Grandios aufgetürmte Erinnerungen

Konstantin Ferstl, Autor, Musiker und Regisseur, legt mit „Die blaue Grenze“ ein brillantes Romandebüt vor. Seine Figur Fidelis fährt im Zug um die halbe Welt und schaut im Rückspiegel auf eine ganze Epoche. Am 26. Oktober liest Ferstl bei Dombrowsky in Regensburg.
Wenn man sagt, das Romandebüt „Die blaue Grenze“ von Konstantin Ferstl ist so rund wie die Welt selbst, dann ist dieser Satz auf mehrfache Weise zutreffend.
Auf knapp 400 Seiten bewegt sich ein Mann mit dem Zug um die halbe Welt. Sein Verfasser Konstantin Ferstl hat ihn auf den Namen Fidelis Lorentz getauft. Dieser Fidelis also will dem Desaster der Trennung von seiner Freundin entfliehen. Den Vornamen der Frau enthält uns der Schriftsteller vor, mit dem Kürzel J bezeichnet er sie lediglich.
Die ewig lange Bahnfahrt über die eurasische Landplatte hinweg, die den studierten Musiker und Komponisten im letzten Romanviertel schließlich an den denkbar eisigsten Ort der Welt – in die nordkoreanische Hauptstadt Pyeongyang – führt, sie löst im Ich-Erzähler ein permanentes Gedankenkarussell aus, das die Oberpfalz und angrenzende nieder- wie oberbayerische Regionen thematisiert. Der Leser erfährt auf diese Weise im Lauf der Zeit alles, was sich im Gehirn des Erzählers an Erinnerungen über sein eigenes Herkommen aufgetürmt hat. „Ich sitze entgegen der Fahrtrichtung“, sinniert der dauermonologisierende Held zwischendrin auf Seite 177. Er bezeichnet damit messerscharf das Konstruktionsprinzip des Romans, denn: „Mein Blick geht nur zurück.“
Frei von Kitsch und Sentiment
Die Retrospektiven, die uns Konstantin Ferstl fein portioniert in 24 Kapiteln präsentiert, überzeugen einerseits durch eine erzählerische Wildheit, was das Assoziative anbelangt. Im Bayerischen sagt man: Er kommt vom Hundertsten ins Tausendste. Gleichzeitig arbeitet der Schriftsteller streng diszipliniert einen Schreibplan ab. Und so lernen wir die Ahnen der Familie Lorentz kennen.
Der Urgroßvater von Fidelis wurde an einem Ort geboren, der wegen des im Buch erwähnten Bahnhofsgebäudes Bayerisch Eisenstein sein könnte. Dieser Urgroßvater wurde von einer tiefen Sehnsucht nach der Ferne getrieben, die ihn schließlich mit der Kaiserlichen Marine ins Gelbe Meer führte. (Also genau in jene Richtung, in die nun der Liebesflüchtling Fidelis unterwegs ist.) Später, wenn der erste der beiden Weltkriege schon vorbei ist, wird dieser „Bahnhofsfranzl“ zum Augenzeugen werden, wenn die Schiffe seiner unterlegenen Marine bei Scapa Flow im Norden Schottlands versinken.
Ganz besonders beeindrucken die Kapitel, die Konstantin Ferstl der Großmutter widmet, die in Amberg bis in die Nullerjahre lebte. Selten hat ein Schriftsteller aus unseren Breiten – auch Eckhard Henscheid nicht – ein Frauenleben mit einer solcher Empathie eingefangen, die wundersamerweise auf jede Art von Kitsch und Sentiment verzichtet.
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Ach ja, Regensburg kommt im Roman auch vor: Hier lernt sich das Paar kennen, während einer – äh, wie war’s? – Whiskywanderung, bei der sich die Schultern der beiden berühren. An anderen Stellen sind’s Hände, die zu poetischen Bedeutungsträgern aufgeladen werden. Mit J. wird Fidelis die westliche Hemisphäre bereisen, Mexiko besuchen, auch Kuba. Dort, anlässlich der Beerdigung von Fidel Castro, wird den Protagonisten eine Erinnerung an Joseph Roths „Radetzkymarsch“ überfallen. Die Stelle – sie findet sich auf Seite 17 – sei Interessierten dringend empfohlen. Denn Roths Jahrhundert-Roman gibt den Takt vor für dieses grandiose Debüt. Konstantin Ferstl erhielt für seinen Roman das Literaturstipendium der Stadt München.
„Die blaue Grenze“ ist nichts weniger als ein zeitgemäßes Update des in Melancholie getauchten Abgesangs auf eine ganze Epoche. Ein von Zartheit getriebener Rückblick. Lesern, für deren Geschmack das Buch vielleicht zu viel Sozialismus und Kommunismus enthält, sei gesagt: Das Instrument von Konstantin Ferstl, der auch Filmemacher ist, ist in erster Linie das Fernglas. Damit entwickelt er große Panoramen. Deshalb begibt er sich keineswegs auf die Suche nach roten Fahnen – sondern immer nur nach den blauen Blumen der Romantik. Eine kugelrunde Sache!
Konstantin Ferstl liest aus seinem Roman
Lesung: Konstantin Ferstl liest am 26. Oktober (20 Uhr) in der Regensburger Buchhandlung Dombrowsky aus „Die blaue Grenze“ (Rowohlt-Verlag, 400 Seiten, 24 Euro): dombrolit.de; (09 41) 56 04 22.
Autor: Konstantin Maria Ferstl, geboren 1983 in Eichstätt im Altmühltal, ist Autor, Musiker und Regisseur. Er lebt in München, Rom und in der Hallertau. „Die blaue Grenze“ ist sein Romandebüt.
Regisseur: Bereits Ferstls Abschlussfilm „Trans Bavaria“ wurde mehrfach ausgezeichnet. Für „Finis Terrae“, einen Essayfilm mit dem Philosophen Alain Badiou, reiste er einmal um die Welt.