Mit der Harley zur Urnenwand: Wie sich der Umgang mit dem Tod in Bayern verändert

Von Isolde Stöcker-Gietl · 31. Oktober 2023 um 05:00

Es sind immer mehr Menschen, die in Bayern die Kirchen verlassen. Das verändert aber auch, wie mit dem Tod umgegangen wird.

Die Harley Davidson ist auf Hochglanz poliert. Bestatter Wolfgang Frisch aus Bad Kötzting (Landkreis Cham) öffnet die Klappe an dem tiefschwarzen Beiwagen mit Panoramafenstern. Neun LED-Kerzen, zwei Blumengestecke und ein silbernes Kreuz lassen die Fläche wie eine Mini-Kapelle wirken. Der feierliche Rahmen für eine Urnenüberführung. In dem 2,30 Meter breiten Gefährt findet aber auch ein Sarg Platz, sogar in Übergröße. „Mir ist es eine Herzensangelegenheit, den Menschen einen besonderen Abschied zu ermöglichen“, sagt Frisch. Denn aus seiner täglichen Arbeit weiß der Bestatter, dass Beerdigungen sich in den vergangenen Jahren stark verändert haben. „In aller Stille, ohne Trauergäste und ohne großes Tamtam, das kommt immer häufiger vor.“ Umso wichtiger ist es ihm, der bayernweit als einziger Bestatter einen Harley-Transport anbietet, am Ende eines Lebens ein Ausrufezeichen zu setzen. Etwas, was von diesem Menschen in Erinnerung bleibt. Und weil die Harley für ein besonderes Lebensgefühl steht, steht der Leichenbeiwagen auch für einen emotionalen Schlusspunkt. Es muss halt zu dem Menschen passen, sagt der Bestatter.

Trauerfeiern unterscheiden sich heute grundlegend von dem, was frühere Generationen unter einer „scheenen Leich“ verstanden. Was in den Städten begann, greift inzwischen auch im ländlichen Raum um sich, sagen die Soziologen Thorsten Benkel von der Universität Passau und sein Kollege Matthias Meitzler von der Uni Tübingen. Das Requiem mit Pfarrer, Schubert-Messe und Trauerzug weicht der säkularen Feier mit Trauerredner und Andreas Gabalier vom Band. „Amoi seg ma uns wieda!“

Hunderttausende treten jährlich aus der Kirche aus

Es gibt unterschiedliche Gründe dafür. Einer findet sich in den Glaubensgemeinschaften. Die katholische Kirche erlebt eine regelrechte Erosion und auch in der evangelischen Kirche steigen die Austrittszahlen stetig. Mehr als eine halbe Million Menschen kehrten allein im vergangenen Jahr der katholischen Kirche den Rücken, 380.000 der evangelischen. Das Bistum Passau verzeichnete 9338 Austritte (2,11 Prozent), Regensburg 23.868 Austritte (2,16 Prozent) und Eichstätt 8637 (2,31 Prozent).

„Trauerfeiern werden endlich fröhlicher“, konstatiert Karin Simon und führt dies auf eine Spiritualität zurück, die individueller wird. Die Sterbeamme und Trauerbegleiterin aus Lupburg (Landkreis Neumarkt) hat schon viele Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet. Dass sich Sterbende manchmal schwer tun, dafür gibt sie auch der katholischen Kirche die Schuld. „Hier wird mit Ängsten gearbeitet. Das ist absolut nicht mehr zeitgemäß.“ Simon erzählt von einer alten Frau, die sie im Sterbeprozess begleitet hat, und die aus Angst vor dem Fegefeuer nicht loslassen konnte. Die Sterbeamme versuchte ihr diese Sorge zu nehmen. Ihr Credo: „Der Verstorbene macht sich auf den Weg in die Barmherzigkeit Gottes. Das ist ein Grund zum Feiern und nicht zum Ablass beten. Den brauchen allenfalls wir, die wir noch hier sind.“

Wer sich mit Karin Simon unterhält, verfängt sich schnell in ihren berührenden Geschichten zwischen Leben und Tod. Sie erzählt von dem Lächeln, das allen Sterbenden im Gesicht steht und von ihrem Blick, der nach oben gerichtet sei. Und sie erzählt von den Himmelswesen, die kommen, um ihre Angehörigen zur letzten Reise abzuholen. Und an noch etwas glaubt die Sterbeamme aus tiefster Überzeugung: „Die Menschen, die gestorben sind, sind immer noch bei uns.“

Ihrer besten Freundin nahm Simon das Versprechen ab, sich nach ihrem Tod zu melden. Das tat sie mit Klopfen und flackernden Lichtern, sagt die Sterbeamme. „Und dann saß eine Taube 20 Minuten bei mir auf dem Balkon. Ich wusste, das ist meine Freundin.“ Auf solche Hausbesuche Verstorbener müsse man sich einlassen können, sagt Simon, die inzwischen auch ein Buch über ihre Arbeit geschrieben hat: „Von Bleiben war nie die Rede.“

