Wer kauft Kelheim Fibres? 20 Hektar großes Industrieareal im Netz zum Kauf angeboten

Vor vier Monaten endete nach 90 Jahren die Kelheimer Industrie-Ära von Kelheim Fibres. An die 500 Frauen und Männer verloren ihre Jobs. Eine Rumpf-Mannschaft räumt bis Ende September auf. Viele in der Region fragen sich derweil, wie die Zukunft des 20 Hektar großen Geländes aussehen kann. Wir haben nachgefragt, was sich hinter den Kulissen tut.
Zwei Männer, die diese Fragen auch beschäftigen, sind Kelheims Landrat Christian Nerb und Kelheims Bürgermeister Dennis Diermeier. Landkreis und Stadt „haben großes Interesse am Areal“, betonen beide. Das gehe „nur als aktiver Partner, nicht als Zuschauer“, so Diermeier. „Zeitnah“ wollten sich Kreis und Kreisstadt ins Spiel bringen. Idealerweise zusammen mit dem Hafen-Zweckverband (HZV), dessen Vorsitzender Landrat Nerb ist, als möglichem Kaufinteressenten. Damit wir nicht irgendwann außen vor sind“, sagt der Landrat.
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Würde der HZV neuer Eigentümer böten sich viele Möglichkeiten. Schließlich liegt das Hafengebiet direkt neben dem 20 Hektar großen Industrieareal. Ideen hätten Landrat und Bürgermeister einige.
Das sagt der Vertreter der Eigenverwaltung
Im Netz listen derweil zwei Unternehmen die Sachwerte der insolventen Kelheim Fibres GmbH auf. Das 200.000 Quadratmeter große Areal wird von Falkensteg als „Deal Opportunity“ mit „großem Entwicklungspotenzial“ beworben. BGH-Consulting will Investoren oder Unternehmen für Produktionsanlagen wie Patente gewinnen.

Weder Sachwalter Michael Verken noch die beauftragten Vermarkter beantworten unsere Fragen zum Status Quo des Verfahrens. Stattdessen meldet sich Christoph Enkler, der Vertreter der Eigenverwaltung. Der Anwalt sitzt in Frankfurt am Main und arbeitet für die auf Insolvenzverwaltung spezialisierte Kanzlei Brinkmann & Partner.
„Sowohl für das Grundstück bzw. Industrieareal als auch für das sonstige Sachanlagevermögen und die Produktionsanlagen wurden strukturierte Verwertungsprozesse eingeleitet“, sagt Enkler. Aufgrund von Größe, Lage, der Anbindung an Schiene, Straße und Wasserstraße wie auch die industrielle Infrastruktur (s. Infostück) sei das KF-Gelände „ein interessanter Standort“, entsprechend lägen bereits „Interessenbekundungen nationaler und internationaler Investoren vor.“
Nähere Auskünfte, welcher Art, aus welcher Branche bzw. aus welchen Regionen oder Ländern die Interessenten stammen, dazu könne er keine Angaben machen, antwortet der Anwalt weiter. Laut Falkensteg-Website unterstützt der Immobilien-Vermarkter auch chinesische Investoren beim „Erwerb deutscher Hidden Champions“.
Diese Ideen haben Kelheims Landrat und Bürgermeister
Kelheims Bürgermeister Dennis Diermeier sieht für die lokalen Vertreter einen „großen Auftrag“, tätig zu werden. Entsprechend „müssen wir unser Interesse bekunden“. Gespräche unter anderem mit Frank Reinhardt habe es schon gegeben. Dieser war, als Kelheim Fibres in Schieflage geraten war, der Geschäftsleitung als Restrukturierungsbeauftragter zur Seite gestellt worden. Nun ist er dem Vernehmen nach mit der Abwicklung betraut.
„Mein Wunsch ist, dass die Menschen in 20 Jahren, wie beim Donaupark, sagen, dass sich die Fläche gut entwickelt hat und dass wir die richtigen Entscheidungen getroffen haben“, sagt Diermeier. Vorstellbar sei eine Entwicklung als Gewerbe- und Industrieareal. Vor allem mit dem benachbarten Hafen kann sich der Bürgermeister „einiges“ vorstellen. „Zeitnah“ wollen Nerb und Diermeier das Gelände besichtigen, sagen sie. Um danach weitere Schritte anzugehen.
