„Pures Glück“: Obdachloser aus dem Kreis Kelheim hat wieder ein Dach über dem Kopf

Eineinhalb Jahre war Sebastian Schrader (Name geändert) wohnungslos. Der 42-Jährige aus dem Landkreis Kelheim sprach mit uns über diese Zeit im Ausnahmezustand. Weihnachten war für ihn in diesem Jahr schon im September. Denn da konnte er den Schlüssel für ein kleines Appartement in Empfang nehmen.
Für Sebastian Schrader war in diesem Jahr Weihnachten schon am 15. September. Seit dem Tag hat er wieder „eigene vier Wände“. Einen Schlüssel und eine Tür, die er hinter sich zusperren kann. Im Gebäude des „Wohnwegs“ der Caritas in Saal. Es war „pures Glück“, dass eines von zwölf Appartements in der Wohnungsnotfallhilfe frei geworden war. Mit uns sprach der 42-Jährige über seine eineinhalbjährige Odyssee ohne eigene Wohnung und welche Erlebnisse sich in der Zeit in sein Gedächtnis brannten.
Sebastian Schrader heißt eigentlich anders. Aber er hat auch Kinder, die ihn bald wieder besuchen können sollen. Für sie will er anonym bleiben. Er sitzt am Tisch im Gemeinschaftsraum vor einer Tasse Kaffee. Noch ist längst nicht alles wieder so, wie er es gerne hätte. Doch es fühle sich wieder nach Leben an, sagt er. Die Zeit, in der er obdachlos war, hielt einige Erfahrungen für ihn bereit, auf die er gerne verzichtet hätte, sagt der gelernte Schlosser.
Wohnungsnot ist im Landkreis Kelheim voll angekommen
Er ist kein Einzelfall. „Die Wohnungsnot ist im Landkreis Kelheim voll angekommen“, sagt Caritas-Vorstandsvorsitzende Tina Rosenhammer. Das Problem lässt sich schwer in Zahlen fassen, denn sie sind nicht zentral erfasst. Anders als in Großstädten sind Obdachlose in der Region nicht sichtbar. Doch sie sind da und ihre Zahl dürfte größer sein, als man denkt, sagt Cornelia Schönfeld, die Leiterin der neuen Fachstelle „Wohnungsnotfallhilfe“ der Caritas.
„Viele Betroffene pendeln von Woche zu Woche von Couch zu Couch bei Freunden, Bekannten und Verwandten“, so ihre Erfahrung. Fragen von Betroffenen erreichten die Mitarbeiter in den Beratungsstellen mittlerweile „täglich“, sagt Tina Rosenhammer. Besonders gefährdet seien Alleinerziehende und Menschen mit Migrationshintergrund. Immer öfter seien auch Menschen mit geringem Verdienst betroffen. Wenn Vermieter wegen Eigenbedarfs kündigten und keine ähnlich günstige Wohnung am Markt zu finden sei, gerate man schnell in die Bredouille.

Sebastian Schrader lebte mit seiner Familie im südlichen Landkreis Kelheim zur Miete in einem Einfamilienhaus. Dann kam zunächst die Trennung von seiner Frau, es folgten ein Arbeitsunfall, schließlich der Jobverlust. Als er die Miete zwei Monate nicht zahlen konnte, kündigte ihm der Vermieter. Früher pflegte man ein freundschaftliches Verhältnis. Nun konnten sie nicht mehr miteinander reden.
Als der Gerichtsvollzieher klingelt und mitteilt, dass er in vier Wochen raus muss, ist das ein schwerer Schlag. Schrader schildert, wie er versucht habe, für sein Hab und Gut in dem „vollbestückten Einfamilienhaus“ eine Halle anzumieten. Doch er bekam nirgends eine Zusage.
Gerichtsvollzieher steht vor der Tür: Er muss raus
Anfang Februar 2024 steht der Gerichtsvollzieher erneut vor der Tür, diesmal mit einem Mann vom Schlüsseldienst. Er muss gehen. Von seinem Leben seien ihm zwei Koffer geblieben. Möbel, Kleidung, aber auch vieles andere, vor allem Fotos und Unterlagen sind weg. Der Vermieter habe vieles verkauft, verschenkt und teils weggeworfen, so schildert es Schrader. „Für ein paar Wochen bin ich da in ein Loch gefallen“, sagt er.
Hölle „Notunterkunft“: Immerhin kommt er zunächst in einer Notunterkunft seiner Gemeinde unter. Allerdings ist das auch kein Zuckerschlecken, vor allem als er diese mit einem Fäkalien-Messie teilen muss. Und dann setzt ihm die Gemeinde eine Frist. Er muss raus.

