Vater gesucht, Halbbruder gefunden: Was ein Neunburger durch einen DNA-Test herausfand

Von Jan Lange · 4. Juni 2026 um 19:00

Im Fernsehen gibt es mehrere Sendungen, in denen Menschen nach vermissten Eltern oder Geschwistern suchen. Auch Ernst Probst hat sich fast 80 Jahre lang gefragt, wer sein Vater ist. Schließlich brachte ein DNA-Test Licht ins Dunkel und hat das Leben des gebürtigen Neunburgers verändert.

Bis vor einigen Monaten wusste Ernst Probst nicht, wer sein unbekannter amerikanischer Vater ist. Erst jetzt konnte der am 20. Januar 1946 in Neunburg geborene, bis 1960 dort lebende und heute in Wiesbaden wohnende Journalist und Buchautor das lange gehütete Geheimnis lüften. Er erfuhr, dass sein Vater 1953 mit seiner Ehefrau einen heute noch lebenden Sohn gezeugt hat und nach zwei Schlaganfällen vor 54 Jahren in den USA gestorben ist.

80 Jahre im Ungewissen geblieben

Vor einigen Monaten schöpfte Probst neue Hoffnung, endlich seinen Vater ausfindig machen zu können. Fast 80 Jahre hatte ihn die Ungewissheit umgetrieben. Eine Folge der Sat1-Sendung „Julia Leischik sucht: Bitte melde dich“ ermutigte ihn, die Suche zu intensivieren. In der Sendung wurde das „Nationale Personalaktenzentrum“ („National Archives and Records Administration“, abgekürzt Nara) in Saint Louis im US-Bundesstaat Missouri erwähnt. Jenes bewahrt die Personalakten der US-Army aus dem Zweiten Weltkrieg auf. Dort hoffte Probst, Näheres über seinen bis dahin unbekannten amerikanischen Vater zu erfahren.

Seine Mutter hatte Fragen nach seinem Vater nie beantwortet. „Das geht dich nichts an“, habe sie lediglich gemeint. Sie habe sich wohl geschämt, ist Ernst Probst überzeugt. Schließlich nahm seine Mutter das Geheimnis mit ins Grab. Von einer in Neunburg lebenden Tante hörte Probst nach dem Tod der Mutter, dass sein Vater ein amerikanischer verheirateter Soldat mit dem Spitznamen „Woodie“ gewesen sei.

Doch es gab einen Rückschlag: Eine Anfrage von Probst beim Nationalen Personalaktenzentrum verlief erfolglos. Von einem IT-Experte erfuhr er, dass 1973 ein Großbrand im Nationalarchiv einen erheblichen Teil der Personalakten vernichtet habe. Schätzungen reichten von 60 bis 80 Prozent. Zudem wäre eine Nachfrage ohne den Nachnamen seines Vaters sehr schwer, war der IT-Fachmann überzeugt. Da er am 20. Januar 1946 geboren wurde, müsse seine Zeugung im April oder Mai 1945 erfolgt sein.

Neunburg wurde am 23. April 1945 von der US-Army eingenommen

Neunburg sei am 23. April 1945 von der Einheit Combat Command B (CCB) der 11th Armored Division der 3. US-Army eingenommen worden. Ein Combat Command sei damals eine flexible und selbstständige Kampftruppe innerhalb einer Panzerdivision gewesen, die aus verschiedenen Einheiten von Panzerbataillonen, gepanzerter Infanterie und Artillerie zusammengesetzt war. Im Fall von Neunburg waren das vor allem Teile des 22nd Tank Battalion, des 63rd Armored Infantry Battalion und des 491st Armored Field Artillery Battalion. Mit dabei war auch die 104. Invanteriedivison („Timberwolves“), die aus „Nightfightern“ (Nachtkämpfern) bestand.

