Blaibachs Mann am Gleis: Hüsamettin Dursun aus dem Ruhrgebiet sichert Bahnübergang per Hand

Von David Salimi · 17. April 2026 um 18:30

Es ist ein unscheinbarer Knopfdruck – und doch entscheidet er über Sekunden, die im Zweifel alles sind. Hüsamettin Dursun sitzt in einem schlichten Container am Rand der Blaibacher Bahnhofstraße im Landkreis Cham, blickt auf die Gleise, wartet auf den nächsten Anruf. Dann klingelt das Telefon. Ein Zug ist unterwegs. Wenige Augenblicke später senken sich die Schranken. Handarbeit statt Automatik.

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Seit Ende Juni 2025 funktioniert am Bahnübergang 17,743 in Blaibach nichts mehr automatisch. Ein Blitzschlag hat zentrale Komponenten der Sicherung irreparabel beschädigt. Ersatz ist nicht mehr zu beschaffen – die Anlage muss komplett erneuert werden. Eine moderne, rechnergesteuerte Sicherung ist geplant, ihre Inbetriebnahme nach Angaben der Deutschen Bahn derzeit für November 2026 vorgesehen. Dass es überhaupt so schnell gehen soll, ist eher die Ausnahme: Üblicherweise dauert ein solcher Neubau rund fünf Jahre. In Blaibach soll es dank reibungsloser Abläufe in etwa anderthalb Jahren gelingen. Verzögerungen habe es nicht gegeben, teilt das Unternehmen auf Nachfrage mit – wohl aber lange Lieferfristen. Die neue Anlage wird erst im Oktober erwartet. Bis dahin übernehmen Menschen die Arbeit der Technik.

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Dursun, 56 Jahre alt, und sein Kollege Raban Rebas stehen seit Wochen im Schichtbetrieb am Übergang. Von fünf Uhr morgens bis 23 Uhr abends sichern sie den Verkehr. Etwa zweimal pro Stunde greifen sie ein, schließen und öffnen die Schranken per Knopfdruck. Angestellt sind sie bei der Firma OS Bahndienste, einem Gleisbausicherungsunternehmen im Auftrag der Deutschen Bahn. Ihre Schaltzentrale: ein schlichter Container am Straßenrand, gut zehn Quadratmeter, ausgestattet mit Tisch, Stuhl, Sessel, Kühlbox und Wasserkocher. Für anderweitige Notfälle steht nebenan ein Dixi-Klo bereit.

Job führt quer durch Deutschland

Draußen rauscht der Verkehr vorbei, drinnen vergeht die Zeit zwischen Telefonklingeln und Protokollnotizen. „Wenn dir ein Fehler unterläuft, dann ist ruckzuck die Staatsanwaltschaft hier“, sagt Dursun – und meint das ernst. Er beschreibt die Verantwortung, die auf jedem Handgriff liegt. Ein Moment der Unachtsamkeit – und die Folgen wären gravierend. „Unsere Aufgabe ist es, alle Verkehrsteilnehmer zu schützen.“

Meine Familie habe ich jetzt schon seit eineinhalb Monaten nicht mehr gesehen.Raban Rebas (20), Bahnübergangsposten über die Arbeit an verschiedenen Orten in Deutschland

Die beiden Männer sind sogenannte Bahnübergangsposten, kurz BüP. Rebas ist 20 Jahre alt, kommt aus Pforzheim und ist seit 1. Oktober vergangenen Jahres in Blaibach im Einsatz. Während seines Aufenthalts im Landkreis Cham lebt er in Runding. Seit zwei Jahren ist er für den Job in ganz Deutschland unterwegs. „Meine Familie habe ich jetzt schon seit eineinhalb Monaten nicht mehr gesehen“, sagt er. Es ist der Preis für einen Beruf, der Mobilität verlangt, aber dafür vergleichsweise gut bezahlt werde.

Wo die Technik ausfällt, steht er: Hüsamettin Dursun sichert den Übergang in Blaibach. - Foto: David Salimi
Sobald ein Zug angekündigt wird, schließen sich die Schranken per Knopfdruck – gesteuert von Bahnübergangsposten vor Ort. - Foto: David Salimi
Jede Zugfahrt wird genau dokumentiert: Sobald die Schranke wieder oben ist, werden Einsatzort, Zeit und Zugnummer notiert. - Foto: David Salimi
Der Container an der Blaibacher Bahnhofstraße dient Hüsamettin Dursun und Rabas Reban als Arbeitsplatz und Aufenthaltsort. - Foto: David Salimi
Fällt die mobile Sicherung aus, greifen die Posten in Blaibach auf rot-weiße Absperrungen zurück, die am Straßenrand bereit liegen. - Foto: David Salimi
Im Container verbringt Hüsamettin Dursun einen Großteil seiner Schicht – stets bereit für den Einsatz. - Foto: David Salimi
Der Verkehr rollt meist reibungslos über den Bahnübergang – doch bei Verspätungen der Züge kann es vorkommen, dass Autofahrer mehrere Minuten vor geschlossener Schranke warten müssen. Nicht immer wird das klaglos hingenommen. - Foto: David Salimi
Auch laut Blaibachs Bürgermeisterin Monika Bergmann besitzt der Container an der Bahnhofstraße mittlerweile Kultstatus im Ort. - Foto: David Salimi
Ein kurzer Gruß an den Zugführer – dann kommt die Oberpfalzbahn wenige Meter weiter am Haltepunkt Blaibach zum Stehen. - Foto: David Salimi

