Wo Arme und Reiche in Regensburg wohnen

Von Christian Eckl · 9. Februar 2022 um 04:30

Burgweinting sticht besonders hervor, aber auch die Konradsiedlung. Zumindest bei einem der sieben Faktoren, die im Sozialindex einbezogen werden sollen. In den genannten Stadtteilen sollen Menschen wohnen, die besonders von Arbeitslosigkeit betroffen seien. Die Stadt Regensburg erstellt einen den Index, fasst Daten und Statistiken zusammen und bildet diese auf einer Karte ab.

Vertreter der Wohnbauwirtschaft, aber auch Schuldnerberater und Vertreter sozialer Organisationen sagen: Es ist wichtig, genau hinzusehen. „Das wird in die nächste Armutskonferenz einfließen, die wir in Regensburg hoffentlich heuer wieder machen können“, sagt Reinhard Kellner, Sprecher der Sozialen Initiativen. Dass es überhaupt einen Sozialindex für die Stadt geben soll, hat Kellner von der MZ erfahren. Vor einem Jahr stellte der bald scheidende Leiter des Amts für Stadtentwicklung, Anton Sedlmeier, eine neue Mitarbeiterin vor. Sie sollte Sozialstatistiken herunterbrechen und daraus den Index erstellen. In 71 Gebiete hat man dazu die Stadt unterteilt. „Auf kommunaler Ebene etwas gegen Armut zu tun, ist schwierig“, findet Kellner. Er sagt, man müsste den Hartz-IV-Satz für Kinder anheben, und zwar bundesweit.

„Aber ich finde beispielsweise sehr gut, was derzeit bei der Dezentralisierung der Unterkünfte in der Aussiger Straße unternommen wird“, sagt Kellner. Dort lebten derzeit 20 Familien mit etwa 50 Kindern Tür an Tür mit Alleinlebenden, die oft Probleme bereiten würden. „Da gibt es etwa 200 Polizeieinsätze im Jahr. Da muss man entzerren, gerade die Familien mit Kindern im ganzen Stadtgebiet verteilen.“ Kellner sagt aber auch: „Am schlechtesten dran sind bei uns die Geringverdiener.“

Das bestätigt auch Monika Kortus, Schuldnerberaterin bei der Caritas. „47 Prozent unserer Klienten, die wegen hoher Schulden zu uns kommen und sich beraten lassen, beziehen Lohn.“ Dabei gebe es auch Besserverdiener, die durch Scheidungen in eine schwierige Situation gekommen seien. „Wenn man sich die Höhe der Mieten ansieht in Regensburg, wird schnell klar, dass Trennungen ein Armutsrisiko sind, wenn plötzlich zwei Wohnungen bezahlt werden müssen.“

Warteliste der Stadtbau kürzer

Dabei ist die Warteliste der kommunalen Stadtbau GmbH gerade kleiner geworden, waren es bisher bis zu 2000 auf der Warteliste, sind es jetzt etwa 1500. Liegt das daran, dass weniger bedürftige Menschen eine Wohnung suchen? „Nein, das liegt eher an der Umstellung unserer EDV“, sagt Götz Keßler, Geschäftsführer der Stadtbau. Wer sich jetzt nicht mehr zurückmeldet, fällt durch diese aus der Warteliste. Doch der studierte Architekt, der in München Erfahrungen im sozialen Wohnbau gesammelt hat, wartet auch gespannt auf den Sozialindex der Stadt.

„Während es früher so war, dass Bauträger ganze Wohnblöcke mit Sozialförderung gebaut haben, kann man jetzt mittels neuer Planungsmethoden im gleichen Gebäude unterschiedliche Fördermodelle neben normalen Wohnungen errichten.“ Das führe zu einer Durchmischung. „Gerade in den Schulen sitzen dann Kinder aus wohlhabenderen und bedürftigeren Familien nebeneinander“, sagt Keßler. So verhindere man auch Ghettos.

Regensburg ist in Sachen Sozialindex noch weit hinterher. Die Stadt München nutzt das Instrument längst, um auch Bildungspolitik zu betreiben. Denn neben dem Faktor Arbeitslosigkeit werden auch andere Faktoren mit einbezogen: Beispielsweise fließt der Anteil Alleinerziehender mit ein, aber auch der Anteil derjenigen, die Transferleistungen beziehen. Die Wohnstruktur wird betrachtet, ebenso Migration, aber auch das Wahlverhalten. „Neben der Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2021 können weitere Kennzahlen zu Wählergruppen nach Parteien betrachtet werden, zum Beispiel das Verhältnis von Wählerinnen und Wählern der Grünen zu den Wählerinnen und Wählern der CSU“, heißt es dazu von der Stadt. Welche Schlüsse daraus gezogen werden, ist noch offen.

Hier sind die Brennpunkte

Die Stadt stellte auf Anfrage lediglich Zahlen über die Arbeitslosenquote zur Verfügung. Die genauen Daten würden gerade in einem Atlas zusammengetragen, die man erst den Stadträten präsentieren wolle, bevor sie auch an die Zeitung geschickt werden könnten, heißt es von der Pressestelle. Doch schon diese Grafik macht deutlich, wo Brennpunkte sind. In Burgweinting beispielsweise zeigt sich deutlich, dass es problematische Straßenzüge gibt, in denen Menschen Leben, die mit höherer Wahrscheinlichkeit arbeitslos sind. Direkt daneben gibt es die Einfamilienhaus-Siedlungen, dort ist die Arbeitslosigkeit sehr niedrig. Ähnliche Phänomene gibt es etwa im Stadtnorden zwischen Weichs und der Konradsiedlung. Dort, so meint etwa Kellner von den Sozialen Initiativen, könnte man mit städtischen Treffpunkten „vor allem dagegen etwas tun, woran man Armut häufig sieht: Gegen die Einsamkeit“.