Personalkrise zum Trotz: Warum junge Leute immer noch Pflegekräfte werden wollen

Von Daniel Pfeifer · 19. April 2024 um 19:00

Der Mangel an Pflegekräften ist kritisch, auch in Regensburg: Klinikbetten werden gesperrt, Heime geschlossen. Doch es gibt einen Lichtblick: Viele junge Menschen entscheiden sich für den Beruf, Pflegeschulen und die OTH zeigen gedämpften Optimismus. Aber ist es genug, um die Zukunft zu sichern? Junge Azubis erzählen.

„Für Menschen da sein, darum geht es doch“, sagt Marie Dittmar und lächelt. „Wir sind am Beginn des Lebens dabei und am Ende. Näher am Menschen geht nicht.“ Marie Dittmar ist eine von rund 80 jungen Pflegekräften, die heuer ihren Abschluss am Pflegecampus Regensburg machen. Sie weiß, dass der Job wegen des akuten Personalmangels auch schwierig sein kann. „Es gibt negative Dinge, wie überall. Aber es ist ein toller Beruf.“

Seit Jahren werden Menschen wie Marie Dittmar händeringend gesucht. Es herrscht akuter Mangel an Pflegekräften in Krankenhäusern, Pflegediensten und Altenheimen. Aus diesem Grund muss das Uniklinikum Regensburg immer wieder Betten sperren, vor einem halben Jahr machte das Marienheim in der Ostengasse zu. „Die Lage ist angespannt, das negative Image motiviert viele nicht wirklich, in so einen anspruchsvollen Beruf zu gehen“, sagt Mechthild Hattemer, Chefin der Caritas Wohnen und Pflege, die zahlreiche Heime in Regensburg betreibt. Dabei, so sagt sie, sei es ein wahnsinnig erfüllender Beruf.

Die Lage in der Pflege könnte bald kippen

Die Hoffnung liegt nun auf dem Nachwuchs, auf jungen Pflegerinnen und Pflegern. Bislang hielt sich die Zahl der Berufseinsteiger die Waage mit denjenigen, die in Rente gehen. Doch der demografische Wandel könnte diese Balance bald zerstören. Im Januar warnte die Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB), dass noch in diesem Jahrzehnt der Kipppunkt ansteht. Zwar gebe es immer mehr Ausbildungskapazitäten und Beschäftigte, doch die Nachfrage steige wegen der alternden Gesellschaft deutlich stärker. Regensburg ist dabei noch in einer vergleichsweise guten Lage. Laut Zahlen des VdPB ist das Verhältnis von Pflegern zu Pflegebedürftigen nirgendwo in Bayern so hoch wie in der Domstadt.

„Regensburg ist ein guter Standort, aber wir dürfen uns nicht ausruhen“, sagt Felix Schappler. Er ist Schulleiter des Pflegecampus, dem Ausbildungsstandort der Uniklinik und der Caritas-Klinik St. Josef. Mit 282 Ausbildungsplätzen ist er die größte Pflegeschule der Stadt. Hier wird unter Hochdruck daran gearbeitet, die Personaldecke in der Region stabil zu halten. Dazu gehört auch eine stetige Weiterentwicklung. Ab Herbst werden hier erstmals neben Pflegefachkräften auch Pflegehelfer ausgebildet.

Der Pflegecampus ist eine von mehreren Schulen in Regensburg und der Region, weitere finden sich bei der Medbo, bei MaxQ und den Barmherzigen Brüdern. Die Caritas Wohnen und Pflege begrüßte 2023 in der Diözese 100 neue Azubis. Dazu kommt – für viele noch eher unbekannt – die OTH.

