Zwischen Bürgergeld-Beziehern und SUV-Eigenheimern: Burgweinting ist Stadtteil der Extreme

Der Stadtteil Burgweinting wächst dort rapide, wo sich Regensburger ihren Traum vom Eigenheim verwirklichen und schrumpft da, wo Alleinerziehende und Bürgergeld-Bezieher kämpfen. Das schlägt sich auch in Wahlen nieder: Ein Stadtteil zwischen AfD- und Grünen-Klientel.
Burgweinting-Harting ist ein besonderer Stadtteil, keine Frage. Geschichtlich, weil die Römer hier Spuren hinterlassen haben. Wirtschaftlich, weil hier mit dem BMW-Werk der größte Arbeitgeber Regensburgs sitzt. Strukturell aber vor allem deswegen, weil kein anderer Stadtteil in den vergangenen Jahren so ein rasantes Wachstum hingelegt hat. Doch die Wachstumsschmerzen und die sozialen Verwerfungen sind ebenso zu spüren: Nirgendwo sonst leben wohlhabende Regensburger mit Eigenheim so nahe an sozialen Brennpunkten wie hier, zumindest wenn man den Zahlen Glauben mag, die im Sozialindex veröffentlicht wurden. Und wie so oft stehen sich diese beiden gesellschaftlichen Pole auch politisch unversöhnt gegenüber.
Zunächst: Burgweinting ist ein Familien-Stadtteil. Im Stadtgebiet liegt der Anteil der Haushalte mit Kindern unter 18 Jahren bei 12,45 Prozent. In Burgweinting aber sind es knapp 22,5 Prozent. Doch hier ist vor allem die Neubausiedlung mit ihren Häusern im amerikanischen Vorstadt-Stil ausschlaggebend: Hier liegt die Quote nämlich bei fast 50 Prozent.
Rasantes Wachstum
Hier hat der Stadtteil auch ein rasantes Wachstum zu verzeichnen: Seit 2016 wuchs die Bevölkerung hier um 57 Prozent an, während sie in den problematischeren Teilen Burgweintings um bis zu acht Prozent schrumpfte. Dass hier die bessersituierte Mittelschicht lebt, das lässt sich vor allem an der Bürgergeld- und Alleinerziehenden-Quote ablesen. Dort, wo die Familien mit Kindern im Einfamilienhaus leben, liegt die Bürgergeld-Quote bei 1,7 Prozent. Wenige Straßenzüge weiter reicht die Quote an zehn Prozent heran. Insgesamt steht Burgweinting im Schnitt besser da als Regensburg gesamt: Die Quote liegt dort bei 4,2 Prozent, im Stadtgebiet bei fast fünf. Doch innerhalb des Stadtteils ist die Situation völlig unterschiedlich.
Bei den Alleinerziehenden-Haushalten sieht es ähnlich aus: Die liegt bei 38,7 Prozent in den Straßenzügen, in denen die Bürgergeld-Quote besonders hoch ist. Dort, wo die meisten Familien im Eigenheim leben, liegt sie bei 7,6 Prozent. Betrachtet man den gesamten Stadtteil, dann ist die Quote leicht unter der in Regensburg, wo jeder fünfte Haushalt mit Kindern von nur einem Elternteil geführt werden muss.
Doch in Burgweinting sind es eben die Extreme, die im Mittelwert nicht zu erkennen sind, sondern nur in der Einzelbetrachtung.
Niedrigere Quote an ausländischen Bürgern
Das, was sich auch bereits in Stadtteilen wie der Konradsiedlung und dem Kasernenviertel feststellen ließ, kann man in Burgweinting ebenfalls nachvollziehen. Dort, wo die Sozialfaktoren wie Bürgergeld-Bezug und Alleinerziehenden-Haushalte besonders hoch sind, ist auch die Zahl der dort lebenden Ausländer höher. Oder um es anders zu formulieren: In den wohlhabenden Hausreihen wohnen auch deutlich weniger Ausländer als in den Wohnblockreihen. Die Abweichung ist drastisch: Zwischen zehn und elf Prozent bewegt sich die Quote an Ausländern in den Straßenzügen Burgweintings, in denen die Eigenheime zu finden sind. In den Stadtteilen mit besonders hoher Bürgergeld-Quote liegt der Ausländeranteil doppelt so hoch bei 20,5 Prozent. Im Schnitt gleicht sich das aus und Burgweinting hat mit 13 Prozent eine niedrigere Quote an ausländischen Bürgern als das Stadtgebiet insgesamt mit 15,5 Prozent.
Diese Faktoren wirken sich in Burgweinting aus wie in den Stadtteilen Kasernenviertel und Konradsiedlung. Zusammenfassend kann man es so ausdrücken: Wo weniger Ausländer leben, wo weniger Alleinerziehende und Bürgergeld-Empfänger wohnen, da wählten die Wahlberechtigten bei der letzten Bundestagswahl eher links. Wo die Indikatoren für schwierigere soziale Merkmale höher sind, da wird die AfD vermehrt gewählt. In Zahlen sieht das so aus: In den Straßenzügen mit Einfamilienhäusern und hohem Familienanteil, aber niedriger Bürgergeld-Quote wählten bei der letzten Bundestagswahl 2021 insgesamt 8,6 Prozent die AfD, aber 27,1 Prozent die Grünen. Dort hatten die Grünen neben Stadtamhof und Altstadt ihre besten Wahlergebnisse. Dort, wo der Ausländeranteil bei 20,5 Prozent liegt, wählten demgegenüber 20 Prozent die AfD.
„Jeder denkt an sich, nur ich an mich“, zitiert Ursula Maria Hartung, Stadtteilkümmerin in Burgweinting, einen Satz ihrer Mutter. Sie bestätigt das Auseinanderfallen der Gruppen in Burgweinting: „Vor zehn, 15 Jahren waren die Türken und Russlanddeutschen, die hier leben, liberaler“, sagt Hartung.
„Früher integrierter“
Die dritte Generation sei es, die wieder konservativer werde: „Ich sehe mehr junge Frauen mit Kopftuch“, so Hartung. Und auch im Gespräch mit Russlanddeutschen stelle sie häufig fest, dass so mancher Anhänger Wladimir Putins ist. Doch auch die Straßenzüge der wohlhabenderen Schichten kritisiert sie: „Die Hecken werden immer höher, man möchte gar nicht mit anderen sprechen.“ Integration habe vor Jahren besser funktioniert, schließt Hartung.