Für Berührungsängste ist hier kein Platz: Auf Schicht mit einem Pfleger bei den Barmherzigen Brüdern

Medikamentengabe, Patientenversorgung und Dienstplanschreiben: Im Alltag von Borislav Bacic gibt es keinen Leerlauf. Der 30-Jährige leitet eine Wachstation im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Regensburg – und hat einen besonderen Karriereweg hinter sich. Unterwegs mit ihm auf seiner Frühschicht.
Sein erster Gang führt Borislav Bacic zur Kleiderausgabe. „Als Stationsleitung müsste ich nicht zwingend einen Kasack tragen“, sagt er. „Aber ich will immer einsatzbereit sein – auch für den Notfall. Wir sind ein Team, und wir tragen alle die gleiche Kleidung.“
Es ist kurz nach 6 Uhr, als Bacic die kardiologische Wachstation mit Stroke Unit im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Regensburg zur Frühschicht betritt. 18 Betten, aufgeteilt in kardiologische und neurologische Patienten: Hier liegen Menschen mit akuten Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfällen.
Monitore flimmern, vereinzelt piept es
Im Pflegestützpunkt, einem großen Zimmer in der Mitte der noch dunklen Station, warten bereits Kollegen aus dem Nachtdienst. Nicht allen ist die Müdigkeit anzusehen – doch jeder hat bereits eine ganze Schicht hinter sich. Monitore flimmern, vereinzelt piept es. Doch solange der Ton nicht schriller wird, ist alles in Ordnung. „Wenn es einen Notfall gibt, erkennt man das sofort“, sagt er. „Diesen Ton kann man nicht überhören.“
Ein Fall auf der Isolierstation, ein junger Mann, der neu aufgenommen worden ist: Anhand einer großen Tafel werden die Patienten durchgegangen. Bacic soll zuerst einen älteren Patienten übernehmen, der schon einige Tage auf der Station liegt. „Im Frühdienst betreut eine Pflegekraft drei Patienten, im Spätdienst vier, im Nachtdienst bis zu sechs“, sagt er. „Das funktioniert sehr gut.“

Daten können lebensentscheidend werden
Von der Kollegin aus dem Nachtdienst erhält er die wichtigsten Infos: Wie sind die Werte? Hat der Patient Schmerzen? Es sind eine Menge Daten, die hier im Schnelldurchlauf durchgegeben werden – und die im schlimmsten Fall lebensentscheidend werden können. Die Übergabe erfolgt an einem fahrbaren Computertisch vor dem Patientenzimmer. „Ich mache mir ein Bild vom Patienten und einen Pflegeplan. Das rate ich auch neuen Mitarbeitern. Natürlich kann ich nachfragen – aber mir ist es wichtig, das im Kopf zu haben“, sagt Bacic.
Der 30-Jährige hat die Stationsleitung 2024 übernommen. In Deutschland ist er erst seit 2018. Er kam allein aus Serbien, arbeitete dort schon früh im Rettungsdienst, dann in der Pflege. „Meine Oma war Krankenschwester“, sagt er. „Ich habe ihre Geschichten gehört. Sie hat immer offen über ihren Beruf gesprochen. Das hat mein Interesse geweckt.“
Empathie ist Voraussetzung für den Beruf
Vom Flur tritt Bacic ins Patientenzimmer. „Guten Morgen“, sagt er mit kräftiger Stimme zu dem Mann, der gerade erst wach geworden ist. „Wie geht es Ihnen?“ Mit dem Patienten sprechen, jeden Schritt erklären – das gehöre dazu, auch wenn das Gegenüber nicht reagiert. „Man weiß nie genau, wie viel ein Patient mitbekommt.“
Man weiß nie genau, wie viel ein Patient mitbekommt.Borislav Bacic
Sich in den Menschen im Krankenbett hineinversetzen zu können, ist für Bacic Voraussetzung für seinen Beruf. Ob jemand diese Fähigkeiten mitbringt, zeige sich in der Praxis schnell. „Empathie muss man mitbringen“, sagt er. „Das kann man nicht lernen.“
Lernen musste Bacic selbst dagegen in seiner Leitungsposition andere Dinge: wie man ein Team führt, wie man mit Mitarbeitern spricht. „Jeder Mensch ist anders“, sagt er. Verantwortlich ist er für 50 Mitarbeiter, Teilzeit- und Vollzeitkräfte. Die Organisation, von den Dienstplanwünschen bis zum Auffangen von Ausfällen – all das läuft bei ihm zusammen. „Den Dienstplan zu schreiben, ist eine Herausforderung“, sagt er und lacht. „Aber irgendwie macht mir das auch wahnsinnig viel Spaß.“ Wer arbeitet wann? Wer braucht frei – und reicht die Besetzung für die nächste Schicht? Wenn Bacic im Büro ist, prüft er zuerst genau das. „Die im Dienst sollen sich auf die Patienten konzentrieren können – nicht auf mögliche Probleme.“

