Letzter Versuch Adipositaszentrum: Immer mehr Menschen sind extrem übergewichtig

Jeder Neunte in Deutschland ist extrem übergewichtig – das geht aus einer neuen Studie hervor. Im Adipositaszentrum des Caritas-Krankenhaus St. Josef in Regensburg werden die Patienten ebenfalls spürbar mehr. Auch viele Jüngere begeben in Behandlung.
Bereits der Weg hinauf in den vierten Stock, wo sich im Caritas-Krankenhaus St. Josef das Adipositaszentrum befindet, ist für die Patienten eine zu große Herausforderung. „Die meisten schaffen es nicht, die Treppenstufen nach oben zu gehen. Sie nehmen den Aufzug“, sagt Beate Birnbaum. Die Diplom-Ökotrophologin arbeitet als Ernährungsberaterin an der Klinik und weiß, wie hart es für adipöse Patienten ist, langfristig Gewicht zu verlieren. „Für viele Frauen und Männer, die zu uns kommen, ist es der letzte Versuch.“
Dass im Alltag von stark übergewichtigen Menschen nicht nur Treppenstufen zum unbezwingbaren Problem werden, bestätigt Benjamin Stäbler. „Mit den Kindern zu toben, ist zum Beispiel nicht mehr möglich“, sagt der Facharzt für Viszeralchirurgie und Adipositasmedizin, „das Gewicht schränkt Betroffene wahnsinnig ein“.
Adipositas: Risiken für Begleiterkrankungen steigen
Doch nicht nur die eigene Beweglichkeit nimmt mit den zusätzlichen Kilos ab. Auch die Risiken für ernste Begleitererkrankungen steigen mit dem extremen Übergewicht. „Es kann zu Bluthochdruck, Diabetes oder Stoffwechselerkrankungen kommen. Im Laufe des Lebens erhöht sich auch die Gefahr für bösartige Erkrankungen“, sagt er.
In den letzten Jahren sei die Zahl der Patienten spürbar höher geworden. Mehr als hundert Erstvorstellungen im Jahr gibt es am Adipositaszentrum in der Landshuter Straße, das kurz vor einer offiziellen Zertifizierung als Kompetenzzentrum steht. „Es ist sicherlich so, dass die Zahlen steigen. Weltweit, deutschlandweit und auch in unserer Region“, sagt Stäbler.
Eine jüngst erschienene Datenanalyse der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) verfestigt diesen Eindruck. Mit einem Body-Mass-Index von 30 und mehr – das ist die gängige Formel, mit der das Körpergewicht in ein Verhältnis zur Körpergröße gesetzt wird – gelten immer mehr Menschen in Deutschland als krankhaft übergewichtig. Betroffen ist jeder Neunte, geht aus den Versichertendaten hervor.
Höchste Anstiegsrate bei jungen Männern
Wie sich anhand der Analyse zeigt, hat sich die Zahl der Betroffenen von 2012 auf 2022 um 30 Prozent erhöht. Besonders alarmierend dabei ist, dass die Zahlen besonders unter Jüngeren rapide gestiegen sind. Die höchsten Anstiegsraten gibt es bei jungen Männern, heißt es.
Auch für Birnbaum ist der Kontakt mit jüngeren Patienten längst nichts Ungewöhnliches mehr. „Viele Menschen wundern sich, wie man mit 24 Jahren schon adipös sein kann. Aber diese Patienten haben oft schon eine lange Leidensgeschichte hinter sich, waren bereits als Kind übergewichtig und haben mit sechs Jahren die erste Diät gemacht“, sagt sie.
Am Adipositaszentrum versuchen sie und ihre Kollegen, die Patienten mit einem Konzept aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie aus der Adipositas-Spirale zu holen. Nach einer mindestens sechsmonatigen Ernährungstherapie stehen operative Methoden im Raum. „Standardoperationen sind Magenverkleinerungen wie der Schlauchmagen und der Magenbypass“, erklärt Stäbler.
Obwohl laut der Studie besonders junge Männer von Übergewicht betroffen sind, seien es am Zentrum im Übrigen eher Frauen, die sich einem Eingriff unterziehen würden. „Wir wissen erfahrungsgemäß, dass vor allem weibliche Patienten einen sehr hohen Leidensdruck haben“, sagt er.
Starkes Übergewicht: Frühzeitiges Handeln ist wichtig
Gerade die Umstellung der Ernährung, möglicherweise als Vorbereitung auf eine Operation, sei ein langwieriger Prozess. „Das geht nicht von heute auf morgen“, sagt Birnbaum. „Manchmal haben wir den Eindruck, die Krankenkassen erwarten, dass eine Ernährungsberatung gemacht wird und dass das dann sofort funktionieren muss“, fügt sie hinzu. Dass Schnitzel und Pommes allerdings sofort aus dem Speiseplan gestrichen werden würden, sei unrealistisch. „Es handelt sich hier um keine Diät, sondern um eine Veränderung der Lebensweise“, erklärt sie.
Neben ungesunder Ernährung und zu wenig Bewegung gelten auch seelische Probleme, erbliche Veranlagung sowie die Einnahme bestimmter Medikamente als Gründe für krankhaftes Übergewicht, geht aus der aktuellen Analyse der KKH noch hervor. „Wichtig ist in jedem Fall, frühzeitig zu handeln“, sagt Stäbler. Patienten, die es schaffen, ihr Gewicht zu reduzieren, würden ihre Lebensqualität und ihre psychische Gesundheit enorm verbessern. „ Auch die Lebenserwartung verlängert sich, weil die Begleiterkrankungen weniger werden“, sagt er.
Info: Unterstützung im Kampf gegen die Kilos
Selbsthilfegruppe: Einen Ausweg aus der Übergewichtsfalle will die Selbsthilfegruppe Adipositas bieten, die von Betroffenen geleitet wird. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Altersbeschränkung gibt es nicht. Treffen finden jeden ersten Montag im Monat um 18.30 Uhr im Krankenhaus St. Josef statt. Kontakt unter shg-josef@gmx.de.
Veranstaltungen: Im Krankenhaus St. Josef findet donnerstags eine Adipositas-Sprechstunde statt. Terminvereinbarung unter 0941/7823311. Zudem werden 2024 Vorträge in Präsenz und Online angeboten – etwa zu Therapieoptionen oder operativen Behandlungsmöglichkeiten. Infos gibt es auf der Homepage des Adipositaszentrums der Klinik.
