„Man darf noch an das Gute glauben“: Caritas-Chef Michael Weißmann im Interview

Michael Weißmann, Chef der Caritas in der Diözese Regensburg spricht im Interview über das Füreinander-Dasein und schmerzhafte Entscheidungen, die er treffen musste. „Die Pflegenden müssen wachwerden“, sagt er. „Sie dürfen alles nicht so stillleidend ertragen.“
Beginnen wir mit dem Elefanten im Raum, einem Thema, das die Pflege seit Jahren beschäftigt: dem Personalmangel. Wie betrifft er die Caritas in der Diözese Regensburg?
Michael Weißmann: Der Mangel ist da – ganz egal ob ambulant, stationär oder im Krankenhaus. Die Situation hat sich in den letzten drei, vier Jahren nochmal eklatant verschärft. Da ist wirklich Feuer am Dach.
Was war das für ein Gefühl, als sie aufgrund dieses Personalmangels das Marienheim in der Ostengasse schließen mussten?
Weißmann: Es tat richtig weh. Das Marienheim war das einzige Heim in Regensburg, das voll für Menschen mit Demenz da war. Es war ein super Konzept, Bewohner und Angehörige waren einfach glücklich. Aber wir haben die notwendigen Gerontofachkräfte nicht mehr gefunden. Das war für mich wirklich schmerzhaft.
Ist Regensburg eine Insel der Glückseligen?
Aber Regensburg ist so eine junge Stadt und das Verhältnis von Pflegern zu Bedürftigen laut Pflege-Verband VdPB nirgends in Bayern so hoch wie hier. Da sollten wir doch auf einer Insel der Glückseligen leben.
Weißmann: Das ist eine nette Zahlenspielerei, aber sie müssen bloß mit offenen Augen durch die Welt gehen: Die Barmherzigen Brüder und die Uniklinik haben Hunderte Betten gesperrt. Auch wir können in den Altenheimen im Bistum viele Plätze nicht belegen, weil die Fachkräfte fehlen. Eine Insel der Seligen sind wir nicht.
In fünf Jahren wird die zahlenmäßig größte Altersgruppe Deutschlands in Rente gehen…
Weißmann: … die Boomer…
… betrifft das auch die Pflege?
Weißmann: Ja, und das Problem hat zwei Seiten: Diese Gruppe wird nicht nur aus dem Beruf ausscheiden, sondern teils selbst pflegebedürftig werden.
Und wie löst man das Problem?
Weißmann: Das Problem ist nicht so einfach zu lösen. Die Pflege kommt traditionell aus dem Ordensbereich. Ordensleute waren einfach da, es hat niemand auf den Dienstplan geschaut. Heute ist die Pflege ein Beruf wie jeder andere. Da müssen wir uns als Kirche selbst an die Nase fassen, denn uns ist dieser Wandel nicht so bewusst geworden.
Glauben Sie, das Problem ist dem Rest der Gesellschaft bewusst?
Weißmann: Wer gesund und munter durchs Leben geht, sieht das nicht. Ich finde es unverständlich: Man kapiert gesellschaftlich nicht, dass Pflege eine Säule ist, auf der das Leben steht. Ohne sie stürzt das ein.
Nichts geht ohne Pfleger aus dem Ausland
Was tun, wenn man nicht einfach zuschauen möchte?
Weißmann: Wir kompensieren schon seit Jahren, wir holen viele ausländische Kräfte. Das ist natürlich nicht nur positiv, denn sie fehlen ja dann in den Herkunftsländern. Im Krankenhaus St. Josef arbeiten 52 Nationen.
Gibt es Länder, die besonders häufig vorkommen?
Weißmann: Es sind vor allem gut ausgebildete Philippinen und Vietnamesen. Oft gibt es Quereinsteigerinnen aus Kroatien oder Rumänien. Ich habe letztes Jahr erst eine 50-jährige Dame vermittelt. Eine Hürde ist natürlich die Sprache. Jemand von den Philippinen und einer aus der Oberpfalz – das ist nicht so einfach, ha ha.
Was würde die Pflege ohne ausländische Fachkräfte tun?
