Frau in Regensburg gefesselt, geknebelt und zwei Kinder in den Irak entführt

Von André Baumgarten · 6. Mai 2026 um 11:00

Zu dem Vorfall von Mai 2025 tauchen im Prozess plötzlich neue Beweismittel auf. Doch der Angeklagte und das Opfer widersprechen sich beide wiederholt in ihren Aussagen. Nun beschäftigt der nicht alltägliche Fall das Amtsgericht in Regensburg.

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Ein Jahr ist es her, dass ein 37-Jähriger in Regensburg seine zwei Kinder entführt. Er fesselt und knebelt zunächst deren Mutter und flüchtet dann mit dem Auto – 43 Tage später gibt es ein erstes Lebenszeichen von ihm und den Mädchen. Wegen der Entziehung Minderjähriger, Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Bedrohung muss sich der Mann vor Gericht verantworten. Was er und seine ein Jahr ältere Ex erklärten, lag teils Welten auseinander. Doch auch die Aussage der Frau warf am Ende einige Fragen auf.

Wenn sie die Polizei einschalte, werde er sie und die Kinder „schlachten“, soll der Angeklagte am Maifeiertag 2025 der Frau gedroht haben. Aus dem Nichts soll der Angeklagte die Frau in ihrer Wohnung mit zwei Faustschlägen niedergestreckt haben. Ehe er mit den Mädchen verschwand, soll er die 38-Jährige mit Schals und Bändern „wie im Horrorfilm“ verschnürt und gefesselt haben. Damit sie nicht um Hilfe schreien kann, soll er sie geknebelt haben.

Wurden Fesseln am Tatort niemals sichergestellt?

Diese Kleidungsstücke hatte die Frau gestern mit zum Prozess in Regensburg gebracht. Warum sie offenbar nie sichergestellt wurden, blieb offen – der Vertreter der Anklage nahm sie nun jedenfalls in Verwahrung. Zumal sie laut der Zeugin Blut und Spuren vom Zerschneiden tragen. Befreit worden sei sie nämlich von einer Anwohnerin, zu der sie geflüchtet war, nachdem ihr direkte Nachbarn zunächst die Hilfe versagt und sie weitergeschickt hatten. So schildete sie es vorm Schöffengericht.

Wie der 37-Jährige ohne die Pässe für die Kinder überhaupt ins Ausland gelangte, erklärte der Mann später selbst: Eine Route, die er am Tattag skizziert hatte, war es nicht. Über Frankreich sei er nach Italien geflohen. Schleuser, zu denen er via Tiktok in Kontakt kam, hätten ihn und die Kinder in die Türkei gebracht. Dort sei er dann in den Irak abgeschoben worden. In Details aber verhedderte sich der Mann immer wieder und berichtigte seine Angaben.

Ich habe viel mit ihm geredet, war hartnäckig und habe ihn überzeugt.Die Mutter zu den Gründen, warum der Ex wieder nach Deutschland zurückkam

Das aber war nicht der einzige Punkt, in dem sich die Aussagen der Iraker weit unterschieden. Schon die Frage, ob die nach islamischem Recht geschlossene Ehe noch Bestand hat oder hatte, wurde zu einem Streitpunkt. Er wollte an jenem Tag „nach Hause“ gekommen sein und sie ihm die Trennung offenbart haben. Sie schilderte verschiedene Details bei der Polizei so und nun teils ganz anders. Sei es zur Frage, wer ihm einst die Türe öffnete (die Tochter oder sie selbst) und wessen Kind die 2020 geborene Tochter sei.

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Bei den Ermittler gab die Ex des Angeklagten einst an, dass dieses Mädchen nicht von ihm, sondern einem anderen Mann wäre. Im Prozess gestern überraschte sie mit der klaren Ansage, der 37-Jährige sei der Vater. „Das stimmt“, betonte sie mit Nachdruck. Erstmals tauchte in ihrer Zeugenvernehmung gestern zudem ein Messer auf, das der Mann ihr am 1. Mai 2025 an den Hals gehalten habe, als er drohte, sie zu töten. Bei der Polizei fiel sowas nie. „Unmöglich“, kommentierte sie. Alles, „was ich hier erzählt habe“, wollte sie auch bei der Kripo gesagt haben. Die Akten jedoch sagen dazu etwas anderes.

Eines der Mädchen wird imProzess gegen den Vater als Nebenklägerin von Rechtsanwalt David Hölldobler (li.) vertreten. - Foto: Baumgarten

Nicht weniger abenteuerlich klang das, was der Angeklagte teils von sich gab. Vielfach betonte er, die Frau einst im Irak „gerettet“zu haben, sie und beide Kinder zu lieben. Er habe immer nur eine gute Zukunft für alle im Sinn gehabt. Er habe „alles geopfert“, sie jedoch habe auf eine Scheidung bestanden und einen anderen Mann heiraten wollen, sagte er. Und dann räumt er ein, dass das, was in der Anklage steht, schon stimme. „Ich hatte meinen Kopf nicht bei mir gehabt“, übersetzt die Dolmetscherin. Er habe mit den Kindern in den Irak gewollt, damit sie nachkommt. Dann wieder war der todkranke Großvater der Mädchen der Grund.

Weiterer Vorfall im Jahr zuvor kommt ans Licht

Dass er jedoch 2024 schon einmal mit der Älteren ausgereist war, weil sein Vater krank war, konnte er nicht schlüssig erklären. „Diesmal ist er verstorben“, sagte er auf Nachfrage von Richterin Weber. Fakt ist: Der Angeklagte war 128 Tage nach dem Kidnapping mit dem Älteren der beiden Mädchen per Flugzeug nach Deutschland zurückgekehrt; das jüngere Kind mit einem Bekanntem. Letztlich sei es die Schuld der Behörden gewesen, warum sich alles verzögerte. Er habe das nicht in die Länge ziehen wollen, sagte er.

Ob all die Ungereimheiten in Details am Ende etwas ändern, bleibt fraglich. Strafverteidigerin Susanne Karl nannte die „Story“ der Frau „einfach strange“, wenngleich ihr Mandant eingeräumt hatte, die Kinder entführt zu haben. Ein Urteil in dem Fall soll erst am zweiten Prozesstag am 19. Mai fallen.