ICE-Attentat bei Straßkirchen: 21-Jähriger bringt vor elf Monaten das Grauen in Wagen 34

Von André Baumgarten · 2. Juni 2026 um 20:36

Prozess um blutigen Angriff vom Juli 2025 hat in Regensburg begonnen. Opfer des jungen Syrers schildern traumatische Minuten bei dessen wirrer Tat mit Axt und Hammer. Dem Mann droht nun die dauerhafte Einweisung in die Psychiatrie.

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Mit einer Axt und einem Zimmererhammer verletzt ein junger Syrer am 3. Juli 2025 mehrere Passagiere im ICE 91 nahe Straßkirchen (Landkreis Straubing-Bogen). Ein Mann, der den Notruf wählt, wird schwer verletzt, ehe sich die ungebremste Wut des heute 21-Jährigen gegen eine Familie von Landsleuten richtet, die in ihrer alten Heimatstadt Passau einfach nur Urlaub machen wollen.

Minutenlang kämpfen zwei Brüder (16 und 25 Jahre) gegen den in Wien wohnhaften Angreifer – um ihr eigenes und die Leben der anderen Passagiere im Schnellzug. Im am Dienstag gestarteten Prozess vor dem Regensburger Landgericht geht es aber nicht um Schuld, sondern die Frage, wie die Allgemeinheit vor dem psychisch kranken Angreifer geschützt werden kann.

Der Mann, den zwei Polizisten kurz vor 9 Uhr in Sitzungssaal 104 im Justizgebäude führen, ist an Händen und Beinen gefesselt. Über seiner dunklen Jeans und dem weißen Hemd trägt der 21-Jährige einen schwarzen Gurt um den Bauch, an dem die Handschellen zusätzlich befestigt sind. Er nimmt direkt neben Strafverteidiger Jörg Meyer Platz. Äußerlich wirkt der Beschuldigte ruhig, sein Blick fast träge.

Für das deutsche Opfer gab es eine Entschuldigung

Er verzieht über mehrere Stunden keine Miene, sieht stoisch vor sich ins Nichts, hebt seinen Blick nur ganz selten. Und der junge Syrer schweigt – zumindest bis kurz vor 17 Uhr: „Ich entschuldige mich für das, was passiert ist“, lässt er in Richtung des letzten Zeugen vom ersten Prozesstag dolmetschen. Bonus wird ihm das aber wohl keinen bringen.

Denn im sogenannten Sicherungsverfahren vor der zweiten Jugendkammer am Landgericht in Regensburg geht es einzig um die Frage, ob der 21-Jährige für die Tat in der Psychiatrie untergebracht wird. Dass er vor elf Monaten das Grauen in Wagen 34 des ICE Nummer 91 nach Passau brachte, daran gibt es kaum Zweifel. Es gibt zu viele Augenzeugen, von denen einige bis heute mit dem kämpfen, was sie mit ansehen mussten.

Drei Sachverständige für Rechtsmedizin und forensische Psychiatrie (rechts im Bild Dr. Susanne Lausch) sollen im Prozess angehört werden. - Foto: Baumgarten

Allen voran die syrische Familie, die viele Jahre in Passau lebte, ehe sie nach Niedersachsen zogen. Sie wollten im Juli vergangenen Jahres in der alten Heimat Urlaub machen – doch ihre Fahrt in die Drei-Flüsse-Stadt endete im Alptraum, der sie bis heute plagt. Angstzustände und tiefe Narben blieben zurück – und traumatische Erinnerungen an die brutale Tat.

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Grundlos hatte der Beschuldigte an jenem Donnerstag mit dem ältesten Sohn Streit begonnen und wirres Zeug erzählt. Sie habe sofort gewusst, „dass er mich und meine Kinder angreifen wird“, erinnert sich die Mutter. Der Deutsche, den sie zuvor leise und per Handzeichen bat, die Polizei zu rufen, war da nach wuchtigen Axthieben schon bewusstlos zu Boden gegangen.

Der Notruf des heute 39-Jährigen, der im ICE als Erster attackiert wurde, endete mit schwer identifizierbaren Tönen im Hintergrund – vermutlich Schreie anderer Passagiere. Zig Hallo-Fragen des Polizisten am anderen Ende blieben unbeantwortet bis die Verbindung endete. Das erste Opfer des Beschuldigten macht sich offenbar sogar Vorwürfe, dass sein Telefonat erst zur Eskalation geführt haben könnte.

Dass es die Familie trotzdem erwischt hat, ist das Schlimmste.Der Mann, der am 3. Juli 2025 den Notruf wählte, gibt sich offenbar eine Mitschuld

Viel wahrscheinlicher jedoch ist, dass der 21-Jährige im Wahn handelte. Davon geht aufgrund des Gutachtens der psychiatrischen Sachverständigen Dr. Susanne Lausch auch die Staatsanwaltschaft aus. Der junge Syrer, der paranoid schizophren sein soll, gilt als schuldunfähig. Davon zeugen kurze Handyvideos eines Opfers, das die Fixierung des Angreifers und später auch seine Festnahme zeigt.

„Er war nicht normal, irgendwas hat nicht gestimmt mit ihm“, erklärte die Mutter der syrischen Familie. Sie musste wenig später – gestützt von ihrem Anwalt und dem Dolmetscher – aus dem Saal geführt werden. Auch ihrem älteren Sohn, der verbal das erste Ziel war, fielen die Augen des Beschuldigten auf. „Ich dachte, ich werde sterben“, sagte der 25-Jährige, dessen Mutter mehrere Axt-Hiebe einsteckte.

21-Jähriger schrie bei der Bluttat „Allahu akbar“

Ihm kamen im darauffolgenden, mehrere Minuten langen „Kampf zwischen uns“ sein jüngerer Bruder und zwei weitere Passagiere zu Hilfe. Letztlich wurde der Angreifer so „fixiert, um andere Menschen auch zu schützen“, wie der Ältere aussagte. Er verletzte den 21-Jährigen damals schwer, was aber als Notwehr gewertet wurde. Und selbst die bei Terroranschlägen häufig verwendeten „Allahu akbar“-Rufe des Beschuldigten hielten sie alle wohl nicht davon ab, Zivilcourage zu beweisen.

„Ich wollte einfach meine Familie beschützen“, erklärte der 16-jährige Sohn der syrischen Familie. „Ich hab ihn nicht losgelassen“, sagte er voller Stolz. Seine Schwester, die ebenfalls mit in Wagen 34 von ICE 91 saß, brachte die später sichergestellten Tatwerkzeuge außer Reichweite des Angreifers. Auch sie bestätigte: „Er war nicht bei sich, sondern wie benebelt“.

Stundenlang sicherten Ermittler nach der Axt-Attacke bei Straßkirchen (Lkr. Straubing-Bogen) am Tatort im ICE die Spuren. - Foto: Weigel, dpa (Archiv)

Das Landgericht will im Prozess gegen den 21-Jährigen zunächst weitere Zeugen anhören, ehe am 12. und 19. Juni die Gutachter das Wort haben. Mit einem Urteil im Sicherungsverfahren um das ICE-Attentat von Straßkirchen wird wohl erst in sieben Wochen zu rechnen sein. Fünf weitere Verhandlungstage sind bis zum 20. Juli dafür angesetzt.