Caritasverband Kelheim: Als soziales Frühwarnsystem nötiger denn je

Caritas steht wörtlich für tätige Nächstenliebe, Wohltätigkeit. Dies in den Alltag zu übersetzen, müht sich Kelheims Kreis-Caritasverband seit nun 50 Jahren. Mit welchen Hürden, aber auch Erfolgen, das bilanziert die aktuelle Führungsriege im MZ-Gespräch.
Seit Januar ist Tina Rosenhammer Vorstandsvorsitzende des Kreis-Caritasverbands (KCV), und Stefan Killian ihr Vize. Sie sind fürs „operative Geschäft“ zuständig, das der Caritasrat beaufsichtigt und strategisch begleitet. Seit 2022 leitet Bad Abbachs Bürgermeister Dr. Benedikt Grünewald den Rat.
Nach 50 Jahren: Ist die Caritas noch nötig?
Energisches Nicken in der Runde: „Schön wär’s, wenn es unseren Caritasverband gar nicht bräuchte – aber der Bedarf ist einfach da“, sagt Benedikt Grünewald. Aus der Mini-Geschäftsstelle zu Beginn ist binnen 50 Jahren ein Arbeitgeber für gut 400 Menschen geworden. Was in einem ,normalen‘ Unternehmen für ein erfolgreiches Geschäftsmodell spräche, ist „bei uns als Sozialverband eine Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen“. Stefan Killian hakt ein: „Wir sind aber auch in Vielem Vorreiter, das ist schon eine Art Markenzeichen des Kelheimer Verbands.“Man habe beispielsweise jahrzehntelang Schuldnerberatung angeboten, ehe der Freistaat dies endlich verlässlich finanzierte. Früh erkannt habe der Verband auch den Hilfebedarf von Menschen in psychischen Ausnahmesituationen – und rief den „Sozialpsychiatrischen Dienst“ ins Leben. Heute wisse man, „dass 27 Prozent der Menschen im Lauf ihres Lebens mal in eine psychische Krise kommen“. Killian sieht die Caritas als Frühwarnsystem: „Wir erkennen gesellschaftliche Probleme, ehe sie in der Breite der Gesellschaft bewusst werden.“
Erzeugt das Angebot die Nachfrage?
„Diesen Vorwurf hören wir öfter. Ich sehe es anders: Wir machen Probleme sichtbar“, antwortet Tina Rosenhammer: etwa, dass „viele Menschen durchs Raster staatlicher Hilfe fallen“. Und gerade Menschen mit psychischen Probleme drängten von sich aus kaum auf Hilfe – umso wichtiger, ihnen unverbindliche Hilfe anzubieten und so vielleicht eine akute Krise abzuwenden, ergänzt Benedikt Grünewald.
Sozialer Anspruch – wirtschaftlich darstellbar?
Kostendruck und Wettbewerb gibt es auch im Sozialen. Aber wo zum Beispiel ein Pflegebedürftiger für andere Pflegedienste nicht „lukrativ“ ist, weil er abgelegen wohnt, „kümmern wir als Caritas uns trotzdem“: Diesen Anspruch hat Rosenhammer an ihren Verband, und sie weiß, dass auch für viele der rund 420 Mitarbeitenden gerade dies sinnstiftend ist.
Sie weiß aber ebenso, dass im Sozialbereich die Schere immer weiter aufgeht zwischen steigenden Kosten und schrumpfenden Finanzierungen. „Deshalb wird es mit Sicherheit an der einen oder anderen Stelle nicht weitergehen wie bisher.“ Großes Sparpotenzial sieht sie jedoch nicht: „Wenn ein Angebote keinen Zulauf hätte, hätten wir es schon abgeschafft.“ Und die KCV-Verwaltung sei sehr schlank, verglichen etwa mit staatlicher Verwaltung.
Auf „eine halbwegs schwarze Null“ müsse man alljährlich kommen, das ist für den Caritasrat-Vorsitzenden die Messlatte. Sie bedeutete das Aus für den hoch defizitären und von Gebäudeproblemen geplagten Cari-Markt in der Kelheimer Altstadt: „Ihn fortzuführen, hätte viele unserer anderen Projekte gefährdet.“ Für Tina Rosenhammer ist wichtig, dass die anderen Carida-Inklusionsprojekte weiterlaufen. „Und wir sind ja trotzdem stolz, dass wir den Markt 20 Jahre lang führen konnten, Jugendliche ausgebildet und die Basis für berufliche Lebensläufe gelegt haben.“
Wie lässt sich der Wert von Prävention messen?
Schwierig, seufzt Stefan Killian. Immerhin für die Schuldnerberatung wurde der gesellschaftliche Mehrwert mal errechnet: Ein hierfür investierter Euro spart im Schnitt sechs Euro Folgekosten ein – zum Beispiel, weil ein Betroffener nicht in die Sozialhilfe abrutscht.
Der Abbacher Bürgermeister nimmt „seine“ Angrüner-Mittelschule als Beleg. Dort sei die monatliche Retox-Sprechstunde der Caritas – eine Beratung für Jugendliche mit riskantem Alkohol-, Medien-, Drogen- und ähnlichem Konsum – immer restlos ausgebucht; und ein Schulleben ohne die Jugendsozialarbeit-Mitarbeiterin („JaS“) mag sich Grünewald gar nicht mehr vorstellen. Mit Unbehagen verfolgt er daher unter anderem im Kreistag die wachsende Debatte, ob solche Angebote noch finanzierbar sind. „Wo wenig Jugendarbeit und Prävention betrieben wird, wachsen die Probleme!“, warnt er.
Ist christlich noch „in“ – oder überholt?
„Christliche Werte sind bei der Caritas keine aufgeklebte Etikette“, betont Benedikt Grünewald, selbst im Elternhaus und in der Pfarrei katholisch sozialisiert. Nächstenliebe etwa lebe man, indem man auch die nicht abweise, die im Leben falsch abgebogen sind; die erst nach vielen Anläufen ihren Weg finden, ergänzt Tina Rosenhammer.
Gerade deshalb, und bei aller – auch berechtigter – Kritik an der Kirche „ist es wichtig, dass wir Teil dieser Kirche sind“, schlussfolgert sie. Diese Verwurzelung sei aber auch vielen Klienten wichtig, gerade in der Altenpflege. „Da betet man beim Kämmen auch einfach mal ein Vaterunser mit“.
Caritas in Zahlen
Menschen: 420 Hauptamtliche hat der Kreis-Caritasverband; etwa 160 Ehrenamtliche und gut 600 Mitglieder/Förderer.
Umsatz: Kreisverband sowie die gGmbHs Caritas-Seniorendienste und Carida erwirtschafteten voriges Jahr rund knapp 18 Millionen Euro Umsatz.