Doch wie Gehen? Klassisch oder modern? Laut den Soziologen Benkel und Meitzler hat die noch in den 1960er Jahren von den Kirchen bekämpfte Kremierung der klassischen Beisetzung des Leichnams in Erde längst den Rang abgelaufen. Das bestätigt auch Stefan Vanek, Leiter der Abteilung Bestattungswesen bei der Stadt Regensburg – zuständig für elf Friedhöfe. „Der Trend geht zur Feuerbestattung.“ Die Nachfrage an neuen Erdgrabstätten sei seit Jahren sehr gering, bestehende würden zunehmend aufgelöst. Sowohl die geringeren Kosten als auch der Pflegeaufwand dürften dabei eine Rolle spielen, sagt Vanek. Nachgefragt würden Urnen-Nischen und naturnahe, pflegefreie Grabstätten.

Aus Sicht der Wissenschaftler spielt hier auch hinein, dass Familien heute über große Gebiete verstreut leben. Das Familiengrab, das über mehrere Generationen hinweg genutzt wurde, verliere durch die sich verändernden Lebensbedingungen immer mehr an Bedeutung. So, wie überhaupt die Entscheidungen nach Ort, Form und Rahmen von Beisetzungen oft nicht mehr an herkömmlichen kirchlichen Traditionen festgemacht würden, sondern sehr individuelle Züge tragen. Ob sich Trends wie die Kompostierung Verstorbener zu Erde oder die Verarbeitung von Asche zu Diamanten durchsetzen, glauben die Soziologen allerdings nicht.

Auf Beerdigungen wird geweint, getrauert, gelitten. Das war einmal. Trotzdem war sich der österreichische Kabarettist und Jurist Ludwig Wolfgang Müller unsicher bei der Frage, ob auch gelacht werden darf. Müller, ausgezeichnet mit Preisen wie dem Passauer Scharfrichterbeil und dem Salzburger Stier, suchte sich in der Corona-Zeit ein neues Betätigungsfeld und ließ sich zum Freien Redner ausbilden. Seine erste Beisetzung auf dem Wiener Zentralfriedhof war „ein Spektakel in Lustspielhausgröße“, sagt er im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern. Ein bekannter Jurist wurde zu Grabe getragen, „ein bunter Hund“, wie Müller sagt. Seine Rede habe er feierlich, aber nicht witzig gestaltet.

Statt zu trauern, wird ein Leben gefeiert

Überhaupt sei das seine größte Sorge gewesen, dass ihm ein Schüttelreim, für die der Kabarettist bekannt ist, in die Trauerrede rutschen könnte. Doch die Trauergäste wollten, nachdem die kubanische Band schon für eine besondere musikalische Umrahmung gesorgt hatte, genau das von ihm hören. „Dass er ja nichts Fades hört, wenn er in den Hades (griechische Bezeichnung für die Unterwelt) fährt“, dichtete Müller daraufhin und er spürte, wie sich eine ganz besondere Stimmung auf dem Friedhof breitmachte. Es wurde gelacht und es wurde gefeiert. Ein Mensch und dessen Leben. „Das Gefühl war in diesem Moment unfassbar gut“, erinnert sich Müller bis heute.

Die besondere Note in seinen Trauerreden hat er beibehalten. In München, wo Müller lebt, gibt es inzwischen sehr viele, die Verabschiedungszeremonien anbieten, weil sich hier die Distanz zu den Kirchen bereits besonders ausgeprägt zeigt. Die Qualität der Trauerredner sei aber sehr unterschiedlich, kritisiert der Kabarettist. Auch, weil es in dem relativ neuen Berufszweig keine Zugangsvoraussetzungen gibt. Er rät deshalb Angehörigen, die einen passenden Redner suchen, auf die Mund-zu-Mund-Propaganda zu vertrauen. Wichtig sei auch das gemeinsame Trauergespräch, das dem Trauerredner die Person, die er verabschieden soll, näher bringt. „Ein Trauerredner liest nicht einfach einen Lebenslauf vom Blatt ab, wie es in einem kirchlichen Nachruf heute üblich sei“, betont Müller. Ein guter Trauerredner sorge mit Worten, die auf den Verstorbenen und sein Leben, aber auch das der Zurückgebliebenen zugeschnitten sei, für eine letzte öffentliche Würdigung dieses Menschen.

Egal ob Pfarrer oder Trauerredner, Erdgrab oder anonyme Urnenbestattung: Wichtig für eine gute Trauerarbeit ist, den Tod eines Angehörigen zu realisieren. „Begreifen hat etwas mit Greifen zu tun“, sagt der Kelheimer Bestatter Marcus Biermeier. Er bietet stets die Verabschiedung am Sarg an, wenn die Familie nicht die Möglichkeit hatte, sich im Krankenhaus am Totenbett zu versammeln. Bei russisch-orthodoxen Ritualen sei der offene Sarg nach wie vor die Regel, während Christen kaum noch Gebrauch davon machten. Doch gerade wenn jemand plötzlich, etwa durch einen Unfall, verstorben sei, sei dies enorm wichtig.

