Sozialpädoginnen beraten Kelheims Jugend am schmalen Grat zwischen Konsum und Sucht

Katharina Pfaff und Kathrin Breunig – die beiden „retox“-Beraterinnen im Landkreis Kelheim helfen Kindern, ihren Konsum von Suchtmitteln – ob erlaubt oder illegal – zu verstehen, zu hinterfragen und selbstbestimmt darüber zu entscheiden. Das hilft auch den Eltern.
Eine E-Zigarette im „Kinder“zimmer, das erste durchgezockte Wochenende, das Smartphone endgültig mit der Hand verwachsen, ein heimlicher Joint: Löst bei vielen Eltern Panik aus – ist aber kein Grund zur Panik, antworten die coolen Sprösslinge.
Eine Suchtberatungsstelle für Erwachsene gibt es im Caritas-Sozialzentrum Kelheim schon lange. Im Januar 2023 startete dann endlich die Jugend-Suchtberatungsstelle „retox“ für 12- bis 18-Jährige. In die kommen tatsächlich auch schon Zwölf-, Dreizehnjährige – „ich frage mich, wo die vorher wohl Rat gesucht haben“, sagt Sozialpädagogin Katharina Pfaff nachdenklich.
Wann wird normaler Konsum zum Suchtverhalten?
Sie und ihre Kollegin, die klinische Sozialarbeiterin Kathrin Breunig, teilen sich im Auftrag des Kelheimer Jugendamts die halbe „retox“-Stelle: Im Caritas-Zentrum, an Schulen, in Jugendtreffs bieten sie Infos an, wann denn eigentlich ein „normaler“ Konsum offenkundig umkippt zum problematischen Suchtverhalten. Und sie begleiten Jugendliche beim Versuch, hinter die eigenen Kulissen zu blicken: Was gibt’s mir eigentlich, wenn ich nächtelang Börsen-Glücksspiele online spiele, täglich im Fitnessstudio auf noch mehr Muskelmasse hinarbeite oder drei Mal die Woche einen Rausch habe? Die Resonanz auf die Beratung hat die beiden Expertinnen überrascht.
Kinder haben viel Redebedarf
„Wir staunen immer wieder, welch großen Redebedarf die jungen Leute haben. Gerade auch die ,Auflage‘-Klienten.“ Damit meint Katharina Pfaff Jugendliche, denen ihr Konsumverhalten einen Prozess am Jugendgericht eingebrockt hat, und dort die Auflage, zur Suchtberatung zu gehen. Beratung unter „Zwang“? Da hätte Pfaff keine große Motivation erwartet. „Aber gerade diese Jugendlichen sind oft so froh, endlich mal über ihre Probleme reden zu können, dass sie von sich aus mehr als die drei Pflichttermine haben wollen.“
Justiz-erfahren oder suchtgefährdet sind freilich längst nicht alle retox-Klienten. Egal ob gesellschaftlich akzeptierte Suchtmittel wie Zigaretten, Alkohol, oder ob verbotene Drogen: „Für die meisten Jugendlichen ist es eher ein Ausprobieren, vielleicht mal ein missbräuchlicher Konsum - aber noch keine Abhängigkeit“. Mit dieser Einordnung fangen die Beraterinnen auch öfter mal besagte Panikattacken von Eltern ab. Zumal sie ihnen statistisch zeigen können, dass „ab Anfang, Mitte 20 bei vielen der Konsum eher wieder abnimmt“.
Dann nämlich haben junge Menschen fundamentale „live events“ überstanden. Schulwechsel und -abschluss, Auszug von Zuhause, Ausbildungs- und Studienabschluss sind so einschneidende Veränderungen für Teenager, dass manche darauf mit dem Griff zu Suchtmitteln reagieren. Aber bei Ausrutschern bleibt es nicht immer. Die vermeintlich harmlosen Vapes zum Beispiel erleben einen Dauer-Boom, bestätigt Kathrin Breunig.
Die Gefahr im Dampf
Diese bunten, aromatisierten Verdampfer enthalten zwar meist kein Nikotin. Aber wer weiß zum Beispiel schon, was die Lunge sagt zu den Kräutern, Harzen, Ölen und womöglich noch dubioseren Inhaltsstoffen, die mit dem warmen Dampf tief in die kleinen Lungenbläschen vordringen? Oder was die Umwelt hält vom Elektroschrott, als der die Akku-betriebenen Einweg-Produkte enden – oder eben meistens nicht, weil sie einfach in die Mülltonne geworfen werden?
Darüber könnten die beiden Sozialarbeiterinnen zum Beispiel in ihren Schul-Workshops mit erhobenem Zeigefinger dozieren - und sich ziemlich sicher sein, „dass das Gespräch dann auch schon wieder vorbei ist“. Anschaulich und spielerisch informieren, damit haben Breunig und Pfaff die besten Erfahrungen gemacht: ein Quiz zum Beispiel, oder ein Sack voll symbolischer Gegenstände, die man in einer Spirale anordnen und sich damit klarmachen kann: Was ist mir am wichtigsten im Leben?
Da kommen mitunter auch die paar Schüler ins Grübeln, die in fast jeder Klasse mit einem massiven Medienkonsum auffallen. Heißt? „Mehr als etwa 35 Stunden pro Woche am Handy – obwohl ja auch 35 Stunden schon viel sind!“ Was freilich viele Kids gar nicht als übertriebenen Konsum ansehen, stellen die Caritas-Beraterinnen immer wieder fest. „Gemeinsam versuchen wir dann herauszufinden, ab wann es in Richtung Krankheit und Abhängigkeit geht.“
Nachdenken empfiehlt sich
Katharina Pfaff indes findet, „sobald Konsum negative Folgen hat, macht es Sinn, darüber nachzudenken. Und auch dann, wenn man ein Suchtmittel wie ein Medikament einsetzt: zum Beispiel, um besser zu schlafen, konzentrierter zu arbeiten.“ Kommt ja auch manchem Erwachsenen durchaus bekannt vor.
So ist „retox“ zu finden
Caritas: Das Sozialzentrum in der Pfarrhofgasse 1 ist die „Basisstation“ von retox; telefonisch erreichbar unter (09441) 5007-42; auf Instagram: caritas.retox.kelheim
Schulen: An den Mittelschulen Kelheim, Saal und Mainburg bieten Katharina Pfaff und Kathrin Breunig regelmäßig offene Sprechstunden an. Schulen können auch einmalige Workshops bei den beiden „buchen“.
Netzwerk: Andere Beratungsstellen und Einrichtungen sowie die Sozialarbeiter/innen an Schulen stellen auf Wunsch den Kontakt zu retox her.
Grundsätze: Die Beratung ist kostenlos und unterliegt der Schweigepflicht – egal, um welches Suchtmittel es geht. Lediglich bei konkret drohender Fremd- oder Selbstgefährdung müssten die Beraterinnen intervenieren.
