„Die Leber leidet still“: Regensburger Medizinerin erklärt, warum das Organ mehr Aufmerksamkeit verdient

„Leber gut, alles gut“: Unter diesem Motto steht der Deutsche Lebertag, der jährlich am 20. November stattfindet und von der Gastro-Liga e.V., der Deutschen Leberhilfe e.V. und der Deutschen Leberstiftung ausgerichtet wird. Im Interview erklärt Prof. Dr. Martina Müller-Schilling, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Regensburg (UKR), weshalb Erkrankungen der Leber oft unbemerkt verlaufen – und warum wir dem Organ auch abseits dieses Tages mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen sollten.
Frau Professor Müller-Schilling, ist die Leber ein unterschätztes Organ?
Prof. Dr. Martina Müller-Schilling: Eindeutig ja. Kein anderes Organ im menschlichen Körper erledigt so viele lebenswichtige Aufgaben wie die Leber. Sie ist eine Entgiftungsstation und filtert alles, was nicht in unseren Blutkreislauf gelangen soll, heraus. Sie steuert den Stoffwechsel, ohne den wir keine Energie erhalten und ohne den wichtige Funktionen wie die Blutgerinnung ausfallen würden. Sie reguliert den Fett- und Zuckerstoffwechsel sowie unseren Mineral- und Vitaminhaushalt und spielt als Chemielabor unseres Körpers unter anderem eine Rolle für die Produktion von Hormonen. Sie ist die größte Drüse unseres Körpers und ein wichtiges Immunorgan. Die Leber kommuniziert mit anderen Organen und steht in enger Verbindung mit dem Darm und dem Gehirn. Somit hätte sie allen Grund, aus ihrem Schattendasein herauszukommen.
Warum schenken wir der Leber dann dennoch so wenig Beachtung?
Müller-Schilling: Die Leber leidet still. Sie ist kein Organ, das durch akute Schmerzen auffällt und erfüllt ihre Aufgaben auch dann noch, wenn sie bereits geschädigt ist. Kann sie ihre Funktionen trotz der hohen Regenerationsfähigkeit irgendwann nicht mehr erfüllen, hat das allerdings schwerwiegende Folgen. Im Gegensatz zu Herz oder Nieren gibt es aktuell noch keine zugelassenen Verfahren, welche die Leber ausreichend ersetzen könnten.
Was sind typische Erkrankungen?
Müller-Schilling: Die metabolische Lebererkrankung, früher auch als Fettleber bekannt, ist mittlerweile zu einer Volkskrankheit geworden. Jeder dritte Deutsche leidet daran und auch weltweit ist diese Erkrankung ein großes Gesundheitsproblem. Sie entsteht im Rahmen von Stoffwechselstörungen, Übergewicht, Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2 und Bluthochdruck. Wird die Erkrankung nicht früh genug erkannt, kann der Prozess bis zur Zirrhose fortschreiten. Im schlimmsten Fall kann sich Leberkrebs entwickeln.
Welche Alarmsignale sollte man nicht ignorieren?
Müller-Schilling: Symptome wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Juckreiz sind unspezifisch, können aber auf eine Erkrankung der Leber hinweisen. Kommen Gelenkbeschwerden hinzu, kann es sich um eine Autoimmunerkrankung der Leber handeln, wovon besonders jüngere Menschen und Frauen betroffen sind. Ein alarmierendes Zeichen einer bereits fortgeschrittenen Erkrankung ist eine Gelbfärbung der Augen und der Haut. Wenn beim Arztbesuch erhöhte Leberwerte festgestellt werden, ist es wichtig, die Ursache der erhöhten Werte genau abzuklären. Eine frühzeitige Diagnose kann helfen, die Schäden zu begrenzen oder zu beheben.
Damit es gar nicht erst so weit kommt: Wie hält man die Leber gesund?
Müller-Schilling: Eine gesunde Lebensweise ist entscheidend. Mit einem Body-Mass-Index im Normalbereich, körperlicher Aktivität, dem Verzicht auf Tabak- und Alkoholkonsum und vor allem einer ausgewogenen Ernährung, lassen sich viele Erkrankungen vorbeugen. Vor Viruserkrankungen der Leber wie den Hepatitis-Typen A und B bieten Impfungen effektiven Schutz. Seit Oktober 2021 umfasst die Gesundheitsuntersuchung, bekannt als Check-up 35, ein wichtiges neues Screening auf Hepatitis B und C ab einem Alter von 35 Jahren. Hier soll die Früherkennung dieser oft lange symptomlos verlaufenden viralen Lebererkrankungen verbessert werden. Unbehandelt können Hepatitis B und C zu schweren Schäden wie Leberzirrhose und Leberzellkrebs führen.
Warum spielt die Ernährung eine so große Rolle?
Müller-Schilling: Alles, was vom Magen-Darm-Trakt in den Blutkreislauf will, muss durch die Leber. In 80 Lebensjahren sind das rund 25 Tonnen Nahrung. Hier sollten wir sehr bewusst auf unsere Ernährung achten, denn am besten ist es, auf Vorbeugung zu setzen. Das beginnt schon damit, in Kindergärten und Schulen über die Gefahren von ungesunder Ernährung aufzuklären und auf Bewegungs- und Gesundheitsangebote aufmerksam zu machen.
Auch der Deutsche Lebertag soll den Fokus auf das Thema lenken. Worum geht es in dem Programm, welches das Regensburger Universitätsklinikum dazu geplant hat?
Müller-Schilling: In den Vorträgen spannen wir den Bogen von Präventionsmaßnahmen wie gesunder Ernährung über die frühe Diagnostik durch Abklärung erhöhter Leberwerte, neue Entwicklungen in der Wissenschaft bis hin zu neuen Therapien in der Behandlung von Lebererkrankungen. Gerade, was Behandlungsmethoden und Medikamente betrifft, hat sich in der Forschung enorm viel getan. Eine Entzündung, die durch das Hepatitis-C-Virus verursacht worden ist, kann nun beispielsweise mit antiviralen Medikamenten ohne nennenswerte Nebenwirkungen geheilt werden. In Sachen Lebererkrankungen ist das eine Revolution. Auch für die Behandlung autoimmuner Lebererkrankungen stehen neue Substanzen zur Verfügung.
Deutscher Lebertag am 20. November : Aktionstag am UKR
Termin: Anlässlich des 25. Deutschen Lebertags lädt die Klinik und Poliklinik für Innere Medizin I die Öffentlichkeit zu Vorträgen sowie zum persönlichen Austausch mit Experten, darunter Prof. Dr. Martina Müller-Schilling, ein. Beginn der kostenlosen Veranstaltung ist am 20. November um 17 Uhr im Großen Hörsaal A0 (Haupteingang, 1. OG) im UKR, Franz-Josef-Strauß-Allee 11. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Themen: In den Vorträgen geht es um die vielfältigen Funktionen der Leber, die häufigsten Erkrankungen des Organs und Tipps zur Prävention. Mediziner sprechen zudem über die Abklärung erhöhter Leberwerte, die neuesten Entwicklungen bei der Behandlung infektiöser Hepatitiden, neue Medikamente für Autoimmunerkrankungen der Leber sowie über den Umgang mit Komplikationen bei Lebererkrankungen.