Wie Wohlstand die AfD klein hält: Im Westen schlägt das Herz des Regensburger Mittelstands

Von Christian Eckl · 18. Juli 2023 um 05:00

Wer in den Westen Regensburgs blickt, der blickt in die Mitte der Gesellschaft. Dass der Westen etwas feiner ist als der Rest der Stadt, das ist in Regensburg sprichwörtlich. Doch kann man das auch mit Zahlen belegen? Eine Analyse macht schnell klar: Wer die politische Mitte stärken will, der sollte ins Westenviertel fahren und sich ein Bild machen.

Denn Wohlstand, verlässliche Arbeitsverhältnisse, niedrigere Migrationsquote und weniger Sozialleistungsempfänger führen offenbar zu gemäßigteren Wahlergebnissen.

Das Westenviertel hat eine niedriger Migrationsquote als Regensburg insgesamt: Hier liegt der Ausländeranteil bei 12,7 Prozent, während es in der Stadt bei 15,5 Prozent liegt. Der Anteil der Hartz-IV-Empfänger ist vergleichsweise in Regensburg ohnehin niedrig mit 4,9 Prozent der Bevölkerung. Im Westenviertel liegt er nochmals um einen Prozentpunkt niedriger bei 3,9. Die Quote der Alleinerziehenden-Haushalte liegt im Westenviertel etwas niedriger als im gesamten Stadtgebiet, wo sie fast 20 Prozent beträgt.

Auch hier hat das Westenviertel mit einem Prozentpunkt weniger Alleinerziehende. Leider sind es genau die Faktoren, die sozialen Sprengstoff anzeigen: Wo die Migrantenquote, die Quote der Hartz-IV-Bezieher und die der Alleinerziehenden höher sind, da gibt es auch mehr soziale Herausforderungen. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Wo die Quoten niedriger sind, da sind die sozialen Probleme wohl geringer.

Die Ränder sind schwächer

Dass es einen Zusammenhang zwischen diesen sozialen Faktoren und den Wahlergebnissen gibt, ergab schon die bisherige Analyse der Stadtteile. In Stadtamhof, wo viele junge Regensburger leben, der Ausländeranteil sehr niedrig ist und auch die Zahl der Hartz-IV-Empfänger, da erreichte die AfD 4,9 Prozent bei der letzten Bundestagswahl – in der gesamten Stadt waren es 10,3 Prozent. Dafür wurden die Grünen mit 30,9 Prozent gewählt – und waren damit um etwa neun Prozent stärker als in Regensburg insgesamt. Umgekehrt erreichte die Rechts-Außen-Partei in der Konradsiedlung 17,2 Prozent – hier liegt die Zahl der Hartz-IV-Empfänger und auch der Anteil der Ausländer signifikant höher als im Rest der Stadt.

Gerhard Kulig ist Stadtteilkümmerer in der Margaretenau. Er verrät, wieso das Westenviertel wie eine Insel der Glückseligen in Regensburg wirkt. „Hier lebt der Mittelstand, die mittleren Beamten und Angestellte, nicht das Prekariat, das Angst vor der Zukunft hat.“ Auch die Überalterung, die sich derzeit noch an den Zahlen deutlich ablesen lässt, nimmt laut Kulig künftig ab. „Es gab ja Befürchtungen hier in der Margaretenau, dass wir ein halbes Altersheim werden. Aber in den vergangenen Jahren sind immer mehr junge Menschen hierher gezogen.“

Der Westen, er lockt junge Familien an. Das hat auch mit der Struktur des Stadtteils zu tun, der mit etwa 30.000 Einwohnern auch der Größte ist: „Wir haben hier kaum Hochhäuser, sondern nur Gebäude mit drei, vier Stockwerken. Außerdem ist der Stadtteil sehr grün“, sagt Stadtteilkümmerer Kulig. Die Bevölkerungsstruktur spiegle sich laut Kulig auch in den Wahlergebnissen wider: „Die Extreme werden hier deutlich weniger gewählt.“ Sein Fazit: „Im Regensburger Westen ist die Welt noch in Ordnung.“

Ob der Wohlstand im Westen allerdings tatsächlich auf eine aktive Arbeitstätigkeit basiert, das kann man angesichts der vorliegenden Daten schwer beurteilen. Einen Indikator gibt es aber: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. In Regensburg sind von 175.000 Einwohnern etwa 68.000 in Arbeit. Das entspricht etwa 39 Prozent der Bevölkerung. Man rechnet zwei- und dreimal, weil es statistisch so unwahrscheinlich ist: Auch hier decken sich die Zahlen exakt. Von den etwa 30.000 Einwohnern sind 11.800 in Arbeit – gerundet ebenfalls exakt 39 Prozent.

Erfolgsmodell im Brennglas

Das Westenviertel ist das Brennglas des Regensburger Erfolgsmodells – hier wird auch deutlich, wie man ein Abdriften der Gesellschaft aufhalten kann: Wohlstand, viel Grün, schöne Wohnungen – dann wählt der Mittelstand auch die politische Mitte. Vorausgesetzt, die Überalterung wird durch Zuzug Junger ausgeglichen, dann liegt im Westen der Stadt auch ihre Zukunft.