Halbbruder Brad Davis in seinen 20ern - Foto: Davis (Privatarchiv)
Vater Woodrow („Woodie“) Bradsher Davis war ein gutaussehender Mann, aber auch ein Schürzenjäger. - Foto: Davis (Privatarchiv)
Ernst Probst als Kind - Foto: Probst (Privatarchiv)
Der frühere Neunburger Ernst Probst lebt heute als Rentner in Wiesbaden. - Foto: Probst (Privatarchiv)

Probst wurde empfohlen, einen DNA-Test zu machen. Dabei könne man Verwandte in den USA finden, auch wenn man deren Namen nicht kenne. Daraufhin gab der frühere Neunburger eine Speichelprobe ab und schickte diese nach Irland. Zehn Tage später war die Probe ausgewertet und er erhielt eine Liste seiner DNA-Übereinstimmungen. Ein Brad Davis hatte 29 Prozent gemeinsame DNA, ein Matthew Davis 15 Prozent. Ersterer wurde als Halbbruder väterlicherseits, Letzterer als Großneffe väterlicherseits bezeichnet. Die Beiden waren Vater und Sohn.

Da sein Halbbruder auch einen DNA-Test bei demselben Anbieter gemacht hatte, konnten die Daten der beiden miteinander abgeglichen waren. Es war also wirklich Glück, dass sie sich finden konnten.

Probst ist Autor von mehr als 500 Büchern und Broschüren

Nachdem Ernst Probst, der Autor von mehr als 500 Büchern und Broschüren ist, beide angeschrieben hatte, erhielt er zuerst wochenlang keine Antwort. Doch schließlich erreichte ihn doch noch eine Nachricht von seinem 1954 geborenen Halbbruder Brad Davis aus Georgia. Da sein Englisch miserabel sei, bevorzuge er die schriftliche Kommunikation, bei der ihm ein Übersetzungsprogramm helfe, so Probst.

Brad Davis schickte ihm in der Folge zahlreiche E-Mails mit interessanten Informationen über den gemeinsamen Vater Woodrow („Woodie“) Bradsher Davis (1914–1971) sowie Fotos des Vaters und von dessen Verwandten zu – und konnte so ein fast acht Jahrzehnte altes Rätsel lösen. Auch seinen Halbbruder habe es laut Probst sehr berührt, mit über 70 Jahren noch einen so nahen Verwandten kennenzulernen.

Heute stehen die Halbbrüder in regem Austausch, schreiben sich regelmäßig. Und sie schicken sich inzwischen auch kurze Videos zu, in denen sie sich Grußbotschaften zum Beispiel zum Geburtstag übermitteln. Ein persönliches Treffen der beiden wird aufgrund ihres hohen Alters wohl nicht mehr möglich sein. Lange Flugreisen könnten sie wegen der Gesundheit nicht mehr auf sich nehmen. Aber sie hoffen, dass sich vielleicht mal die Generationen nach ihnen treffen. Ernst Probst hat zwei Töchter und einen Sohn sowie vier Enkel, sein Halbbruder Brad hat drei Söhne und eine Tochter sowie acht Enkel.

Vater hatte zahlreiche berühmte Verwandte

Laut dem Online-Archiv FamilySearch.org hatte der amerikanische Vater von Ernst Probst zahlreiche berühmte entfernte Verwandte. Darunter sind sechs US-Präsidenten, Abenteurer (Buffalo Bill), Filmschauspieler (Elizabeth Taylor), Autoren und Sportler (Bruce McLaren). Bei weiteren Nachforschungen stieß Probst auf zahlreiche Ahnen in den USA, England, Schottland, Irland und Schweden.

Nicht nur Ernst Probst konnte durch die Recherchen viel über seinen leiblichen Vater erfahren, auch Halbbruder Brad hatte seinen Vater nicht wirklich gekannt. Seine Eltern trennten sich, als er ein Jahr alt war. Dass er einen Sohn in Neunburg gezeugt hatte, erfuhr Woodrow („Woodie“) Bradsher Davis nie. Er war damals nur fünf Tage in Neunburg. Diese fünf Tage haben aber das Leben mehrerer Menschen nachhaltig beeinflusst.