Barock-Ausstellung in Regensburg zeigt die Pracht und ihren blutigen Preis

Regensburg. Nichts für schwache Nerven: Haus der bayerischen Geschichte und Nationalmuseum Prag leuchten in „Barock! Bayern und Böhmen“ eine Epoche der Extreme aus. Eröffnung ist am 9. Mai.
Am Ende des Rundgangs im Donausaal winkt dem Besucher ein herziger Putto zu. Das Engerl kommt aus Schloss Sünching im Landkreis Regensburg, wo Ignaz Günther um 1760 einen der schönsten Rokoko-Säle Bayerns schuf. Das Engelslächeln tut einem gut nach 90 Minuten in Extrem-Gefühlslage. Denn eins ist klar: Die bayerisch-tschechische Landesausstellung, die am 9. Mai in Regensburg eröffnet und im Dezember nach Prag wechselt, ist nichts für schwache Nerven.
„Barock! Bayern und Böhmen“ ist ein opulentes, ein spektakuläres Projekt. Das Haus der Bayerischen Geschichte (HdBG) in Regensburg und das Nationalmuseum in Prag haben – erstmals – Seite an Seite und streng paritätisch auf 1000 Quadratmetern eine Landesschau konzipiert. Das klingt einfacher, als es ist, obendrein weil Bayern und Böhmen sehr unterschiedlich auf ihre Geschichte schauen, wie Projektleiter Peter Wolf am Donnerstag vor Medienvertretern klar macht. Denn der Wundschmerz, er pocht auch 400 Jahre nach dem Gemetzel an böhmischen Adligen und der barbarischen Rekatholisierung noch leise.
Ein Himmel voller Engel
Der Schulterschluss ist jedenfalls eine „große Ehre“, sagt HdBG-Direktor Richard Loibl und lässt zwei Zahlen fallen, die verdeutlichen, wie extrem unterschiedlich die Partner sind: Das junge Bayern-Museum hütet vielleicht 500000 Objekte, das stolze Haus in Prag 20 Millionen. Jetzt haben beide ihre Schatztruhen weit geöffnet. „Sie werden“, sagt Loibl, „eine solche Anhäufung von Spitzenobjekten so schnell nicht wieder sehen.“
Tiepolo, Asam, Dientzenhofer: Geniale Künstler des Barock treten im Donausaal an. Kelche und Zepter aus Silber, gepunzt, getrieben, vergoldet, glänzen hier um die Wette. Barocke Mode und theatrale Spielereien übertrumpfen sich. Und über allem wölbt sich ein Deckensegel mit Heerscharen von Engeln und Heiligen. Die üppige Szenerie, auf Stoff übertragen, stammt von dem Fresko, das Cosmas Damian Asam für die Klosterkirche in Ensdorf schuf: verschwenderisch inszeniertes Herzstück der Schau. 150 Originale erzählen von einer Epoche großer Leidenschaften, von Abgründen und Illusionen, Himmel und Hölle.
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Das Barock war eine Art Marshall-Plan, so nennt es Loibl, ein Wiederaufbauprogramm im großen Stil, das auf eine Tragödie folgte und auf Zerstörung nie gekannten Maßes. Denn all die spätere Pracht kostete zuvor einen blutigen Preis. Europa lag in Trümmern, vom 30-jährigen Krieg verwüstet, ganze Dörfer entleert, die Welt auf den Kopf gestellt. Die Bauern, die auf verheerten Feldern nichts zu bestellen hatten, bauten später als Handwerker an Schlössern und Klöstern mit.
Die Schau beginnt vor genau 400 Jahren: In Regensburg wird 1623 dem bayerischen Herzog Maximilian die pfälzische Kurwürde und die Herrschaft über die Oberpfalz übertragen. In Prag leidet man da noch an den Folgen von „Prager Fenstersturz“, Schlacht am Weißen Berg und Strafgericht.
„Das ist keine Jubelschau“
Die Habsburger hatten den böhmischen Ständeaufstand 1621 grausam gerächt, wie in der Ausstellung zu studieren ist. Adlige wurden gevierteilt, Beamte an der Zunge aufgehängt. Eine Jubelschau für Maximilian I. ist in Regensburg nicht zu sehen. „Das wollten wir keinesfalls“, sagt Loibl. Dazu ist der Kurfürst, der als Asket galt, aber ein Machiavellist war, auch zu zwiespältig. Der Herrscher machte aus einem Herzogtum, das pleite war, den bestverwalteten Staat Europas – auf Kosten des Volks. Langfristig wirkte sich etwa die Verstaatlichung des Salzhandels, die seine Kassen füllen sollte, als Katastrophe aus.
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Seuchen, Hunger, Krieg und Inflation forderten vor allem von den Böhmen einen furchtbaren Blutzoll. Glaube und Aberglaube hatten Konjunktur, wie Heiligenfiguren oder Mariensäulen in der Schau bezeugen. Aber langsam setzte sich ein unerhörter neuer Stil durch.
Das Barock durchdrang das Land. Schlösser und Parks wie in Schleißheim entstanden, Klöster bekamen prachtvolle Bibliotheken, die Mode schlug irrwitzige Kapriolen. Einen Höhepunkt markierte das Jahr 1723. Genau 100 Jahre nach dem Festakt für Maximilian in Regensburg wurde das Kaiserpaar aus dem Haus Habsburg in Prag zum böhmischen Königspaar gekrönt, in einem Fest der Superlative, inklusive Theater-Neubau, Festoper und Feuerwerk. Zum Abfeuern von Raketen, auch das ist in der Schau zu sehen, erfand man kuriose Vorrichtungen, hier: ein Hund aus Holz, mit Raketenständer im Nacken.
Tagen unter dem Löwen
Ausstellung: „Barock! Bayern und Böhmen“ ist eine bayerische-tschechische Gemeinschaftsproduktion. Die Schau ist von 10. Mai bis 3. Oktober in Regensburg zu sehen und von 8. Dezember bis 8. Mai im Nationalmuseum Prag.
Wechsel: Die Schau ist sozusagen zusammenklappbar. Sie wird 1:1 übertragen, auch als Beitrag zu Nachhaltigkeit. Die 150 Objekte und sämtliche Module passen in drei Container, sagt Ausstellungsarchitekt Uli Prugger von der Gruppe Gut aus Bozen.
Eröffnung: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Petr Fiala, Ministerpräsident der Tschechischen Republik, eröffnen die Schau am 9. Mai im Regensburger Dom. Zuvor tagt das bayerische Kabinett im Bayern-Museum, unter dem raumhohen bayerischen Löwen im Foyer. Zu der Sitzung stößt eine Delegation aus Tschechien dazu.
Sonderöffnung: Wegen des Festakts bleibt das Haus der Bayerischen Geschichte am 9. Mai geschlossen. Dafür gewährt es von 10. bis 14. Mai freien Eintritt. Am Muttertag 13. Mai verlängert das Haus seine Öffnungszeit: von 9 bis 20 Uhr.
Katalog: Zur Schau erscheinen ein Buch mit Essays, Kurz-Informationen und zahlreichen Abbildungen (Pustet-Verlag, 270 Seiten, 24 Euro) und ein Kinderführer (1 Euro).
Feste: Zur Schau steigen ein Barockfest (7. bis 9. Juli) und eine „Nacht der Mode“ (5. August).





