Falscher Polizist angeklagt: Ging die Beute der abgezockten Senioren für Urlaub drauf?

Steht hier der Boss vor Gericht? Ein 33-Jähriger soll Kopf einer Betrügerbande gewesen sein, die am Telefon reihenweise ältere Menschen um ihr Erspartes brachte. Der Mann wurde 2018 ausgewiesen, weil er als Terror-Gefährder eingestuft wurde.
Wurde mit dem Geld, das ein 33-Jähriger als falscher Polizist erbeutet haben soll, Urlaub am Meer gemacht? Darauf sollen Fotos hindeuten, die auf einem Handy des Bruders des Angeklagten sichergestellt wurden. Das hatte gestern der leitende Ermittler im Prozess am Regensburger Landgericht ausgesagt. Der Mann auf der Anklagebank soll einer der Köpfe einer Betrügerbande sein, die arglose Senioren um rund 80 000 Euro gebracht haben. So fasste die Staatsanwaltschaft das Ganze in der Anklage zusammen. 2021 wurden mutmaßliche Komplizen des 33-Jährigen bereits verurteilt.
Im August 2020 soll laut Anklage eine damals 78-Jährige um knapp 70 000 Euro betrogen worden sein. Drei Monate soll eine weitere Seniorin (79) 12 000 Euro verloren haben. Sie fielen beide auf einen falschen Polizeibeamten herein. Sie hatten das Geld zuvor abgehoben und gemäß den Anweisungen außerhalb der Wohnungen deponiert.
Im Februar 2021 hatte eine dritte Seniorin die Masche rechtzeitig durchschaut und die Polizei alarmiert. Das bemerkten laut Aussage des Ermittlers wohl auch die Täter – es kam zu keiner Abholung. Dafür hätten echte Polizisten bereitgestanden, um die Handlanger der Callcenter-Betrüger auf frischer Tat zu schnappen.
Aussagen der hochbetagten Opfer vor Gericht verlesen
Auch aufgrund des hohen Alters der Geschädigten verzichtete die siebte Strafkammer des Regensburger Landgerichts darauf, sie zum Prozess vorzuladen. Die Zeugenaussagen wurden stattdessen verlesen – und ließen erahnen, wie sehr die Seniorinnen das Ganze neben dem Verlust ihres Ersparten belastete. „Für mich ist es, als wäre eine Welt zusammengebrochen“, sagte die Geschädigte im ersten Fall.
Das Opfer im vierten angeklagten Fall sagte persönlich aus. Der heute 62-Jährigen waren am 21. November 2020 mehrere sensible Bankdaten entlockt worden; fast 10 000 Euro wurden ihr dann vom Konto gestohlen. Unter Tränen schilderte sie, wie sich der Mann am Telefon als Mitarbeiter ihrer Bank ausgegeben hatte. Der Frau entstand letztlich kein Schaden: Eine Überweisung habe man zurückholen können; den Rest des Geldes habe ihre Bank ersetzt.
Das könnte Sie zum Thema ebenfalls interessieren: In Regensburg steht erstmals ein mutmaßlicher Kopf vor Gericht
Im Prozess hatte Strafverteidiger Jörg Meyer eine Erklärung abgegeben, ehe der 33-Jährige sprach: Er sei gezwungen worden, im Callcenter des berüchtigten Miri-Clans in der Türkei arbeiten zu müssen. Dorthin war der als Gefährder eingestufte Mann 2018 abgeschoben worden. Mit Geschädigten habe er kaum telefoniert.
Stimmgutachten identifizierte Angeklagten eindeutig
Eine Stimmgutachterin sagte dagegen aus, dass der Angeklagte in allen Aufnahmen mit hoher Wahrscheinlichkeit der Anrufer gewesen sei. Als Referenzaufnahme lag ein älteres abgehörtes Gespräch vor. „Das bin ich und mein Vater“, erklärte der 33-Jährige, ehe sein Anwalt ihn erneut eindringlich zum Schweigen ermahnte.
Laut dem Ermittler belegen Fotos, dass sich der Angeklagte nur Tage nach der ersten Tat mit verurteilten Komplizen in einem Hotel in Istanbul traf. Weitere Bilder zeigten dieselben Männer Ende August 2020 erneut in der Türkei – diesmal in Badehosen, mit Strand und blauem Meer im Hintergrund.
Der Prozess wird am 14. September mit dem Gutachten der psychiatrischen Sachverständige Leila Badry fortgesetzt. Sie soll eine mögliche Entzugstherapie prüfen. Ob weitere Zeugen gehört werden müssen, will Vorsitzender Richter Gerald Siegl ebenfalls bis dahin entscheiden. Das Urteil soll noch im September fallen.