Die Hochschule führte 2012 ein Pflege-Studium ein, das sich seitdem stetig weiterentwickelt. Die OTH schaffte dafür in ihrem Prüfeninger Gebäude Hightech-Simulationspuppen und einen Anatomage-Tisch an, in dem virtuell Leichen seziert werden. Sogar einen Raum mit virtueller Realität gibt es als Forschungsprojekt. „Die Wenigsten wissen, was wir hier alles haben“, sagt Professorin Christa Mohr. Als sie damals 1987 die Pflegeausbildung machte, habe es solche akademischen Möglichkeiten nicht im Ansatz gegeben. Heute lernen die angehenden Pfleger an der OTH zusätzlich zu 2300 Praxisstunden in 4200 Theoriestunden tiefes Wissen, zum Beispiel in Erziehungswissenschaft und Forschungstheorie. Langfristig wollen Staat und Gesundheitswesen eine Akademisierung der Pflege von zehn bis 20 Prozent erreichen.

„Da sind wir aber weit, weit, weit entfernt“, sagt Christa Mohr. Aktuell sei man bei weniger als einem Prozent. Auch in Regensburg hat die OTH „nur“ 40 Studienplätze, davon sind nicht alle belegt. Eine Hürde sei, dass sich spätere Arbeitgeber noch schwer täten, entsprechende komplexere Stellen für solch akademisierte Fachkräfte anzubieten.

Doch es geht voran, sagt Sophia Niederer. Sie ist Bachelor-Absolventin und hat inzwischen eine Stelle als Pflegefachkraft am Josefskrankenhaus, in der sie zu 30 Prozent für wissenschaftliche Arbeit hin zu einer stetigen Verbesserung der Pflege freigestellt ist. „Man braucht Perspektiven“, sagt Niederer. Die Möglichkeit, studieren zu können, war für sie ausschlaggebend, sich für die Pflege zu entscheiden.

„Unendliche Möglichkeiten“

Perspektiven gibt es auch bei den Anstellungsverhältnissen. Neben der Arbeit als feste Pflegekraft wechseln manche in die Zeitarbeit, wie Susanne Grube, Leiterin der Pflegevermittlung doctari, erklärt. Auch in der Region Regensburg. Solche Pfleger werden dann, teils deutschlandweit, von Stadt zu Stadt geschickt, um dort auszuhelfen, wo Not herrscht. „Wir sind aber keine Konkurrenz, wir werben niemanden von Kliniken ab“, sagt Grube. „Im Gegenteil: Wir fangen oft eher diejenigen auf, die kurz davor sind, den Pflegeberuf hinzuschmeißen.“

Es zeigt sich: Pflege ist nicht gleich Pflege. „Es gibt ja unendliche Möglichkeiten“, sagt Betty Lengl, Mitschülerin von Marie Dittmar am Pflegecampus. Sie will im Herbst in der Intensivstation der Uniklinik anfangen. In den Pflegeberuf wollte sie, seit sie einst viel Zeit in Krankenhäusern bei ihrer krebskranken Oma verbracht hat. „Es ist vielleicht klischeehaft, aber ich will etwas Gutes für Menschen tun.“

Infos über die Pflegeausbildung

Klischee: Pflegekräfte werden oft auf Jobs wie die Körperwäsche reduziert, doch sie haben großes medizinisches Fachwissen. Sogar Testprojekte zur Übernahme ärztlicher Tätigkeiten gibt es.

Wandel: 2020 wurde die Pflege grundlegend reformiert. Statt einer Aufteilung in Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege durchläuft jeder seitdem dieselbe Grundausbildung.

Flexibilität: Durch die neue generalistische Pflege haben Absolventen ein breites Wissen und können später auch leichter Disziplinen wechseln. Dies soll den Job attraktiver machen.

Gehalt: Laut Arbeitsagentur (2022) verdienen Pfleger im Schnitt 3700 Euro. Die Spanne geht von 2300 für ambulante Pflegehelfer, 4500 für Intensivpfleger bis zu Spitzenjobs mit über 6000 Euro.

Bachelor-Absolventin Sophia Niederer und Professorin Christa Mohr an der OTH Regensburg.
„Regensburg ist ein guter Standort, aber wir dürfen uns nicht ausruhen.“ - Felix Schappler, Schulleiter des Pflegecampus Regensburg