Die viertschönste Altstadt der Welt: Regensburg zieht an Florenz und Istanbul vorbei

Von Marion Koller · 29. Juli 2026 um 05:00

Die Spuren der Römer sind in Regensburg genauso nah wie Zeugnisse des Mittelalters. Ob Porta Praetoria oder Geschlechtertürme der reichen Patrizier, alles ist zu Fuß erreichbar. Auf Instagram gibt es zwei Millionen Fotos der Domstadt zu entdecken. Der Online-Reiseanbieter Tourlane hat nun Regensburg zur viertschönsten Altstadt der Welt gekürt – vor Florenz, Salzburg und Istanbul. Einheimische und Gäste sehen das genauso. Doch mit den Touristenzahlen nehmen auch die Belastungen zu.

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In der Altstadt herrscht am kühlen Donnerstag Trubel. Touristenscharen blinzeln am Domplatz hinauf zu den Türmen. In der Goliathstraße richten US-Amerikaner die Handykameras auf den Riesen Goliath am gleichnamigen Haus. Bei der Bäckerei Schifferl reihen sich Reisende in die Warteschlange. Beth Jusseaume, eine amerikanische Lehrerin, die in Paris lebt, bewundert die Fassaden des Hutkönigs und der historischen Nachbarhäuser, viele davon Denkmäler. „Ich liebe die Schönheit dieser Stadt“, ruft sie auf Englisch aus. Die 62-Jährige ist mit einem Kreuzfahrtschiff angereist. Beth Jusseaume hat eine Führung zu jüdischen Orten gewählt. Sie hat die Synagoge erlebt, weiß, wo das jüdische Gotteshaus vor der Zerstörung stand, was Stolpersteine sind und dass Oskar Schindler, der 1200 Juden rettete, fünf Jahre lang Am Watmarkt wohnte.

Regensburg ist kein Museum, sondern gelebte Geschichte mit unglaublich viel Kultur.Jakob Reitinger, Chef der Regensburg Tourismus GmbH

Michael Meier aus Köln streift über den Emmeramsplatz Richtung Schloss. Mit Freunden verbringt er zwei Tage in der Stadt. „Mir gefällt es sensationell gut“, schwärmt der Versicherungsangestellte (56). „Alles ist sehr gepflegt, akkurat und ordentlich.“ Er findet Regensburg harmonisch und friedlich. „Gut gegessen“ hat die Gruppe bei Meier in Stadtamhof. Im Hotel Green Spirit fühlen sich die Kölner wohl.

Heimlicher Weltmarktführer oder schon überlaufen?

Viele Gäste schätzen die Stadt und tun das auf Instagram kund. Dort sind rund zwei Millionen Fotos von Regensburg zu entdecken. Laufend gute Platzierungen bei Rankings kommen hinzu. Vor wenigen Tagen hat der Online-Reiseanbieter Tourlane die Altstadt zur weltweit viertschönsten gekürt – vor Florenz, Salzburg und Istanbul. Den ersten Platz holte Neapel.

In der Begründung heißt es: „Regensburg ist wie gemacht für Erkundungen zu Fuß. Über die Steinerne Brücke führt der Weg direkt ins Herz der Altstadt, wo sich enge Gassen, mittelalterliche Plätze und romanische Bauten abwechseln.“ In wenigen Minuten erreiche man das Alte Rathaus, den Dom oder die Porta Praetoria – die Spuren der Römer seien hier ebenso nah wie die Zeugnisse des Mittelalters. „Das macht Regensburg zu einer Stadt, die man im Gehen ganzheitlich erlebt: kompakt, abwechslungsreich und voller Geschichte.“ Der Welterbestatus spielt natürlich auch eine Rolle.

