Gewalt in den Regensburger Notaufnahmen: „Als Krankenschwester bist du der Prellbock“

Verbale Beleidigungen, Drohungen und körperliche Gewalt: Pflegekräfte in den Notaufnahmen der Krankenhäuser haben in ihrem Berufsalltag mit Übergriffen zu kämpfen. „Viele Menschen verlassen diesen Job leider, weil ihnen der Ton und das Aggressionslevel zu viel wird“, sagt die Fachkrankenschwester Lucie Brückner.
Lucie Brückner ist allein mit einem Patienten im Behandlungszimmer, als der Mann plötzlich seine Hand um ihren Hals legt. „Es war ein dementer Patient, der nicht gewusst hat, was er da tut“, sagt die Fachkrankenschwester für Notfallpflege. „Er hat nicht zugedrückt. Wenn er das getan hätte, hätte ich ein großes Problem gehabt.“
Brückner arbeitet seit 2014 in der Notaufnahme des Caritas-Krankenhauses St. Josef in Regensburg. Die Situation, die sie gerade beschrieben hat, sei „heftig, wirklich grenzwertig“ gewesen. Körperliche oder verbale Gewalt von Patientenseite sei aber längst kein Einzelfall mehr. „Mir wurden die Finger umgebogen. Ich wurde gebissen und gekratzt“, sagt die 34-jährige gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin mit Fachweiterbildung in der Notfallpflege. „Als Krankenschwester bist du der Prellbock. Du bist die Erste, die greifbar ist.“
Steigende Patientenzahlen, längere Wartezeiten
Zugenommen habe die Gewalt gegen Pflegekräfte seit der Corona-Pandemie, so ihr Eindruck. „Das war eine schwierige Zeit. Auf der einen Seite gab es todkranke Menschen, die versorgt werden mussten. Auf der anderen Seite Impfgegner, die sehr feindselig reagiert haben, wenn man in Isolierkleidung zu ihnen gekommen ist. Es gab Patienten, die mir ins Gesicht gespuckt haben.“
Obwohl die Pandemie vorbei ist, sei die Gewalt nicht wieder zurückgegangen. „Wenn jemand körperlich gewalttätig wird, handelt es sich meist um Personen, die man als nicht zurechnungsfähig bezeichnen würde – entweder, weil sie unter Erkrankungen wie Demenz leiden oder weil sie Alkohol oder andere Drogen konsumiert haben.“ Dass es in solchen Fällen oft heißt, dass diese Patienten nicht Herr ihrer Sinne seien, helfe Pflegekräften im Alltag wenig. „Für uns sind diese Vorfälle extrem belastend.“
Für uns sind diese Vorfälle extrem belastend.Lucie Brückner, Fachkrankenschwester für Notfallpflege
Doch Gewalt zeigt sich nicht nur körperlich. Gerade bei verbalen Übergriffen seien es „häufig Menschen, die gesellschaftlich ganz unten oder ganz oben stehen – und in den meisten Fällen sind es diejenigen, die nicht schwer krank sind“. In vielen Köpfen, so erklärt es sich Brückner, habe sich ein Anspruchsdenken verfestigt. „Ich glaube, gerade die Notaufnahme sehen viele als eine Serviceleistung. Sie kommen und haben den Anspruch, jetzt sofort behandelt zu werden.“ Mit steigenden Patientenzahlen verlängern sich auch die Wartezeiten. „Dadurch werden die Menschen aggressiver. Sie haben das Gefühl, wir erkennen ihre Krankheit und ihren Schmerz nicht an.“
Drohungen und Beleidungen bleiben im Kopf
Dass „die Hemmschwelle sinkt“ nimmt auch Michael Graßl, Pflegerischer Leiter der Notaufnahme am Universitätsklinikum Regensburg, wahr. „Den Eindruck habe ich vor allem, was verbale Übergriffe wie Beleidigungen und Drohungen anbelangt“, sagt er. Manchmal gehe ein solches Verhalten auch gar nicht von den Patienten selbst, sondern von deren Angehörigen aus. „Natürlich handelt es sich für die Betroffenen um Ausnahmesituationen. Oft spielt Angst eine große Rolle.“
Gerade wenn aber immer wieder damit gedroht wird, einen Anwalt einzuschalten oder „an die Presse“ zu gehen, mache das etwas in den Köpfen der Beschäftigten. „Dann nimmt man diese Fälle auch mit nach Hause.“
Für Patienten eine Ausnahmesituation
Aus ärztlicher Sicht sieht Dr. Felix Rockmann, Chefarzt der Notaufnahme im Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg, die Problematik. Die Notaufnahme sei Anlaufstelle für die gesamte Gesellschaft, sagt er. Wie auf Wartezeiten reagiert wird, sei von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Auch Emotionalität spiele in einer solchen Ausnahmesituation eine Rolle. „In die Notaufnahme kommen die Leute mit Sorgen. Dass sie emotional werden, ist verständlich und das dürfen sie auch sein. Das gibt ihnen aber nicht das Recht, verbal ausfallend oder sogar handgreiflich zu werden.“

Dass über die Problematik gesprochen wird, findet der Mediziner wichtig. „Es muss auch das Bewusstsein geben, dass es nicht in Ordnung ist, wenn Patienten Beschäftigte in der Notaufnahme beschimpfen.“ Bei unangepasstem oder aggressivem Verhalten würden nicht nur Hausverbote erteilt werden. „Es gibt Patienten, wegen denen wir die Polizei rufen“, sagt er.
