Neue Landesausstellung eröffnet: Regensburg schwelgt im Barock

Von Marianne Sperb · 9. Mai 2023 um 19:05

Im Dom ist am Dienstag alles aufgeboten, was das Festprotokoll hergibt. Die Domspatzen singen, Blasmusik und Orgel erklingen, vorn stehen Fahnen und im Kirchenschiff sitzen 700, vielleicht 900 Gäste: Botschafter, Bosse und Bischöfe, Präsidentinnen und Direktoren, Forscherinnen und Leihgeber. Die Polit-Prominenz führen BayernsMinisterpräsident Markus Söder und Tschechiens Ministerpräsident Petr Fialaan. Der Start der bayerisch-tschechischen Landesausstellung, er fällt so festlich-üppig aus, wie es ihr Thema vorsummt: „Barock! Bayern und Böhmen“.

Lebensfreude und den Genuss des Moments drückt die Epoche aus; sie sind das Grundbrummen im Dom und später im Haus der Bayerischen Geschichte (HdBG). Ludwig Prinz von Bayern etwa, IT-Unternehmer, Entwicklungshelfer und Ururenkel von König Ludwig III., sagt überschwänglich: „Barock an sich ist wunderbar. Und wenn man hier bayerischen und böhmischen trifft, ist man nicht zwei, sondern drei Mal beschenkt.“

Lesen Sie mehr über den Eröffnungstag:Söder und Fiala schreiben Geschichte

Das Lebensgefühl nennt Bayerns Kunstminister Markus Blume später als eins von vielen Dingen, die beide Länder verbinden. Die Ausstellung, die Krisen und Wiederaufbau umkreist, komme zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Tschechiens Kulturminister Martin Baxa feiert eine „fürwahr einzigartige Schau“ und betont: „Erstmals wird in voller Breite und überwältigender Schönheit das Barock gezeigt.“ Seite an Seite könnten die 170 Objekte hier gemeinsame Geschichte und gemeinsame Kultur in ihrer Gänze auserzählen.

Die Schau hat Spannkraft

Petr Fiala zieht Parallelen zwischen Bayern und Böhmen. Beide ehrten ihre Traditionen, beide konzentrierten sich auf Fortschritt und Forschung, beide seien bis heute barock geprägt. Die Schau animiere, die Ära, die einst ein Startpunkt internationaler Beziehungen wurde, neu zu lesen: auch als Suche nach Werten. „Wir sind ein Kulturraum“, betont Markus Söder. Bayern sei mit kaum einem anderen Land so eng verbunden wie mit Tschechien. Optimismus sei hier eine Haltung, an der sich mancher Nörgler orientieren könne. „Gemeinsam Brücken in die Zukunft bauen ist unser Ziel. Und man sieht an der Steinernen Brücke in Regensburg und der Karlsbrücke in Prag: Brücken bauen können wir.“

Die Schau macht keinen Hehl aus der schwierigen Geschichte beider Länder. Genau das, betont Michal Lukeš, Direktor des Nationalmuseums Prag, verleiht ihr Dynamik, Spannkraft und Raum für Debatte. „So erhält sie eine fürwahr europäische Dimension.“

Lesen Sie mehr über die Ausstellung:Die Pracht und ihr blutiger Preis

„Barock!“ ist das Ergebnis fünfjähriger Vorbereitung und die erste Landesausstellung, die völlig gemeinsam konzipiert ist, die paritätisch höchst unterschiedliche Perspektiven spiegelt, aus denen beide Länder auf die Ära blicken, und die 1:1 an zwei Orten zu erleben ist: ab heute im Bayern-Museum in Regensburg, ab 8. Dezember im Nationalmuseum Prag.

Die Gruppe Gut aus Bozen hat sozusagen eine Klapp-Ausstellung entworfen, nachhaltig, kostensparend und transportierbar. Die ganze Schau lässt sich in drei Containern verstauen. Und die genormten Module passen für den Donausaal in Regensburg genauso wie für die Räume in Prag. HdBG-Direktor Richard Loibl kündigt für 2024 sogar die erste komplett CO2-freie Ausstellung an.

Eine Epoche der Extreme

„Barock!“ entfaltet sich zwischen zwei Eckpunkten: 1623 wird Herzog Maximilian I. von Bayern Kurfürst, kurz nach dem blutigen Strafgericht in Prag, das Böhmen demütigt und seine Adligen vierteilt. Und: 1723 feiert Prag das Fest des Jahrhunderts, als der habsburgische Kaiser Karl VI. und seine Frau zum böhmischen Königspaar gekrönt werden und eine Pracht entfesselt wird, die ihresgleichen sucht.

In den 100 Jahren dazwischen erleben Böhmen und Bayern im 30-jährigen KriegZerstörung von ungekanntem Ausmaß – und Pracht, die einem die Augen überlaufen lässt. Das Barock, der neue Stil, durchdringt Architektur, Malerei, Musik und Mode und prägt den Wiederaufbau der verheerten Länder. Auf Gemetzel, Seuchen und Tod antwortet ein verschwenderischer Stil, der vor allem eine Botschaft transportiert: Lust auf Leben und an Schönheit, trotz allem.

Eine Flohfalle aus Elfenbein

Hochkarätige Objekte spiegeln die Epoche der Extreme. Am Eingang zeigt ein Gemälde alle schauerlichen Details der Hinrichtungen von 1621. Gegen Ende des Rundgangs und rund 100 Jahre später gefertigt, belegt ein köstliches Paar zierlicher Damenschuhe aus Seide den Hang zum Luxus.

Projektleiter Peter Wolf und sein Team bringen eine Fülle von Exponaten zum Sprechen über Hunger, Armut, Religionskrieg, Künste, Wissen und wirtschaftliche Verflechtung. Gemälde – sogar ein Tiepolo ist vertreten –, Stiche, Kriegsgerät, Architekturmodelle, Heiligenfiguren und Klosterarbeiten, vergoldete Schalen und bemalte Glasbecher, Münzen, Büsten und auch eine Flohfalle aus Elfenbein treten als Zeugen an. Die ganze Pracht überwölbt im Donausaal ein Fresko voller Engel von Cosmas Damian Asam, auf Stoff gedruckt. Am Eröffnungstag, als Söder, Fiala und Hunderte Gäste die Ausstellung bestaunen, ist der Prachthimmel das begehrteste Fotomotiv.

Peter Wolf, Richard Loibl und Ludwig Prinz von Bayern (v.l.) vor dem Festakt im Dom
Demonstranten protestieren am Rand der Eröffnung auf dem Domplatz gegen Abschiebungen.
Prächtige Kulisse im Dom: mit Fahnen, Domspatzen und Hunderten von Festgästen
Polit-Prominenz: Petr Fiala, Markus Söder und Markus Blume (von rechts)
Berittene Sicherheitskräfte, bereit zum Eingreifen, vor dem Reiterstandbild am Domplatz
Nach dem Festakt in der Kathedrale ging es zum Bayern-Museum am Donauufer.
Vor dem Haus der Bayerischen Geschichte: Die Festgesellschaft feiert Eröffnung.