Überlebenskampf in Regensburg: Einblicke in eine Nachtschicht am Uniklinikum

Von Daniel Pfeifer · 10. Mai 2024 um 05:00

Es ist 1 Uhr Nachts. Frau Schreiner bricht in der Maxstraße zusammen. Der Kampf um ihr Leben beginnt. Es ist ein fiktiver Fall, den Retter, Ärzte und Pfleger am Uniklinikum Regensburg am Dienstag bei einem Kongress zum Tag der Pflege präsentierten. Doch er basiert auf harter Realität in der Nachtschicht.

Auf einmal gehen die Lichter aus: Frau Schreiner, 46 Jahre alt, kollabiert mitten in der Maxstraße. Es ist 1 Uhr nachts und ganz Regensburg schläft. Nur durch Zufall bemerkt ein Passant die Frau und ruft die 112. Sofort ist Hilfe auf dem Weg, denn es schläft eben nicht ganz Regensburg: Hunderte Retter, Ärzte und Pfleger sind wach und warten darauf, Leben zu retten. Frau Schreiner kommt in kritischer Verfassung ins Uniklinikum und die dortige Nachtschicht wird zum Kampf gegen den Tod.

Kurze Anmerkung: Frau Schreiner gibt es nicht. Ihr Kollaps ist gespielt, der Notfall nicht real. Es war alles Teil eines Symposiums anlässlich des Tages der Pflege am späten Dienstagabend. Dort gaben Chirurgen, Intensivpfleger, Rettungsdienstfahrer, Radiologen und viele weitere Angestellte der Uniklinik Regensburg den über 200 Besuchern im großen Klinik-Hörsaal A2 einen Einblick in die Arbeit in der Nachtschicht.

Die Lunge bricht zusammen

Sirenen schallen durch die Regensburger Nacht, die Fassaden der Maxstraße sind in blaues Licht getaucht: Das Rote Kreuz fährt Frau Schreiner in die Notaufnahme der Uniklinik. Dort warten Facharzt Markus Zimmermann und ein Pflege-Team. Frau Schreiner bekommt schlecht Luft, ihr Herz schlägt nicht mehr regelmäßig. Die Pflegekräfte stabilisieren sie soweit, dass Radiologieassistent Claus Becker einen CT-Scan anfertigen kann. Es erhärtet sich der Verdacht: Lungenembolie.

Claus Becker ist in dem Moment alleine in der Radiologie. Viele Bereiche des Uniklinikums sind nachts gespenstisch ruhig. Ungefähr 20 bis 30 Ärzte und rund 160 Pflegekräfte sind in dem gewaltigen Komplex unterwegs, am Tag sind es mehr als sechsmal so viele, rechnet Pflegedirektor Alfred Stockinger in groben Zahlen vor – Service und Verwaltung nicht mit eingerechnet. „Der Nachtdienst ist natürlich ein Nadelöhr“, erzählt der langjährige Pfleger. Doch es gebe kaum eine erfüllendere Arbeit. „Ich hatte schwierige Momente, aber sie waren immer erträglich, weil ich tolle Kollegen an meiner Seite hatte.“ Bei dem Kongress am Dienstag waren auch zahlreiche Pflege-Auszubildende im Publikum.

Zurück zu Frau Schreiner: Sie wird gerade von Kardiologe Carsten Jungbauer und Pflegerin Susi Weijie Dai untersucht, denn der CT-Scan zeigt Blutgerinnsel, die die Lungenvene der 46-Jährigen blockieren. Kein Wunder, dass sie schlecht Luft bekommt, wenn ihre halbe Lunge nicht durchblutet wird. Die Lage ist ernst.

Doch moderne Technik kommt zur Rettung: Dai legt einen hochkomplexen Katheter, der das Gerinnsel quasi aus der Vene heraussaugt. Früher hätte man Frau Schreiner im OP aufschneiden müssen. Es sei immens, wie technischer Fortschritt, vor allem auch nachts, Leben retten kann, sagt Jungbauer. Bald steht ein weiteres Wunder der Technik für Frau Schreiner bereit, bei dessen Einsatz die Uniklinik Regensburg echte Pionierarbeit leistet: Eine sauerstoffversorgende ECMO-Maschine.

„Eine selbstlose Hingabe“

Zum Schluss kommt Frau Schreiner auf die Intensivstation, wo sie nun den Rest der Nacht übersteht. Durchatmen für die Mediziner und die Pfleger – bis zum nächsten Notfall.

„Dieses Beispiel zeigt, wie im Notfall alle ineinandergreifen müssen“, beschließt Thomas Bonkowski, Organisator des Kongresses am Dienstag. Auch wenn der Fall von Frau Schreiner nur gespielt war, sei er doch in vielen Nächten harte Realität. Der Abend soll die Krankenpflege als „Herzstück unserer Gesellschaft“ sowie die „selbstlose Hingabe der Pflegenden“ hervorheben, sagt er. Dieser Einsatz, auch in tiefster Nacht, verdiene unser aller Respekt.

Der Tag der Pflege

12. Mai: Seit 1974 wird der „Internationale Tag der Pflegenden“ am 12.Mai gefeiert. Das Datum erinnert an den Geburtstag von Florence Nightingale. Sie gilt als Begründerin der westlichen Krankenpflege, berühmt geworden im Krimkrieg 1853.

Pionierin: Abschluss des Kongresses am Dienstag war ein toll gespielter Auftritt von Nightingale selbst. Von einem so sauberen, organisierten Krankenhaus konnte sie damals nur träumen, sagt sie. Dass Kranke die Nächte überleben, war 1853 eher selten.

Pflege-Pionierin Florence Nightingale, gespielt von Julia Schruff.