Es ist ein Freitag. Schrader wählt die Nummer der Caritas. Er hat gehört, dass man sich dort Hilfe holen kann. Mit Cornelia Schönfeld spricht er bei einer anderen Gemeinde vor. Doch der zuständige Mitarbeiter schickt beide weg, „obwohl er sich darum hätte kümmern müssen“, sagt Schönfeld. Sebastian Schrader bleibt die Luft weg, sagt er. Letztlich bringt Schönfeld ihn in einer Regensburger Notunterkunft unter. Mit einem Schein vom Sozialamt erhält er dort wenigstens Essen, Trinken, kann duschen, Wäsche waschen und hat nachts ein Bett.
Allerdings teilt er die Schlafstatt in einem Vierer-Zimmer unter anderem mit schwerst Drogenabhängigen. „Da sieht man das Elend, das auf der Straße lebt, hautnah.“ Viele Erlebnisse, teils auch mit Gewalt, aus sechs Wochen haben sich eingebrannt. Wie schlimm für ihn die Zeit war, auf einer Skala von 1 bis 10? „13“, sagt Schrader.
Seit Kurzem weiß er, dass ihn die Gemeinde, bei der er an jenem Freitag vorsprach, nicht hätte wegschicken dürfen. Zwei Tage nachdem er mit Schönfelds Unterstützung einen Eilantrag beim Verwaltungsgericht in Regensburg stellte, hatte dieses zu seinen Gunsten entschieden. Doch diese Info erreichte ihn nicht.

Seit September lebt Schrader in der kleinen Caritas-Wohnung in Saal. Sie bedeutet „Freiheit“, sagt er. Er könne wieder ein selbst bestimmtes Leben führen. Der Mietvertrag ist unbefristet. Das gibt ihm erst einmal Sicherheit.
Nun träumt Schrader von einem neuen Job als Lkw-Fahrer und dass seine Kinder ihn bald wieder besuchen können. Als nächstes will er sich eine Maßnahme beim Jobcenter suchen, sagt er. Den „Teufelskreis“ ohne Arbeit, keine Wohnung habe er mit Hilfe der Caritas schon einmal durchbrochen. Cornelia Schönfeld ist an seiner Seite. Behördengänge und Co. muss Schrader, wie die anderen Hilfesuchenden, aber selbst erledigen.
Wohnungsnotfallhilfe im Kreis Kelheim

• Fachberatung: Diese Anlaufstelle der Caritas ist für Menschen aus dem Landkreis Kelheim, die von Wohnungslosigkeit oder Obdachlosigkeit betroffen sind oder akut Gefahr laufen, ihre Wohnung zu verlieren. Die Leistung des neuen Fachbereichs beinhaltet unter anderem die Beratung bei Mietschulden und Kündigungen sowie bei Räumungsklagen und Zwangsräumungsterminen. Zudem werden Betroffene bei Antragstellungen etwa für ALG II, Sozialhilfe, Wohngeld und Kinderzuschlag unterstützt. Die Fachberatungsstelle vermittelt des Weiteren zwischen Mieter und Vermieter bzw. anderen Beteiligten und vermittelt an weiterführende Beratungsstellen (Suchtberatung, Sozial-Psychiatrischer Dienst, Schuldnerberatung).
• Angebot: Die Hilfe der Caritas ist kostenlos und vertraulich. Cornelia Schönfeld ist Ansprechpartnerin für Betroffene, die ihre Wohnungsnotlage nicht aus eigener Kraft überwinden können.
• Netzwerk: Zudem zählt die Vernetzung zwischen kommunaler Verwaltung, Wohnungswirtschaft, Privatvermietern oder dem Jobcenter zu Schönfelds Aufgaben.
• Termine finden nach vorheriger Vereinbarung statt. Entweder in der Beratungsstelle in Saal, Hauptstraße 45, oder bei den Betroffenen zuhause.
• Wohnweg: Zudem gibt es das Projekt „Wohnweg“ in Saal. Hier stehen zwölf Appartements für Betroffene zur Verfügung. Diese sind aktuell aber alle belegt. Neben den Appartements gibt es eine Gemeinschaftsküche und einen gemeinsamen Wohnbereich. Beides soll den Bewohnern als Orte der Begegnung dienen. Hier können sie zusammen kochen und sich austauschen.
• Kontakt: Tel. (09441) 5007-81, E-Mail: c.schoenfeld@caritas-kelheim.de
• Internet:www.caritas-kelheim.de/beraten-helfen