Weißmann: Wir hätten ein veritables Problem. Auch wenn wir die wegschicken würden, die wir haben – dann würde das System zusammenbrechen. Ganz einfach.
Kürzlich sagte Diakonie-Präsident Rüdiger Schuch im Interview mit unserer Zeitung, er wolle überzeugte AfD-Wähler in den eigenen Reihen nicht dulden. Ähnlich äußerten sich Bischöfe. Wie sehen Sie das?
Weißmann: Meine Einschätzung ist die gleiche. Wir sehen ja, welche Wahrheiten da ans Licht kommen. Also: No way.
Laut einer Forsa-Umfrage von letzter Woche sehen 80 Prozent der Deutschen eine Verschlechterung des sozialen Miteinanders und mehr Egoismus. Was für einen Stellenwert hat in so einer Gesellschaft noch das Füreinander-Dasein?
Weißmann: Ich glaube, das darf man nicht verallgemeinern. Bei uns gibt es sehr, sehr viele gute Menschen, die aus Überzeugung anderen helfen. Die wird es immer geben. Man darf schon noch an das Gute im Menschen glauben.
Sie klingen sehr optimistisch.
Weißmann: Ich habe schon harte Steine weinen gesehen. Aus meiner Lebenserfahrung sage ich: Wenn Menschen in Not geraten, in echte Krisen, dann ändert sich etwas in ihnen. Ich muss an meine Großmutter denken, die mir vom Krieg erzählt hat. Das ist jetzt vielleicht plakativ, aber es geht uns so gut, dass man gar nicht angewiesen ist auf soziale Kontakte. Das geht so lange, bis die Not zu groß wird. Und das wird sie, wenn man sich anschaut, dass 500000 Pflegekräfte bis 2050 fehlen werden.
Kann man das alles den Pflegekräften aufbürden?
Weißmann: Nein, das geht nicht. Wir werden uns neue Modelle überlegen müssen, um die Not zu kompensieren – wie Nachbarschaftshilfe. Dort kann man sich vielleicht gegenseitig unterstützen, wie es früher in der Großfamilie passiert ist. Da ist halt der Opa oder die Oma mitgepflegt worden …
Es gibt viele Vorurteile über die Pflege
… was jetzt nicht mehr so ist?
Weißmann: Wenn man die Familienmodelle anschaut, wird es auch nicht mehr so werden. Also es war früher nicht alles besser, Großfamilien hatten durchaus ihre Tücken, ha ha. Aber trotzdem, man war versorgt. Ich habe von 1996 bis 1998 in der ambulanten Pflege auf dem Land gearbeitet. Da war ich manchmal der einzige Kontakt, den ein Mensch hatte.
Immer wieder berichten uns Pflegekräfte von Vorurteilen – dass sie auf das Ausleeren von Bettpfannen reduziert würden. Andere berichten von Respekt. Sie waren selbst Pfleger, wie sehen Sie den Beruf?
Weißmann: Es gibt durchaus Menschen, die auf die Pflege herabschauen und Fachkräfte reduzieren auf bessere Bedienungen. Da heißt es dann: „Die Pflege, um Gottes Willen, da verdienst nix, den ganzen Tag Hintern auswischen.“ Meiner Erfahrung nach gewinnen Menschen an Erkenntnis, wenn es sie selbst trifft. Dann sehen sie, was alles notwendig ist, um einen Menschen durch den Tag zu bringen.
Am 14. Mai veranstaltet die Caritas in Regensburg den Kongress „Trommeln für die Pflege“.
Weißmann: Uns ist wichtig, dem Berufsstand ein Forum zu geben, ihn in den Mittelpunkt zu stellen. Wir trommeln, um auf die Situation derer aufmerksam zu machen, die in der Pflege arbeiten, und derer, die darauf angewiesen sind.
Wie laut muss man trommeln?
Weißmann: Die Pflegenden müssen wach werden, sie dürfen das alles nicht so stillleidend ertragen. Sie müssen sich politisch einsetzen für ihren Beruf. Auch wenn es unbequem ist. Nur so verändert sich etwas.