Einige „Visionen“ hat auch Landrat Christian Nerb. So ist für ihn das vorhandene Kraftwerk von großem Interesse wie auch die Müllverbrennungsanlage. Doch konkrete Konzepte könnten erst entwickelt werden, wenn man wisse, was mit dem Gelände Sache sei, fügt Nerb an. Und auch die Idee, das Kraftwerk eventuell für Fernwärme in umliegenden Gemeinden zu nutzen, ließe sich nicht „auf ein Vierteljahr“ in einen konkreten Plan gießen. Gerne würde Nerb aber prüfen lassen, ob dies möglich wäre. Genauso sei es mit der Idee „Klärschlammverbrennung“. Die dürfte für den Abzwasserzweckverband im Raum Kelheim wie für viele kleine Zweckverbände interessant sein, so der Kelheimer Landrat.
Unsere Nachfragen beim Vertreter der Eigenverwaltung zum zeitlichen Horizont des Verkaufs und auch dazu, ob es bereits ein detailliertes Exposé gebe und bis wann Gebote abgegeben werden können, beantwortet dieser pauschal: „Die relevanten Informationen werden derzeit konsolidiert und im Rahmen des strukturierten Verwertungsprozesses adressatengerecht bereitgestellt.“
Der Zugang zu weitergehenden Objekt- und Prozessunterlagen erfolge dabei „ausschließlich innerhalb dieses Verfahrens und nach den hierfür vorgesehenen Vertraulichkeitsschritten“. Zudem hänge „die weitere Timeline maßgeblich von noch laufenden technischen, umweltbezogenen und standortspezifischen Klärungen sowie entsprechenden Abstimmungen ab“.
Auf dem Betriebsgelände werden derweil die Anlagen stillgelegt. Die Planungs-, Reinigungs- und Entsorgungsarbeiten unter Prüfung durch den TÜV sollen bis Ende September abgeschlossen sein.
Kelheim Fibres: Das wird konkret verkauft
• Die Unternehmensberatung Falkensteg begleitet nach eigenem Bekunden den Verkauf des Kelheim Fibres-Areals „exklusiv“. Online listet Falkensteg die Vorzüge des Geländes auf.
• Es sei „trimodal“ erschlossen, sprich an Wasserstraße, Schiene und Straße angeschlossen. So ein Gelände sei „sehr selten und biete enormes Entwicklungspotenzial", kommentiert der zuständige Projektleiter. Dies eröffne „eine große Bandbreite“ an Nutzungsoptionen. Denkbar seien vor allem gewerbliche, logistische und energieerzeugende Neuentwicklungen.
• Zudem verfüge das Areal über ein „grundlastfähiges Kraftwerk mit Systemrelevanz“ (mit elektrischer Leistung von bis zu 47 MW und thermischer Kapazität bis zu 225 MW) sowie über eine genehmigte Rückstandsverbrennungsanlage (Kapazität 5900 t/Jahr). Auch ein biologisches Klärwerk ist vorhanden mit ca. 97 Prozent Abbauleistung (21 t/Tag CSB). Des Weiteren finden sich diverse Produktions-, Lager- und Verwaltungsgebäude zwischen Donau und Regensburger Straße sowie technische Neben- und Rückgewinnungsanlagen.
• BGH-Consulting ist nach eigenen Angaben mit dem Verkauf weiterer Sachwerte betraut. Aufgelistet werden Viskose-Produktionsanlagen. Aber auch Labor-, Pilot- und Testanlagen, Patente, Schutz- und Markenrechte, Betriebs- und Produktionsverfahren und technologisches Know-how werden offeriert.
• Am 15. Juli endete „Phase 1“. Dazu gehörte der Versand erster Infos an interessierte Parteien, das Bereitstellen von Unterlagen oder die Organisation von Besichtigungsterminen. Zudem konnten potenzielle Käufer ihr Interesse bekunden.