Dursun kennt dieses Leben schon seit Jahrzehnten. Früher fuhr der aus der Türkei stammende dreifache Familienvater und mittlerweile Großvater Lastwagen, betrieb eine eigene Spedition. Heute steht er an Bahnübergängen. Diesmal ist er geblieben – zumindest ein Stück weit. Während seines Einsatzes hier hat er sich entschieden, im Landkreis Cham sesshaft zu werden. Sein Wohnsitz ist seit kurzem in Willmering. „Mir gefällt es hier einfach sehr gut“, sagt er. „Die Ruhe. Die Landschaft. Die Menschen...“ Selbst wenn er weiterhin für seinen Job deutschlandweit im Einsatz sein wird, möchte er die restliche Zeit fortan im Bayerischen Wald in Ruhe verbringen. „Ab einem gewissen Alter hat man einfach keine Abenteuerlust mehr“, sagt der 56-Jährige, der inzwischen geschieden ist. „Meine Kinder sind jetzt groß. Die brauchen mich nicht mehr so wie früher.“

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Am Bahnübergang selbst ist diese Ruhe allerdings nicht immer zu spüren. Vor allem am Morgen verdichtet sich das Geschehen: Autos, Lastwagen, Schulbusse – dazu Kinder auf dem Weg zum Haltepunkt der Oberpfalzbahn oder zur Bushaltestelle. „Da ist schon was los“, sagt Rebas. Umso bemerkenswerter sei, wie diszipliniert sich die Menschen hier verhalten. „Hier in Blaibach ist noch nichts passiert“, ergänzt Dursun. „Hier ist die Welt noch in Ordnung.“ Vor allem die Kinder würden sich vorbildlich verhalten. „Da merkt man, dass sie gut erzogen sind.“

Da schreit dir auch mal einer ‚Leck mich am Arsch‘ aus dem Fenster.Hüsamettin Dursun, Bahnübergangsposten über seine deutschlandweiten Einsätze neben dem Gleis

Das ist nicht überall so. Beide berichten von Einsätzen, zuletzt im Raum Passau, bei denen Geduld Mangelware war: hupende Autofahrer, Beschimpfungen, riskante Manöver trotz geschlossener Schranke. „Da schreit dir auch mal einer ‚Leck mich am Arsch‘ aus dem Fenster“, sagt Dursun. In Blaibach dagegen bleibt es meist ruhig – selbst dann, wenn sich das Warten zieht.

Denn das ist die Kehrseite der Handarbeit. Wenn Züge Verspätung haben, bleibt die Schranke länger unten. Fünf Minuten können sich dann wie eine kleine Ewigkeit anfühlen. „Wir können da nichts dafür“, sagt Rebas. Die beiden reagieren auf Anweisungen des Fahrdienstleiters, die per Telefon kommen. Erst wenn der Zug angekündigt ist, wird gehandelt. Sollte die mobile Sicherungsanlage einmal streiken, greifen sie auf rot-weiße Absperrungen zurück, die am Straßenrand bereitliegen.

Für die Gemeinde ist die Situation bislang kein großes Problem. Blaibachs Bürgermeisterin Monika Bergmann berichtet von einem weitgehend reibungslosen Ablauf. Beschwerden seien nicht eingegangen – weder von Anwohnern noch von Verkehrsteilnehmern.

Container am Straßenrand wird zum Blickfang

Der Container am Straßenrand sei inzwischen selbst zu einem kleinen Blickfang geworden, sagt sie – ein Relikt auf Zeit, das an frühere Zeiten erinnert, als Bahnübergänge noch ohne automatisierte Technik betrieben wurden. „Wenn alles normal läuft, bekommt man eigentlich nichts mit.“ Erst bei Verspätungen der Oberpfalzbahn komme es vereinzelt zu längeren Wartezeiten von fünf bis zehn Minuten – und zu entsprechend irritierten Blicken hinter den Windschutzscheiben.

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Nach Angaben der Deutschen Bahn hat die aktuelle Situation keine Auswirkungen auf den Zugverkehr. Einschränkungen für den Straßenverkehr seien ebenso nicht bekannt.

Und doch bleibt ein Widerspruch: Während die Technik aus der Zeit gefallen scheint – die Anlage ist rund 50 Jahre alt –, funktioniert der Übergang im Zusammenspiel von Mensch und Improvisation erstaunlich zuverlässig.

Am Ende ist es wieder dieser Knopfdruck, der alles zusammenhält. Kein Algorithmus, keine Sensorik – sondern Erfahrung, Aufmerksamkeit und ein wachsames Auge auf die Gleise. Oder, wie Dursun es sagt: „Du musst wachsam sein. Immer.“