Der Aiwanger von Neunburg: Martin Scharf macht nun in München Karriere – Was sich für ihn ändert

Von Jan Lange · 14. Oktober 2023 um 05:00

Die erste Fraktionssitzung mit seinen künftigen Parlamentskollegen hat Martin Scharf bereits absolviert. Voraussichtlich am 30.Oktober wird sich der Landtag, dem der Neunburger nun angehört, konstituieren. Mit der MZ sprach er vorab über das, was ihn bisher geprägt hat, und was sich für ihn nun ändert.

Herr Scharf, es war ja eine Zitterpartie. Wie haben Sie den Wahlabend erlebt?

Martin Scharf: Die erste Prognose war für mich zum Teil enttäuschend, weil wir zunächst nur auf Platz vier gelandet sind. Der Gedanke, dass ich es schaffen könnte, kam, als 62 Wahlbezirke ausgezählt waren. Da habe ich schon gesehen, dass das Ergebnis für mich sehr gut ist. Ich kannte das Ergebnis von Joachim Hanisch fünf Jahre zuvor, da lag ich weit darüber.

Sie haben in fünf Kommunen ein besseres Ergebnis als der CSU-Kandidat erreicht – so auch in Ihrer Heimatstadt, wo Sie neun Prozent vor ihm lagen.

Scharf: Ich war gerührt und stolz auf meine Neunburger, dass sie mir so den Rücken gestärkt haben. Als mich am nächsten Tag Bürgermeister Martin Birner anrief, habe ich mich auch bei ihm bedankt dafür, dass wir die vergangenen Jahre trotz unterschiedlicher politischer Meinungen gut zusammengearbeitet und den Leuten draußen den Eindruck gegeben haben, wir machen gemeinsam Politik für Neunburg und für die Neunburger. Das hat dazu geführt, dass dieses gute Ergebnis in Neunburg herausgekommen ist. Als mich Hans Steinsdorfer anrief, sagte er zu mir: Martin, ich habe es dir immer gesagt: Du bist der Aiwanger von Neunburg.

Am Mittwoch gab es ja die erste Fraktionssitzung...

Scharf: Es ist schon eine ganz andere Liga, das muss man sagen. Mein Eindruck ist, dass man hier toll aufgenommen wird. Ich saß bei den Oberpfälzern, neben mir Jutta Wittmann, die bereits seit 2008 im Landtag ist. Ihr habe ich viele Fragen gestellt. Hubert Aiwanger richtete an alle Fraktionsmitglieder, insbesondere die neuen, sehr wohlwollende Worte. Er sagte uns ganz klar: Leute, arbeitet in euren Bezirken so weiter, denn da ist die Keimzelle unseres Erfolges. Das ist auch meine Überlegung. Ich habe gleich meiner Sekretärin gesagt, dass sie die Adressen der Bürgermeister im Landkreis Schwandorf heraussuchen soll, denn ich will so schnell wie möglich bei allen meinen Antrittsbesuch machen. Hier spielt es keine Rolle, ob sie von Freien Wählern, CSU oder SPD sind. Wir wollen den Landkreis voranbringen.

Wenn eine Funktion in der Fraktion an Sie herangetragen würde, würden Sie annehmen?

Scharf: Wenn mir eine Aufgabe angetragen wird, traue ich mir diese auch zu. Wenn ich zurückblicke: Als ich 2002 neu in den Neunburger Stadtrat kam, wurde ich gleich Fraktionssprecher. 2014 bin ich neu in den Kreistag gewählt und sofort gefragt worden, ob ich den stellvertretenden Fraktionssprecher machen würde. Als es später hieß, wir brauchen einen neuen Fraktionssprecher, musste ich nicht lange überlegen. Ich habe die Erfahrung im Beruf und in der Politik, dass ich mir viel zutraue.

In welchen Ausschüssen würden Sie gern sitzen wollen?

Scharf: Im Landtag habe ich meine Wunschvorstellungen, was die Ausschüsse betrifft. Ich würde gern im Innen- oder Bildungsausschuss mitmachen. Dass wir in Neunburg beim Bau der Schulen auf dem neuesten Standard sind, dafür habe ich mich stets eingesetzt. Mir sind die Bildung sowie Kinder und Jugendliche ein großes Anliegen. Insofern wären das meine Wünsche. Aber Politik ist kein Wunschkonzert. In den Ausschuss für Landwirtschaft werde ich sehr wahrscheinlich nicht kommen, da wir viele Landwirte in der Fraktion haben. Das kann ich jetzt schon sagen.

