Die Dombrowskys infizieren Regensburg mit der Lust aufs Lesen

Von Marianne Sperb · 13. Oktober 2023 um 11:00

Ein Ort für Begegnung, Austausch, Perspektivwechsel: Die Regensburger Buchhandlung Dombrowsky wird 40.

An einem Sonntag ruft man Ulrich Dombrowsky besser nicht an. UD, wie er seine E-Mails zeichnet, wird am Telefon sehr kurz bleiben und voraussichtlich sagen: „Heute ist striktes Lesen!“ Fürs Wochenende liegen die Zeitungen von sechs Wochentagen parat, plus die Bücher, die ihre Verfasser in Kürze vorstellen wollen. Allein „Der eiserne Marquis“, mit dem Thomas Willmann am 15. November am St. Kassians-Platz zu Gast sein wird, bringt es auf 920 Seiten. Und Dombrowsky ist auch noch gründlich, ein Genussleser, wie er sagt, kein Querleser. „Ich lasse kein Wort aus.“

Geburtstag eines Kulturguts

Striktes Lesen von Büchern – man muss schließlich wissen, wem man was wärmstens empfehlen kann – und vor allem hingebungsvolles Werben für Bücher sind der Lebensin- und -unterhalt von Ulrich und Daniela Dombrowsky. Ihre Buchhandlung gibt es jetzt seit 40 Jahren. Ein Geschäftsjubiläum ist normalerweise kein Thema auf der Kulturseite, der Geburtstag eines Kulturguts schon. Die inhabergeführte Buchhandlung zählt zu den besten bundesweit, sammelt – unbeirrt von verändertem Leseverhalten – Freunde und schöne Preise und gehört zu den fabelhaften Fünf: „5 plus“ heißt der erlesene Kreis von Buchhandlungen, die ihr Metier mit Anspruch und Leidenschaft betreiben.

Im Herbst 1983 sperrte UD in der Wollwirkergasse seinen Buchladen auf, der auch genau so hieß: „Buchladen“. Als Startkapital war er ausgestattet „mit dem Enthusiasmus und der nonchalanten Blauäugigkeit der Jugend, die man vielleicht haben muss, wenn man entscheidet, sein Leben mit dem Verkauf von Büchern zu bestreiten“, beschrieb es Florian Rottke in einem Brief an die Stadt Regensburg. Der Designer und Trafikant warb darin, einem Literaturpatenpaar, das die Region bereichert, den Kulturpreis 2023 zu verleihen.

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„Die 1980er waren eine alternativ bewegte Zeit“, sagt Ulrich Dombrowsky am Freitag bei Wasser und Espresso vor dem mittelberühmt gewordenen grünen Ledersofa, umgeben von Buchregalen. Es gab die DDR noch und die Pläne für die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf. Rechts und Links hatten noch einen klaren Platz. Wer politisch wach war und gesellschaftskritisch unterwegs, traf sich im „Buchladen“, um sich mit Stoff aus Philosophie und Soziologie zu betanken und um sich auszutauschen. „Coworking-Space würde man das heute vielleicht nennen“, sagt Dombrowsky. Die Gasse im Kleine-Leute-Viertel wurde zu einer Nische im aufbruchsgestimmten Regensburg. UD hat eine Szene im Kopf, die das Klima damals gut beschreibt: Oberbürgermeister Friedrich Viehbacher (CSU) ging in Begleitung bedeutender Herren durch die Gasse, wies auf Dombrowskys Schaufenster und sagte: „Und das hier ist unsere kommunistische Buchhandlung.“

Als DDR und WAA Geschichte waren, sortierte sich Dombrowsky neu. Belletristik erhielt mehr Raum, viel Kinder- und Jugendliteratur zog ein und Regensburg bekam zwei neue Jahreszeiten: den Literarischen Herbst und den Literarischen Frühling. Hertha Müller las 1984 in der Reihe, da lag ihre Karriere, geschweige der Literatur-Nobelpreis noch unsichtbar im Zukunftsnebel. Imre Kertész kam, Klaus Wagenbach und viele andere. An die 750 Veranstaltungen wurden es bis heute, nicht nur Lesungen von internationalen Stars und regionalen Newcomern, sondern auch Konzerte oder Debatten, wie zuletzt ein Abend über die offene Flanke von Demokraten.

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Daniela und Ulrich Dombrowsky senden Impulse. Sie ermöglichen die Begegnung mit anderen Gedanken, Ländern und Lebensmodellen, mit Schönem, Tröstlichem und Beflügelndem. Um Austausch geht es ihnen und um den Perspektivwechsel, umreißt das Paar. „Wie denken, wie fühlen, wie sehen andere? Der Einblick in andere Leben macht zu Empathie fähig“, sagt UD, und das sei an Büchern vielleicht das Beste.

Aus der Gasse ins Herz der Altstadt

2006 kam der große Schnitt: Die Buchhandlung zog von der Gasse ins Herz der Altstadt und entwickelte seine Auswahl in Breite und Tiefe. Die Leser zogen mit, neue kamen dazu. „Wir haben Kundinnen der ersten Stunde“, sagt Daniela Dombrowsky. Manche sammeln jedes der individuellen Lesezeichen, von denen es heute 45 gibt. Nr. 9 zeigt eine Frau, die 1949 im warmen Licht eines Zimmers bei offenem Fenster liest. Das Blatt belegt das weit gespannte Netzwerk der Regensburger Buchhändler. Das Bild stammt von der legendären Fotografin Gisèle Freund, sagt UD. „Sie hat mir noch persönlich den Abdruck gestattet.“

Die Dombrowskys haben viele Kooperationspartner gefunden und viele Projekte angestoßen. „Regensburg liest ein Buch“ etwa oder das „Literarische Quintett“. Aktuell liegt ihr „Floh im Ohr im Ostentor“ auf der Lauer, Kinder mit der Lust auf Bücher zu infizieren. Die Reihe bringt große Autoren zu kleinen Lesern und profitiert von Daniela Dombrowskys Erfahrung als Sozialpädagogin.

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Bücher können viel: Freunde werden, Träume wecken, Biografien wenden, Leben retten. Daniela Dombrowsky liest gerade „Alle Farben grau“ von Martin Schäuble, den Roman über einen 16-Jährigen, der keine Freude mehr findet. „Ein schwieriges Thema“, sagt sie, „aber tiefgründig.“

Nachfolger gesucht

Unabhängig von der Post-Anschrift: Dombrowsky hat Wurzeln geschlagen als Ort der Begegnung. Das ist nicht wenig in einer Zeit, in der Menschen in ihrer Blase bleiben und in der der Spaltpilz demokratiegefährdende Sporen aussendet.

Der nächste große Schnitt steht an. Die Dombrowskys – sie ist 59, er 64 – peilen die Rente an. Ihre Buchhandlung steht zum Verkauf. „Nicht sofort“, sagt UD, „sondern wenn sich der Richtige findet.“ Gesucht ist also kein aus der Ferne verwalteter Ableger einer großen Kette, sondern ein Freund der Bücher. Er wird seine eigene Nische entdecken.