000 Menschen. Mindestens genau so viele dürften es an ihrer zweiten Station Prag werden, schätzt der Direktor. „Mit 100000 Besuchern kommen wir nach dem Corona-Knick langsam wieder dahin, wo wir hinwollen.“ Früher waren Sommermonate der Bringer, heute ist der Herbst – hitzebedingt. Senioren bleiben bei 30 Grad eher fern. Den Wandel will Loibl künftig stärker in Planungen einpreisen.
Die Schau startete spektakulär: Zur Kabinettssitzung unter dem Löwen im Foyer kam Tschechiens Politprominenz mit Ministerpräsident Petr Fiala an der Spitze, zur Eröffnung war der Dom mit 1200 Menschen in festlich-freudiger Stimmung bis in die letzte Ecke besetzt. „Das werde ich nie vergessen“, sagte Loibl gestern.
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Wolf bleibt die freundschaftliche Zusammenarbeit der Teams von hüben und drüben in Erinnerung – keine Selbstverständlichkeit vor dem Hintergrund einer bewegten, auch schmerzlichen gemeinsamen Geschichte. Die Koordination verlangte „Diplomatie und Nehmerqualitäten“, betonte Loibl, der Lohn: Das Projekt hebt das Verhältnis von Bayern und Tschechien auf eine neue Stufe. Die bilaterale Ausstellung soll Blaupause werden für weitere, Hand in Hand mit Österreich, Ungarn und anderen Nachbarn im Kulturraum an der Donau.
Ein zweites Feld, auf dem die Barockschau Maßstäbe setzt: Erstmals ist eine Landesausstellung eins zu eins in zwei Häusern zu sehen, die auch noch maximal unterschiedlich gebaut sind: hier das topmoderne HdBG, dort das Nationalmuseum im Stil der Neorenaissance.
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Nicht nur die Exponate reisen von Regensburg nach Prag, auch die komplette Architektur und die Medien. Möglich machte das die Gruppe Gut aus Bozen. Sie entwarf für die 1000 Quadratmeter im Donausaal lauter kleinformatige genormte Module, die sich wie der Schwanz einer Klapperschlange zum Ausstellungsrund formten. „Da ist nichts geschraubt, sondern alles gesteckt“, verdeutlichte Wolf. Die Prager wollen die Module nach dem Abbau am 8. Mai 2024 auch gar nicht mehr hergeben, sondern für ein, zwei weitere Ausstellungen nutzen. Wolf: „Ein Traum an Nachhaltigkeit!“ Nur das riesige Deckensegel mit den Asam-Fresken, in Regensburg der Hingucker, das können die Partner nicht unterbringen. Für Loibl zeigt der ökologisch-kulturelle Großversuch vor allem: „Nachhaltigkeit kostet am Anfang vor allem Hirnschmalz und sie zahlt sich am Ende aus.“
Tassilo, der Bär – und der Flächenfraß
Freising: „Tassilo, Korbinian und der Bär“, die Landesausstellung 2024, schaut auf Bayern im frühen Mittelalter. Über die hochkarätigen Exponate sagt Richard Loibl: „A Wahnsinn!“. Die kostbarsten Schätze wandern in Vitrinen mit Schutzglas, die dem Angriff einer Panzerfaust standhalten. Die Schau ist ab 7. Mai 2024 in Dom und Dommuseum Freising zu sehen.
Regensburg: Unter dem Titel „Verlorene Heimat?“ vermisst eine Sonderausstellung 2024 im Bayern-Museum Regensburg die Dimension von Bauboom und Flächenfraß ab 1945 und macht deutlich, wie extrem sich der Freistaat verändert hat. Die Schau wird medial und filmisch raffiniert und innovativ ausgestattet und soll weitestgehend klimaneutral bleiben.
