33-Jähriger in Haft: Ermittlern gelingt Schlag gegen Callcenter-Betrüger

Von André Baumgarten · 9. Mai 2023 um 17:27

Der Mann soll Kopf einer Bande gewesen sein, die Senioren betrogen hatte. Es besteht Terrorverdacht gegen den 33-Jährigen, der in Regensburg bald vor Gericht soll – war er ein Staatsgefährder?

Ob falsche Polizisten, Enkeltrick oder Schockanruf – tagtäglich werden ältere Menschen zu Opfern von Callcenter-Betrügern. Auch in Regensburg trifft es immer wieder Senioren. An die Drahtzieher dieser organisierten Banden ist meist kein Herankommen.Geschnappt werden oft nur kleine Fische– bis jetzt, denn der Regensburger Staatsanwaltschaft ist ein seltener Fang gelungen.

Ein 33-Jähriger sitzt nun in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozess am Landgericht. Der Mann ist für die Behörden zudem kein Unbekannter – er soll ein sogenannter Gefährder und wegen Terrorverdachts bereits in die Türkei ausgewiesen worden sein. Von dort aus hatte er dann offenbar ein neues Standbein aufgebaut – mit dem systematischen Betrug an Senioren.

Ermittler identifizierten den 33-Jährigen schon 2020

Ausgangspunkt der Ermittlungen war ein Fall in Niederbayern: Im August 2020 fiel eine Seniorin auf die Masche vom falschen Polizeibeamten herein. Die Betrüger brachten die damals 78-Jährige um insgesamt 67.000 Euro. Noch im selben Jahr konnte der jetzt Verhaftete von Ermittlern namentlich identifiziert werden.

Doch an ihn heranzukommen, war schier unmöglich: Denn er operierte zusammen mit einem weiteren Drahtzieher in einem Callcenter von der Türkei aus. Unterstützung erfahren deutsche Ermittler von dort allerdings nicht. Das Land zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer liefert seine eigenen Staatsangehörigen nämlich nicht ins Ausland aus.

Das Callcenter-Betrüger von hier aus operieren, ist bekannt; ebenso deren System: Gelingt es, mit bekannten oder immer wieder angepassten Lügen jemanden zum Zahlen zu bewegen, kommen sogenannte Abholer und leiten das Geld meist an einen Logistiker weiter. Gegen einen solchenMittelsmann gelang der Regensburger Kripo bereits 2021 ein größerer Erfolg.

Wie dieser bereits abgeurteilte Fall in Regensburg zeigte, ist der Logistiker dafür zuständig, die Beute über verschiedenste Zahlungsdienstleiter ins Ausland weiterzuleiten. Der Weg zu den Hintermännern am Telefon, die sogenannten Keiler, wird so gut verschleiert. Verhaftet und verurteilt werden daher meist nur die ganz kleinen Lichter.

Telefonüberwachung führte Kripo zum Verdächtigen

So war es auch in diesem Fall: Anfang Dezember 2021 sprach das Landgericht in Regensburg mehrere Helfer schuldig und verhängte gegen sie Haft- und Bewährungsstrafen. Unter den Angeklagten war auch der Bruder des 33-Jährigen. Offenbar kommunizierten beide etwas zu leichtsinnig – Erkenntnisse aus der Telefonüberwachung sollen zum nun Verhafteten geführt haben, hieß es. Er wurde im Februar 2021 per Haftbefehl europaweit zur Fahndung ausgeschrieben. 22 Monate gab es keine Spur zu dem Mann, dem dann ein Urlaub in Albanien zum Verhängnis wurde.

In dem Balkanstaat klickten für den 33-Jährigen nämlich an Weihnachten 2022 die Handschellen. Interpol Tirana meldete kurz darauf die Festnahme des Mannes an die Staatsanwaltschaft in Regensburg. Mitte März wurde der Mann nach Deutschland ausgeliefert. „Das zeigt, dass sich Hartnäckigkeit auch auszahlt“, betonte Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher. Im Fall einer Verurteilung würde dem 33-Jährigen eine mehrjährige Haftstrafe wegen Bandenbetrugs drohen. Bis wann der Mann angeklagt wird, konnte der Sprecher der Regensburger Staatsanwaltschaft noch nicht sagen.

Terrorverdacht und Ausweisung? Kein Kommentar!

Nicht kommentieren wollte Rauscher MZ-Recherchen zur Vergangenheit des in Norddeutschland geborenen Mannes. Denn dort ermittelte wohl der Verfassungsschutz gegen den 33-Jährigen – wegen Terrorverdachts. Die Erkenntnisse, hieß es aus gut unterrichteten Kreisen, scheinen so konkret gewesen zu sein, dass der Mann als Gefährder eingestuft und später sogar abgeschoben wurde.

Ob er da bereits mit Callcenter-Betrug sein Geld verdiente, oder erst in der Türkei in dieses Milliardengeschäft einstieg, ist offen. Das könnte womöglich der anstehende Prozess zeigen. Ob es dazu kommt, muss nach der Anklage das Regensburger Landgericht entscheiden.

Zur Last gelegt werden dem 33-Jährigen aktuell vier Taten. In Stimmgutachten allerdings finden sich Übereinstimmungen bei Fällen in ganz Deutschland. Ermittelt wird aktuell jedoch nur in Regensburg.