Falscher Polizist vor Gericht – ist er der Kopf einer Betrügerbande?

Von André Baumgarten · 31. August 2023 um 19:06

Ein 33-Jähriger soll Senioren um ihr Erspartes gebracht haben. Das gestand er, behauptete aber, gezwungen worden zu sein. Seine Vergangenheit und Aktivitäten des Verfassungsschutzes werfen jedoch einige Fragen auf.

675 Tage ist ein 33-Jähriger per Haftbefehl gesucht worden – europaweit. Er soll als „falscher Polizist“ zumeist ältere Menschen um viel Geld gebracht zu haben. Laut Ermittlern war er einer der Bosse einer Callcenter-Betrügerbande, die seit August 2020 arglose Senioren in ganz Deutschland am Telefon abgezockt hatte.

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An die Drahtzieher dieser bestens organisierten Banden ist meist kein Herankommen. Umso bemerkenswerter ist, dass zum ersten Mal ein mutmaßlicher Drahtzieher in Regensburg vor Gericht steht. Der Angeklagte bestreitet das: Er sagt, er sei dazu gezwungen worden, nachdem er 2018 ausgewiesen worden war – Behörden ordneten ihn als Terror-Gefährder ein.

Ermittler der Kripo hörten die Telefonate mit

In dunkler Cargohose, olivgrünem Sweater, Sneakern und Fußfesseln wurde der Angeklagte gestern in den Sitzungssaal des Landgerichts geführt. Fotografiert werden wollte der Mann nicht: Er versteckte das Gesicht mit dem dichten Bart hinter einem großen Briefumschlag. Im Prozess verfolgte der 33-Jährige sehr aufmerksam, was passierte, blätterte immer wieder in Unterlagen, besprach sich mit Strafverteidiger Jörg Meyer – und sprach auch selbst. Der in Neumünster geborene Türke spricht nahezu akzentfrei Deutsch. Das belegen auch von Ermittlern mitgeschnittenen Telefonate.

Die sollen an einem der nächsten Prozesstage abgespielt werden. Denn auf diesen Mitschnitten gründet die Anklage wegen gewerbs- und bandenmäßigem Betrugs sowie Amtsanmaßung. Der 33-Jährige soll sich mit mehreren Komplizen am Telefon als Polizeibeamter ausgegeben und den Opfern vorgespielt haben, dass ihr Vermögen in Gefahr wäre.

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Auf diese Masche sei im August 2020 eine damals 78-Jährige hereingefallen: Sie habe fast 70 000 Euro verloren, die laut Ermittlern per Linienflug offenbar direkt in die Türkei gebracht wurden. Eine andere Seniorin (79) soll nur drei Monate später um 12 000 Euro betrogen worden sein. In einem dritten Fall vom Februar 2021 sei es es beim Versuch geblieben: Die Übergabe misslang.

Das vierte Opfer schilderte dem Gericht gestern selbst, was ihr am 21. November 2020 zugestoßen war. Als vermeintlicher Mitarbeiter der Sparkasse habe der Angeklagte ihr mehrere TANs entlockt. Angeblich, weil das Konto der Frau nur so entsperrt werden könne – tatsächlich seien nach dem Telefonat fast 10 000 Euro weg gewesen. In dem Fall war es den Betrügern offenbar gelungen, das Konto der heute 62-Jährigen aus Niederbayern zu knacken.

Opfer weist tröstende Worte des Angeklagten zurück

Ihr sei, wie die Frau weiter erzählte, bald klar geworden, dass sie gelinkt wurde. „Man schämt sich halt“, presste sie unter Tränen heraus. Die Folgen des Betrug und der Vertrauensverlust wurden geradezu offensichtlich. Die Frau kämpft mit dem, was ihr passierte. Als sich der Angeklagte dann allerdings direkt an sie wandte, und sagte: „Lassen Sie den Kopf nicht hängen“, wies sie ihn mit fester Stimme zurück: „Ihr Mitleid brauch ich wirklich nicht auch noch.“

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Zunächst hatte Strafverteidiger Meyer das Wort und räumte alle Tatvorwürfe ein. Der 33-Jährige sei jedoch zu diesen Taten gezwungen worden. Er habe auch nur ganz selten persönlich mit den Geschädigten gesprochen. Aufgabe des 33-Jährigen sei es gewesen, die sogenannten Abholer zu koordinieren. Chef des Callcenters sei jemand anders gewesen. Der Angeklagte habe Anweisungen ausführen müssen, um Schulden abzuzahlen. Wie Meyer sagte, habe sein Mandant damit außerdem seinen Drogenkonsum finanziert.

Dann ergriff der 33-Jährige vor Gericht selbst das Wort, ließ sich auch von seinem Anwalt kaum bremsen. Er erklärte, mit dem 70 000-Euro-Betrug habe er nichts zu tun, er wisse aber, wer das gewesen sei. Namen könne er jedoch öffentlich nicht nennen: „Das wäre für mich mein Todesurteil.“ Er sei unter Druck gesetzt und sogar eingesperrt worden. „Ich hab keinen anderen Ausweg gesehen“, erklärte er wortreich. Wenig später überraschte der Angeklagte allerdings mit viel Detailwissen – und verstrickte sich in immer mehr Widersprüche, wie die Vertreterin der Staatsanwaltschaft anmerkte.

Behörden wiesen 33-Jährigen unter Terrorverdacht aus

Auslöser der ganzen Misere, so schilderte es der 33-Jährige, sei seine Ausweisung im Januar 2018 gewesen. Die Einstufung als islamistischer Gefährder sei ein Irrtum, betonte er vor Gericht. Wohl wegen des Barts habe man ihn „in eine Schublade gesteckt“. Laut MZ-Recherchen wurde der Angeklagte damals tatsächlich vom Verfassungsschutz überwacht. Er selbst berichtet zudem von SEK-Einsätzen, bei denen seine Wohnung durchsucht wurde.

Mit dem aktuellen Prozess hat das allerdings wohl nichts zu tun. In diesem Fall soll voraussichtlich am 21. September das Urteil verkündet werden. Dem 33-Jährigen drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis – und sehr wahrscheinlich eine erneute Abschiebung.

Ein Urteil in diesem Fall will die siebte Strafkammer des Landgerichts in Regensburg spätestens am 21. September fällen. Foto: Baumgarten