Für Berührungsängste ist am Krankenbett kein Platz
An diesem Morgen ist Bacic selbst in der Versorgung tätig. Im Patientenzimmer, in dem der ältere Herr mittlerweile wacher geworden ist, macht er den sogenannten Bettplatzcheck: Geräte kontrollieren, Alarmgrenzen prüfen, Beatmung über die Nasenbrille kontrollieren. Ist ein Wert nicht richtig eingestellt oder ein Schlauch verstopft, kann das fatale Folgen haben. Er ist noch nicht mit allem durch, als plötzlich eine Kollegin im Raum steht. „Kannst du dir das mal anschauen?“, fragt sie und nimmt Bacic mit dorthin, wo der isolierte Patient liegt. Schutzkittel und Haube anziehen, Handschuhe wechseln: Bevor er in das Zimmer verschwindet, stehen diese Sicherheitsvorkehrungen an.
Nach wenigen Minuten ist Bacic zurück. Nach dem Gerätecheck bereitet er die Medikamente vor – die gibt es nach der Visite um 8 Uhr. Dann folgt die Körperpflege. „Können Sie sich an den Bettrand setzen?“, fragt Bacic den Mann, der nun etwas wacher wirkt. Er schüttelt den Kopf. Das heißt: Waschen, frisches Hemd, neues Laken und neue Bettwäsche, alles im Bett. Am Ende noch Zähne putzen und Rasieren.

Aus dem Schrank holt Bacic eine Schüssel, füllt sie mit warmem Wasser und Seife. Bevor er beginnt, erklärt er jeden Schritt. Für Berührungsängste ist hier kein Platz. „Für mich ist Pflege auch das hier: Jemandem den Bart nass zu rasieren, weil er das sonst auch immer so macht. Damit er sich später gut fühlt, wenn er im Bett sitzen kann.“ Obwohl jeder Handgriff sitzt, dauert die Versorgung knapp eine Dreiviertelstunde. „Und das war nur der eine Patient“, sagt er.
Vor der Visite füllt sich die Station
Mittlerweile ist auf der Station mehr Betrieb. Helles Licht, Stimmengewirr. Mediziner, Physiotherapeuten und der Sozialdienst bereiten sich auf die Visite vor. „Eine große Runde“, sagt Bacic. Er selbst steuert sein Büro an, das er sich mit Kardiologen und Assistenzärzten teilt. „Mir ist wichtig, dass die Tür immer offen ist. Wer eine Frage hat, soll kommen können.“
Dienstplan-Check, die weitere Versorgung der Patienten, später noch ein Vorstellungsgespräch: Bis seine Schicht am frühen Nachmittag endet, wird noch viel passieren. Leerlauf ist nie. Gerade diese Abwechslung macht für ihn die Arbeit aus. „Natürlich gibt es diese großen Momente in unserem Beruf. Wenn man einen Patienten wiederbeleben muss und dieser fünf Minuten später wieder mit dir sprechen kann – das ist unglaublich.“ Trotzdem sind es für ihn auch die kleinen Dinge. So wie das kurze Lächeln des Mannes, dem er eben den Bart rasiert hat. „Auch das ist für mich ein tolles Gefühl.“
Info: Zweiter Platz beim Pflegemanagement-Award für Borislav Bacic
• Auszeichnung: Ein anspruchsvoller Beruf in einem neuen Land: Borislav Bacic hat sich nicht nur eingearbeitet, sondern auch die Stationsleitung übernommen. Parallel dazu studiert der 30-Jährige an der OTH Regensburg berufsbegleitend Pflegemanagement. Für sein Engagement wurde er kürzlich auf dem Kongress Pflege in Berlin ausgezeichnet. Er erhielt den zweiten Platz beim Pflegemanagement-Award in der Kategorie Nachwuchs-Pflegemanager.
• Nominierung: Vorgeschlagen wurde Bacic von seinem Arbeitgeber, dem Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg. Dort habe er sich von Beginn an unterstützt gefühlt – von den ersten Tagen mit geringen Deutschkenntnissen über Weiterbildungen in der Intensivpflege bis hin zum Studium, sagt er.
• Zukunft: Der Bundesverband Pflege, der den Preis in Kooperation mit Springer Pflege aus dem Springer Medizin Verlag vergibt, würdigte ihn bei der Verleihung als „Paradebeispiel für gelungene Integration, Pflegeexzellenz und Führungsstärke zugleich“. Bacic selbst habe das kaum glauben können: „Als ich nach Deutschland gekommen bin, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich nach sieben Jahren als Führungskraft arbeite – und dass ich jetzt als Fachintensivkrankenpfleger und Student ausgezeichnet werde.“ Für ihn steht fest: „Ich bleibe in der Pflege und gestalte auch die Zukunft der Pflege mit.“
