Zwischen Intimität und Extravaganz: Die Trauerkultur hat sich verändert

Von Philipp Breu · 1. November 2023 um 05:00

An Allerheiligen steht das Gedenken an Verstorbene im Fokus. Der Verlust eines geliebten Menschen stellt für jeden ein einschneidendes Erlebnis dar – und jeder geht mit der Situation anders um. Das stellen auch Mirjana Lang und Betriebsleiter Manfred Choulik vom Bestattungsinstitut Lang aus Nittenau im Landkreis Schwandorf in ihrem Arbeitsalltag fest.

Es ist ein nebliger, nasskalter Oktobermorgen. In dunkelblauem Anzug und mit schwarzem Mantel stehen Choulik und Lang in der neuen Wackersdorfer Trauerhalle. Noch ist das Gebäude eine Baustelle, doch schon in rund zwei Wochen wird hier eine kernsanierte Stätte eröffnen, die der modernen Trauerkultur Rechnung tragen soll – so bringen es die Verantwortlichen auf den Punkt.

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Die Kirche verliert an Einfluss

Die Umgestaltung der in den 1950er Jahren erbauten Halle am Friedhof steht sinnbildlich für den Wandel: Warme Farben dominieren, es gibt einen neuen Verabschiedungsraum, Beamer und Lautsprecher. Nahezu alles deutet darauf hin, dass die alten Bestattungsriten, wie sie einst die Kirche vorgab, so langsam der Vergangenheit angehören.

„Für Trauer gibt es kein Patentrezept und ebenso wenig gibt es noch einen vorgegebenen Leitfaden, wie man einem geliebten Angehörigen die letzte Ehre erweisen sollte", sagt Lang. Die meisten Menschen würden heute nicht mehr zuhause, sondern im Krankenhaus sterben. Somit werden häusliche Aufbahrungen beispielsweise immer seltener. Und auch klassische, kirchliche Trauerrituale, bei denen überwiegend in der katholischen Bevölkerung eine Aussegnung des Sarges, Rosenkranzgebet sowie eine große Prozession von der Pfarrkirche zum Friedhof auf der Tagesordnung standen, werden in Zeiten vermehrter Kirchenaustritte immer weniger praktiziert.

Die Feuerbestattung hat die Erdbestattung längst überholt, teils wird die Asche nicht mehr in klassischen Urnenstelen verwart, sondern vor Bäumen oder Felsen beigesetzt oder im Meer verstreut. Auf den Trauerfeiern ertönt Popmusik, Schlager oder gar Heavy Metal. Auf Leinwänden werden über einen Beamer Videos abgespielt. „Es wird alles persönlicher, intimer", erklärt Lang. Und auch die Trauergemeinde an sich wird kleiner. Beerdigungen mit mehreren hundert Menschen stellen mittlerweile die Ausnahme dar. Diese Entwicklung könne man auch beim Blick auf Todesanzeigen feststellen, in denen der Termin schon gar nicht mehr erwähnt werde, weil die Familie unter sich bleiben möchte.

Von Diamantbestattung bis „Reerdigung“

Der bewusste Abschied stehe heutzutage eben mehr im Vordergrund. So sei es nicht unüblich, dass der engste Kreis der Angehörigen bereits vor der eigentlichen Zeremonie zusammenkommt, um den Verstorbenen noch einmal zu sehen, zu berühren oder persönliche Gegenstände beizulegen. Möglich werde das zum Beispiel durch einen sogenannten Verabschiedungsraum, wie er eben auch in der neuen Wackersdorfer Trauerhalle zu finden sein wird.

Und auch was die Bestattungsart angeht, legen die Hinterbliebenen mehr Wert auf Individualität. „Wir bekommen auch mal ungewöhnlichere Anfragen von Angehörigen“, sagt Manfred Choulik und erzählt beispielsweise von Diamantbestattungen, bei denen der Grundstoff der Asche in einen Edelstein geformt wird, oder über sogenannte „Reerdigungen“, bei denen ein toter Körper in eine Art Kokon aufbewahrt und durch Zugabe einer speziellen Substanz binnen 40 Tagen zersetzt und „verkompostiert" wird. „Solche Verfahren sind in Deutschland aber bisher verboten", schieben die Experten gleich hinterher.

Andere Länder zeigten sich da um einiges offener. Aber auch in der bis dato eher konservativen Bundesrepublik werde es in Zukunft wohl zu einer Liberalisierung der Bestattungskultur kommen. Grundsätzlich sei das Bestattungsrecht behäbig und Sache der Bundesländer. „Es gibt aber bereits einige Petitionen, und in Bremen ist mittlerweile der Bestattungszwang ganz aufgehoben“, erklärt Choulik. Dort hätten Angehörige die Möglichkeit, die Asche des Verstorbenen auch im eigenen Garten oder in einem Park zu verstreuen – eben ganz wie es der Wille des Verstorbenen ist.

Zerplatzte Motorradreifen und tanzende Elfen

Um diesen zu erfüllen, lassen sich die Angehörigen mittlerweile auch auf den Trauerfeiern einiges einfallen. „Ich war schon Trauerrednerin bei einer Beerdigung, bei der eine bekannte Bikervereinigung stark vertreten war. Da wurde ein Motorradreifen zum Platzen gebracht", erzählt Lang. Ihrem Kollegen Manfred Choulik ist eine Trauerfeier einer spirituellen Gemeinde auf einem Naturfriedhof in Erinnerung geblieben.

Da haben Angehörige als Elfen verkleidet um einen Baum getanzt.“

Die beiden haben in ihren Berufsjahren schon viel erlebt. Sie erzählen mit hörbarer Begeisterung von ihrer „Berufung“, die beide über Umwege gefunden haben. Choulik arbeitete früher als Kommunikationselektroniker, Lang studierte bis zu ihrem Physikum Medizin. Choulik ist mittlerweile zum Betriebsleiter aufgestiegen, Lang hat sich zur Bestattermeisterin, Trauerrednerin und Trauerbegleiterin ausbilden lassen. Betriebsmüde sind beide noch lange nicht, und trotz ihrer Erfahrung sind beide auch weiterhin emotional bei der Sache. Das sei auch essenziell. „Wenn man so kalt geworden ist, dass einen ein Todesfall nicht emotional berührt, dann sollte man sich einen anderen Beruf suchen“, sagen beide unisono.

Auch Bestatter würden gelegentlich ein Tränchen verdrücken – und das sei auch völlig normal. „Nicht, weil wir leiden, aber weil wir uns hineinversetzen in Personen, deren Leben gerade durcheinandergewürfelt werden.“ Es koste viel Anstrengung und man lerne auch, Methoden zu entwickeln, um die eigentliche Aufgabe nicht aus den Augen zu verlieren und sachlich zu bleiben. Schließlich seien Trauerfeiern auch mit einem großen Organisationsaufwand verbunden, der professionell abgewickelt werden müsse – zu jeder Zeit. „Jeder hat das Recht auf einen freundlichen Bestatter, egal ob tagsüber oder mitten in der Nacht“, sagt Choulik.