Sie sind ja auch Stadt- und Kreisrat. Werden Sie Ihre politischen Funktionen neu ordnen?

Scharf: Fest steht für mich, ich werde Stadtrat und auch im Kreistag bleiben, weil mir beide Aufgaben ans Herz gewachsen sind. Für die Politik in München ist es unwahrscheinlich wichtig, dass man den Draht zur Politik an der kommunalen Basis hat. Insofern ist eine Aufgabe der Mandate für mich kein Thema. Über die Funktion des Fraktionssprechers wird man reden müssen, aber ich gehe davon aus, dass es auf die Schnelle keine Änderungen geben wird. Wir werden in aller Ruhe darüber nachdenken, wie es weitergeht. Schon vor der Wahl habe ich gesagt, dass ich den Vorsitz des TC Neunburg mit Sicherheit abgeben werde. Dann bin ich auch schon lange auf der Suche nach einem Vorsitzenden für die Freien Wähler. Da werde ich mit aller Kraft versuchen, einen Nachfolger zu finden.

Viel Zeit für die Arbeit in der Kanzlei bleibt wohl nicht?

Scharf: Es werden künftig bestimmte Bereiche wie das Asyl- und Sozialrecht nicht mehr angenommen. Ich betreue zwischen 200 und 250 Fälle, das wird man auch herunterschrauben müssen – irgendwo auf ein Drittel. Mein Kompagnon aus Regensburg muss künftig stärker in Neunburg tätig sein. Die aktuellen Fälle werde ich alle noch abarbeiten.

Wollten Sie eigentlich schon immer Rechtsanwalt werden?

Scharf: In der elften Klasse habe ich mich mal mit Maschinenbau beschäftigt, weil ich die Entscheidung getroffen hatte, Physik-Leistungskurs zu nehmen. Nach der Bundeswehrzeit stand aber fest, dass ich Jura studiere. Das hat vielleicht mit meinem Bruder zu tun, der etwas älter ist und ebenfalls Jura studiert hat.

Sie sind gebürtiger Neunburger. Wollten Sie nach dem Studium in Regensburg zurückkehren?

Scharf: Ja, ich wollte immer nach Neunburg zurückgehen, aber meine Ehefrau ist auch sehr stark verwurzelt in Cham. 1996 sind wir dann nach Neunburg gezogen, einen Tag, bevor mein ältester Sohn in die Schule kam. Vorher waren wir in Chammünster zuhause, wo meine Frau herstammt.

Die Kanzlei haben Sie damals auch nach Neunburg verlegt?

Scharf: Erst 2003 bin ich mit der Kanzlei nach Neunburg gezogen. Vorher war ich einige Jahre in Rötz tätig. Das erklärt vielleicht auch das relativ gute Ergebnis aus dem Chamer Bereich. Mit dem Wechsel nach Neunburg haben mein Bruder und ich eine überörtliche Sozietät gegründet.

Stand Ihre Familie immer hinter Ihren politischen Ambitionen?

Scharf: 2014 und 2020 bei meiner Kandidatur als Bürgermeister bestand kein Einverständnis. Meine Frau konnte es nicht verstehen, warum ich mir das antue, obwohl ich doch chancenlos war. Ich bin immer vorangegangen. Auch wenn ich wusste, dass ich keine Chance habe – mache ich es trotzdem für meine Freien Wähler. Es war mir auch wichtig, dass die Bürger eine Wahl haben. Für mich wäre es toll, wenn ich und meine Frau, sofern es mein Beruf oder mein Mandat zulassen, so viel Zeit wie möglich miteinander verbringen.

Biografisches zu Martin Scharf

Herkunft: Martin Scharf wurde 1963 in Neunburg geboren. Lange lebte er in Chammünster, dem Heimatort seiner Frau. Seit 1996 wohnt die Familie wieder in Neunburg.

Ausbildung: Er studierte in Regensburg Jura.

Kanzlei: Einige Jahre war seine Kanzlei in Rötz ansässig, seit Anfang 2003 ist der Sitz Neunburg.

Der 60-Jährige (2. v. r.) zusammen mit seinen Oberpfälzer FW-Kollegen Tobias Gotthardt, Bernhard Heinisch und Julian Preidl am Mittwoch in München (v. l.). Foto: Scharf