Mit Zeckenstich oder Rückenschmerzen in die Notaufnahme? Chefarzt erklärt, was ein Notfall ist

Von Marion Neumann · 13. Februar 2025 um 09:00

Als Chefarzt der Notaufnahme im Regensburger Caritas-Krankenhaus St. Josef behandelt Dr. Andreas Hüfner täglich Patienten mit ganz unterschiedlichen Beschwerden. Welche Fälle besser vom Hausarzt gesehen werden sollten und warum er dennoch niemandem einen Vorwurf macht, der mit Rückenschmerzen in die Notaufnahme kommt, erklärt der Facharzt für Chirurgie im Interview.

Herr Dr. Hüfner, gibt es bei Ihnen so etwas wie einen klassischen Arbeitstag?

Dr. Andreas Hüfner: Tatsächlich weiß man nie so genau, wie der Dienst abläuft. Das Schwierige ist, sich für längere Zeit auf eine Sache konzentrieren zu können. Bei uns ist immer etwas los, manchmal auch zu viel. Man muss schon stressresistent sein – aber es ist auch die Abwechslung, die mich besonders reizt.

Wie viele Patienten kommen pro Tag in die Notaufnahme im Caritas-Krankenhaus St. Josef ?

Hüfner: Das ist sehr unterschiedlich. Im vergangenen Jahr hatten wir mal einen Sonntag, an dem es nur 45 Patienten in 24 Stunden waren. Das Maximum war ein Freitag mit 154 Patienten. Der Durchschnitt liegt bei 95 Fällen. Wir stellen jedoch fest, dass die Tage mit hohen Patientenzahlen von 110 oder 120 deutlich zugenommen haben.

Welche Beschwerden haben die Patienten?

Hüfner: Es ist die ganze Bandbreite, von kleinen Schnittverletzungen bis hin zu schweren Verletzungen und akuten Erkrankungen von Herz und Lunge, die teilweise lebensbedrohlich sind.

Gibt es absurde Fälle, die Ihnen im Gedächtnis geblieben sind?

Hüfner: Absurd ist immer relativ. Natürlich sind es die banalen Dinge, bei denen man sich manchmal denkt, dass man das selbst in den Griff hätte bekommen können. Ich denke da zum Beispiel an einen Zeckenstich. Das ist eigentlich nicht einmal ein Fall für den Hausarzt. Ein Besuch in der Notaufnahme ist auch nicht notwendig, wenn Beschwerden schon längere Zeit bestehen und sich nicht akut verschlechtert haben – wie etwa Rückenschmerzen, die nicht durch einen Unfall entstanden sind. Wenn man sich verhoben hat, können wir nicht viel tun. Da helfen Schmerzmittel – und ansonsten kann man meist nur ein paar Tage abwarten.

Haben Sie dennoch Verständnis für Patienten, die mit kleineren Problemen zu ihnen kommen?

Hüfner: Grundsätzlich ja. Unser Gesundheitssystem funktioniert leider nicht so, wie es funktionieren sollte – und das ist nicht die Schuld des Patienten. Auch im niedergelassenen Bereich sind viele Mediziner überlastet. Gerade für einen Termin in der Orthopädie sind die Wartezeiten sehr lang. Das treibt die Leute zu uns – auch wenn eine Notaufnahme eigentlich für Schwererkrankte vorgesehen ist. Sie wissen, dass wir rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche erreichbar sind.

Also kommen tatsächlich viele Patienten, weil sie zu lange auf den Termin beim Facharzt warten müssen?

Hüfner: Das ist nicht selten. Dazu gibt es noch diejenigen, die am Abend kommen, weil sie tagsüber arbeiten müssen, keine Kinderbetreuung haben oder andere Verpflichtungen wahrnehmen müssen. Ich habe es auch schon erlebt, dass junge Leute nach einer Party kommen, um sich noch kurz durchchecken zu lassen. Aber das ist eher die Ausnahme als die Regel.

Gibt es auf der anderen Seite auch Kranke, die zu lange zögern, bevor sie die Notaufnahme ansteuern?

Hüfner: Das ist heutzutage weniger geworden. Wenn überhaupt, ist das eher bei älteren Menschen der Fall. Die jüngere Generation kommt eher etwas früher, als sie eigentlich müsste. Im Vorfeld wird dann häufig Dr. Google befragt – und wenn man im Internet ein paar Symptome eingibt, werden einem immer auch gefährliche Erkrankungen vorgeschlagen. Mein Eindruck ist, dass vielen Menschen das Körpergefühl dafür fehlt, einzuschätzen, ob es sich bei ihren Beschwerden um etwas Gefährliches handelt oder nicht.

Ob meine Beschwerden nicht doch ein Fall für die Notaufnahme sind, lässt sich als medizinischer Laie aber auch nicht immer zweifelsfrei einschätzen. Was mache ich, wenn ich unsicher bin?

Hüfner: Wenn man unsicher ist, empfiehlt es sich, als ersten Anlaufpunkt die Patienten-Servicehotline 116117 anzurufen. Auch online gibt es unter www.116117.de einen Fragenkatalog, den man durchklicken kann. Wenn etwas akut lebensbedrohlich erscheint, ist der Notruf 112 die richtige Telefonnummer.

Info: Was ist ein Fall für die Notaufnahme – und was nicht?

Wartezeit: Mit einem standardisierten Ersteinschätzungsverfahren werden die Patienten in der Notaufnahme in verschiedene Dringlichkeitsstufen unterteilt. Weniger dringliche Fälle müssen daher mit längeren Wartezeiten rechnen, da in der Zwischenzeit schwer kranke oder verletzte Patienten behandelt werden.

Beschwerden: Patienten mit akuter Atemnot, akut auftretenden Brust- oder Bauchschmerzen und unstillbaren Blutungen sind ein Fall für die Notaufnahme. Ebenso schwere Verletzungen, Ohnmacht, Lähmung, Krampfanfälle, Sehstörungen, Schockzustände, Vergiftungen und Schwangerschaftskomplikationen.

Patienten: Die Notaufnahme ist für Patienten, die wegen ihrer Beschwerden eine akute stationäre Weiterbehandlung benötigen sowie für Fälle, die eine akute Abklärung benötigen, um bedrohliche Erkrankungen auszuschließen. Ebenso geht es um Behandlungen, die ad hoc nur im Krankenhaus durchführbar sind. Grundsätzlich ist die ambulante Notfallversorgung Aufgabe der niedergelassenen Ärzte und Bereitschaftspraxen.

Ambulante Behandlung: Eine Blasenentzündung ohne Begleitsymptome wie Flankenschmerzen oder Herzrasen ist ein Fall für den Hausarzt oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst. Ein verstauchter Fuß, der noch belastet werden kann, lässt sich zunächst selbst mit Schonung, Hochlagerung und Eisauflagen versorgen.