Mit dem Paradiesvogel in Regensburg auf der Couch

Die Passion von Albrecht von Weech sind Menschen, gern auf Sofas. „Couchgeflüster“ heißt das Buch, das der Fotograf und Autor, Künstler und Lebenskünstler in der Buchhandlung Dombrowsky vorstellte.
Die Buchhandlung Dombrowsky ist am Mittwoch kurz vor 20 Uhr voller Gäste. Albrecht von Weech und Armin Bogdahn ratschen sich noch in einer Nische ein, auf einem knuffigen jagdgrünen Ledersofa, und natürlich ist das der perfekte Moment für ein Foto zur Präsentation eines Buchs mit dem Titel „Couchgeflüster“.
Der Autor, der einen guten Friseur hat und den Schnurrbart leicht frivol nach oben gezwirbelt trägt, ist in vollem Ornat erschienen: ganz Landlord, von Schulter bis Socke in Tweed, geschmückt mit vier Ringen, Armreif, Ohrring, Brosche, Uhr- und Halskette. Die Aufmachung scheint keineswegs übertrieben für einen Herrn, der Goldschmied ist, ein Münchner Schlösserl bewohnt und einen Hausorden kreiert hat. Den verleiht er an besondere Menschen, sich selbst eingeschlossen.
Der Krimi um das Erbe von Tante Isolde
Dieser Mann schaut auf sich und er hat es gern, wenn andere auf ihn schauen: So viel wird schnell klar, als von Weech und Moderator Armin Bogdahn auf dem Podium das öffentliche Plaudern beginnen. Der Autor skizziert seine Berufe und Leidenschaften. Das sind eine Menge: Er schauspielert, singt, lehrt Benimm, modelte von Tokio und London bis Rimsting, bespielt schöne Marionetten, schaustellert auf Burg Kaltenberg, ist Bauchladentheater-Direktor und Salonier.
Die erste Stunde vergeht so wie im Flug, auch dank des Krimis um das Erbe von Tante Isolde, die Neffe Albrecht das schöne Haus vermacht hat. Von Weech entrollt die Wirren ums Erbe mit vollem Einsatz. Er imitiert den Akzent eines Mr. Jones und das Fränggische, er kichert, gestikuliert und kiekst wie Pumuckl. Bogdahn braucht kaum mehr als „sprich weiter“ oder „wie das?“ – und der Erzählstrom fließt.
Eine sehr spezielle Familie
Es gibt die Eitlen und die Langweiler. Zu den zweiten jedenfalls zählt von Weech nicht. Unterhaltsam ist das auch deshalb, weil er sich nicht immer ernst nimmt und über eigene Dellen und Macken witzelt. Das Publikum lacht viel.
Lesen Sie mehr über die Veranstaltung der Buchhandlung Dombrowsky:„Von eigensinnigen Tanten und schwierigen Vätern“
Auf der Leinwand über dem Podium führt schließlich ein Foto zu der Sache, wegen der hier alle sitzen: wegen Menschen auf Couchen. Auf dem Bild bevölkern drei Männer, eine Frau und ein Baby ein schwellendes Sofa aus Samt. Nicht irgendeines selbstverständlich: Das mondäne Möbel gehörte Legende Zarah Leander. Der UFA-Star sangt vor 80 Jahren rauchig und tiefdunkel Lieder, die bis heute den Ohrwurm triggern. „Ich weiß, es wird einmal ein Wundäär gescheeehn“ – hören Sie’s?
Der Bub überlebt im Trümmer-Berlin
Ein Wunder: So wirkt auch die Geschichte zum Bild, aufgenommen in Berlin,die von Weech ausbreitet.Denn Jürgen Draeger, der glücklich vom Sofa strahlt, überlebte als Fünfjähriger unwahrscheinlicherweise die Phosphorbomben im Kriegsberlin, schlug sich in der Trümmerstadt durch und fand nach vier Jahren sogar seine Mutter wieder, die ihn für tot gehalten hatte. Später wurde Draeger Schauspieler („der deutsche Alain Delon“), Zeichner, Maler und der Lebensgefährte von Bruno Balz. Und hier betritt in dieser wundersamen Story Zarah Leander die Bühne: Bruno Balz, Schlagerdichter, eine Hitmaschine geradezu, lieferte der Sängerin die Worte für ihre Lieder. So kam das rote Samtsofa erst zu Bruno Balz (1902 bis 1988) und dann auf dessen Erben Jürgen Draeger (1940 bis 2020).
Das Foto dokumentiert inniges Familienglück. Zu sehen sind Draeger, sein Mann Pietro, dessen Sohn Valentino Maniscalco und dazu Orlaydis Orozco und das Mäderl Valentina. Die Kleine ist das Kind von Jürgen, Pietro und Orlaydis und, so formuliert es von Weech, das Ergebnis eines sinnlichen Nachmittags zu dritt, auf Kuba.
Im Kaftan, voller Juwelen
Das rote Sofa wurde der Anstoß für das ganze Buch. Von Weech platzierte Menschen auf Sitzmöbeln, fotografierte sie und schrieb ihre Geschichten auf: Susi Erdkönig, „Erdkönigin von Sambia“, schwarz, teilgelähmt, vergnügt und elegant auf grauen Floor. Wolfgang Andreas Lettenberger, obdachlos, auf grauem Beton. Sopranistin Marlies Petersen auf der Biedermeier-Bettstatt, zu Füßen die Rosen, die sie in der Münchner Staatsoper ersungen hat. Neil Zukerman und Tim Shivers in ihrem New Yorker Zaubergarten, im Kaftan und juwelenbehängt. Adalbert von Preußen, Urenkel des letzten deutschen Kaisers, relaxt mit Gattin neben einem Zimmerbaum.
Und das Buch, ist es gut? Wo von Weech wenig inszeniert, auf Globus und symbolschweren Schnickschnack verzichtet, sind die Bilder am besten. Und am allerbesten, wenn der Autor sie persönlich und live erklärt.
Von der Couch in die Küche
Buch:„Couchgeflüster“ (148 Seiten, zahlreiche Bilder) ist bei Druckhaus Kastner Wolnzach erschienen und kostet 24,90 Euro.
Projekt:Albrecht von Weech sinnt über ein neues Buch zu „kuriosen Rezepturen“ nach, etwa für Dragees aus Raupenpilz und Schafsläusen.,