Wenn es eskaliert, kommt die Polizei
Auch Graßl im Uniklinikum ist froh, dass die Polizei einschreitet, wenn eine Situation eskaliert. „Auf die Polizei ist Verlass. Darüber sind wir sehr dankbar.“ Grundsätzlich habe er aber nicht den Eindruck, dass aus seinem Team „jemand mit Angst in die Arbeit geht“. „Eigentlich macht hier jeder seinen Beruf sehr gern.“ Wünschen würde er sich, dass es mehr Aufklärung darüber gibt, wie eine Notaufnahme funktioniert. „Wir arbeiten mit einem Ersteinschätzungssystem. Wenn andere Patienten vorgezogen werden, ist das, weil es dort ums Überleben oder die Vermeidung dauerhafter Schäden geht.“
Wenn andere Patienten vorgezogen werden, ist das, weil es dort ums Überleben oder die Vermeidung dauerhafter Schäden geht.Michael Graßl, Pflegerische Leitung
Was dem Klinikpersonal noch helfen würde? Maßnahmen des Krankenhauses wie ein nachts bereitstehender Sicherheitsdienst würden das grundsätzliche Problem nicht lösen, findet Lucie Brückner. „Es geht auch nicht um die Bezahlung“, sagt sie. „Viele Menschen verlassen diesen Job leider, weil ihnen der Ton und das Aggressionslevel zu viel wird.“
In erster Linie müsse sich etwas an der Einstellung der Gesellschaft verändern, sagt sie. Denn Brückner liebt die Arbeit in der Notaufnahme. „Der Trubel, die Menschen und dass man ihnen schnell helfen kann – das ist genau meins.“
KOMMENTAR: Nicht schweigen
Kliniken müssen reagieren und ihr Personal schützen. Das kann durch Sicherheitsdienste, psychologische Unterstützung in Form von regelmäßigen Supervisionen oder, wie derzeit in einem Krankenhaus in Dortmund getestet, gegebenenfalls mit Bodycams für Beschäftigte in der Notaufnahme geschehen. Solche Maßnahmen dürfen nicht erst auf Initiative des Pflegepersonals angeboten werden – und Betroffene dürfen auch nicht aus Angst vor negativer Publicity daran gehindert werden, Gewalterfahrungen öffentlich zu machen.
Darüber zu sprechen, kann ein erster Schritt für ein dringend benötigtes gesellschaftliches Umdenken sein. Passiert das nicht, haben irgendwann nicht nur Krankenhäuser, sondern wir alle ein Problem. Denn jeder von uns wird früher oder später auf medizinische Versorgung angewiesen sein. Wenn jedoch immer mehr Pflegekräfte ihren Beruf verlassen, weil zu ohnehin schon herausfordernden Arbeitsbedingungen immer mehr Gewalt hinzukommt, betrifft das die gesamte Gesellschaft. Anspruch auf Schutz und gute Behandlung haben nicht nur Patienten, sondern auch diejenigen, die sie leisten.
Info: Übergriffe sind ein deutschlandweites Problem
• Umfrage: Gehören Beleidigungen und Handgreiflichkeiten für Klinikpersonal immer mehr zum Alltag? Dass Mitarbeiter von Krankenhäusern stärker gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt sind, geht aus einer Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft hervor. Betroffen seien überwiegend die Notaufnahmen.
• Gründe: Laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft gaben 66 Prozent der Häuser an, dass die Zahl der Übergriffe bei ihnen mäßig (42 Prozent) oder deutlich (24 Prozent) gestiegen sei. Neben krankheitsbedingten Ursachen nennen 71 Prozent allgemeinen Respektverlust als Hauptgrund für die Übergriffe sowie 41 Prozent die langen Wartezeiten in der Notaufnahme.
• Reaktion: Krankenhäuser reagieren auf Übergriffe unter anderem mit der Schulung von Beschäftigten in Deeskalation. 77 Prozent schulen besonders betroffene Bereiche, 47 Prozent alle Stationen. Auffällig sei, dass nur 43 Prozent der Krankenhäuser infolge von gewalttätigen Übergriffen Strafanzeige stelle, so der Dachverband der Krankenhausträger in Deutschland.