Jakob E. Reitinger, Geschäftsführer der Regensburg Tourismus GmbH, ist nicht überrascht. Regensburg sei attraktiv, „weil es eine sehr gelebte und belebte Stadt ist“. Im Gegensatz zu anderen touristisch interessanten Städten sei Regensburg eine bewohnte Stadt mit vielen jungen Menschen, die zum Studium kommen – und oft bleiben. Er preist den starken Einzelhandel mit vielen eigentümergeführten Geschäften und die Handwerksbetriebe. „Wir sind kein Museum, sondern gelebte Geschichte mit unglaublich viel Kultur.“ Reitinger weist auf die Möglichkeiten vor Ort hin, das vielfältige Angebot an Kultur, Kulinarik und Veranstaltungen. „Wir sind trotzdem immer noch ein bisschen ein Hidden Champion.“ Ein heimlicher Weltmarktführer also.

Ich liebe die Schönheit dieser Stadt.Beth Jusseaume, Lehrerin aus Paris

Manche Regensburger halten die Stadt für überlaufen. Professor Achim Hubel, Vorsitzender der Altstadtfreunde, sagt zum Ranking: „Das ist das berühmte Dilemma. Man hat eine Fülle an Denkmälern, ist Weltkulturerbe, was die Zahl der Touristen steigert, aber auch die Belastung der Stadt.“ Das muss in seinen Augen immer wieder diskutiert werden. Die Kreuzfahrtschiffe sieht er kritisch. Die Passagiere ließen kaum Geld hier, weil sie auf dem Schiff essen. Nur Souvenirläden profitierten. Freilich widersprechen Geschäftsleute wie „Hutkönig“ Andreas Nuslan.

Was sagt Professor Dr. Marco A. Gardini, stellvertretender Leiter des Bayerischen Zentrums für Tourismus in Kempten, zu den Regensburger Zahlen? „Für Overtourism gibt es keine feste Besucherzahl oder Quote als Grenzwert“, erklärt er. „In der Wissenschaft sprechen wir davon, dass man sich in diesem Zusammenhang unterschiedlichste Kapazitäts- und Tragfähigkeitsgrenzen anschauen muss.“ Entscheidend sei, ab wann die Belastung für Besucher, Bewohner und Umwelt spürbar überwiege, und das könne nur durch systematische und regelmäßige Überprüfung seriös herausgefunden werden.

„Kein Beispiel für Overtourism wie Venedig“

„Regensburg ist natürlich kein klassisches Overtourism-Beispiel wie Venedig, zeigt aber punktuell Symptome – Kreuzfahrttourismus, Altstadt-Belastung –, die typisch für die Diskussion sind“, sagt der Forscher. Allerdings solle man in diesem Zusammenhang die Kirche im Dorf lassen und eher von zeitweiligen Hotspots oder Belastungsperioden sprechen, als davon, dass Regensburg am Overtourismsyndrom leide. „Das wäre wohl stark übertrieben.“

Das findet auch Anita Bock. Sie sitzt auf Holzmöbeln im Obermünsterviertel und wischt am Handy. Jahrelang hat sie in der Domstadt gelebt und ist wieder nach Waldmünchen zurückgegangen. Die 30-Jährige erlebt Regensburg als weltoffen. „Es gibt viele schöne Orte hier“, sagt sie. „Warum sollte man sie anderen vorenthalten?“ In die Altstadt kommt sie oft und gerne. „Sie ist ein Ort der Ruhe und hat etwas Friedliches.“ Auch eine 63-Jährige, die an der Kumpfmühler Straße auf den Bus wartet, freut sich über die internationalen Gäste. „Es ist schön, wenn Leute da sind“, sagt die Diätassistentin. „Wir brauchen unsere Touristen – auch für die Hotels.“

Steigende Zahlen bei den Gästeübernachtungen

Gäste: 2025 hat die Regensburg Tourismus GmbH 1,38 Millionen Gästeübernachtungen registriert. Damit wurde die Rekordzahl von 2024 (1,36 Millionen) übertroffen. Touristen bleiben durchschnittlich zwei Tage. Die Top_Herkunftsländer: Österreich, Niederlande, USA und sonstiges Europa.

Umsatz: Rund 405 Millionen Euro haben die Gäste 2024 hier ausgegeben (dwif-Consulting München).