Auch Biermeier stellt fest, dass sich Trauerfeiern verkleinern. Der Mensch und nicht mehr eine Zeremonie stehe im Vordergrund, sagt er und liefert Beispiele aus seiner Arbeit. Die Frau, die stets Hut trug und deren Urne mit Hut zur Beisetzung getragen wurde oder der Angler, der mit Angel aufgebahrt wurde. Und auch Motorräder hat Biermeier schon auf Friedhöfe gefahren und darauf die Urne transportiert. Den Trauernden bedeute die Erfüllung solcher Wünsche sehr viel, weiß er. „Rituelle Handlungen sind im christlichen Glauben fest verankert und wiederholen sich eben bei Begräbnisfeiern.“

Interview: „Früher wurde das Setting nicht hinterfragt“

Die Soziologen Dr. Thorsten Benkel von der Uni Passau und Matthias Meitzler von der Uni Tübingen forschen zum Thema Trauer.

Ist die Zeit der großen Beerdigungen mit Kirchenzug und Grabreden vorbei?

Thorsten Benkel: Was in den Großstädten begann, sickert nun in die ländlichen Regionen. Für intime Geschehnisse, gerade wenn sie negativ besetzt sind wie ein Todesfall, gibt es die Tendenz, das mit sich und dem engsten Familienkreis auszumachen. Der dörfliche Charakter, das einstige Zusammengehörigkeitsgefühl, das gibt es kaum noch. Man möchte niemanden behelligen und will nicht bemitleidet werden. Uns Soziologen hat die wachsende Individualisierung nicht überrascht.

Wo lassen sich die Menschen bestatten?

Matthias Meitzler: Die Erdbestattung hat heute nicht mehr den Stellenwert wie vor ein paar Jahrzehnten. Das Familiengrab verliert seine Stellung als zentraler, unumstrittener Anlaufort für die Trauer. Benkel: Die Kremation hat Jahrzehnte gebraucht, um sich durchzusetzen und das auch nur, weil es Menschen gab, die der kirchlichen Bestattung etwas entgegensetzen wollten. Heute wird die Kremierung favorisiert. Es ist billiger, einfacher zu handhaben und hygienischer. Es hat viele Vorteile, auch für die Hinterbliebenen, die sich vielleicht nicht um ein großes Grab kümmern können.

Warum wird es hierzulande nicht erlaubt, sich die Urne ins Wohnzimmer zu stellen?

Benkel: Auch wenn es der Gesetzgeber nicht erlaubt: Es gibt Mittel und Wege, die Asche zu Hause aufzubewahren. Wir haben diese Frage erforscht und mit Menschen gesprochen, die sich von Bestattern dabei haben helfen lassen. Mehrere hundert Deutsche dürften das geschätzt im Jahr sein. Einer der Gründe ist, dass Menschen den Friedhof als düsteren Ort empfinden, der keine Bedeutung in ihrem Leben hatte. Für sie ist es also nur folgerichtig, den verstorbenen Angehörigen ins Wohnzimmer zu holen oder dorthin, wo es schöne gemeinsame Erinnerungen gibt. Das muss aber nicht heißen, dass der Ort auch noch in einigen Jahren der richtige ist. Manchmal entscheiden sich Menschen nach der ersten Trauerphase dann doch für die Beisetzung der Urne.

Welche Rituale sind wichtig?

Benkel: Das lässt sich pauschal nicht sagen. Früher wurde das Setting nicht hinterfragt. Das ändert sich mit der Abkehr von den Kirchen. Nun gibt es Angebote wie säkulare Trauerredner oder Baumbestattungen, aus denen jeder das Passende wählen kann.Meitzler: Einerseits passen starre Regeln nicht mehr in die Zeit. Doch gleichwohl haben viele Angehörige den Wunsch nach Orientierung. Bestatter sind gute Ansprechpartner, um den passenden Rahmen zu finden.

Haben Sie einen Rat für einen guten Abschied?

Benkel: Hör auf dich, nicht auf die Toten. Wenn der Verstorbene zu Lebzeiten ein anonymes Grab wünscht, muss man das als Hinterbliebene nicht akzeptieren, wenn man damit nicht klarkommt. Meitzler: Mein Plädoyer wäre, die persönlichen Wünsche für die Verabschiedung frühzeitig mit der Familie zu besprechen und gemeinsam zu entscheiden.

Karin Simon begleitet Sterbende. − Foto: Claudia Rothhammer
Matthias Meitzler und Thorsten Benkel (rechts) erforschen Tod und Trauer (siehe Interview am Ende des Textes). − F.: privat
Urnenwände laufen dem Erdgrab den Rang ab. − Foto: altrofoto.de