Rodinger leidet an Colitis ulcerosa – Mit Sport und Social Media will er Anderen Mut machen

Von Marius Göhl · 2. April 2026 um 17:00

Mit seinen 20 Jahren hat Lukas Simeth aus der Roding (Landkreis Cham) schon einige Schicksalsschläge verkraften müssen. Die Trennung seiner Eltern, ein Autounfall, die Diagnose der chronischen Autoimmunerkrankung Colitis ulcerosa. Letztere beschäftigt ihn nicht nur mental, sondern auch physisch – und das fast in allen Lebenslagen.

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Das Gefühl, dass etwas in seinem Körper nicht stimmt, hatte der Rodinger fast schon immer. Doch es war die Scham, die Simeth lange davon abgehalten hat, zum Arzt zu gehen. Im Frühjahr 2025 dann die Diagnose: Colitis ulcerosa. Zuvor vermutete man Laktoseintoleranz oder einen Reizdarm. Denn die Symptome verschwammen. Zudem ist Colitis ulcerosa in der breiten Bevölkerung wenig bekannt. „Wer niemanden kennt, der davon betroffen ist, kennt normalerweise auch die Erkrankung nicht“, sagt Simeth.

Auch deshalb will er auf die Volkskrankheit, wie die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie Colitis ulcerosa mittlerweile betitelt, aufmerksam machen. Auf Instagram und TikTok zeigt der 20-Jährige seine große Leidenschaft, den Sport. Dieser spielt eine wichtige Rolle in seinem Leben – auch mit chronischer Erkrankung.

An manchen Tagen fühlt er sich wie ein Zombie

Die Symptome der Autoimmunerkrankung kommen bei Simeth schubweise. „Es gibt Tage, an denen ich mich wie ein Zombie fühle“, sagt der Rodinger. Durch Stress und falsche Ernährung können die Symptome noch verstärkt werden. Laktose geht gar nicht. Fettiges oder scharfes Essen ist ein No-Go.

Das verträglichste Gericht sei für ihn – ganz wie für Bodybuilder gemacht – Hähnchen mit Reis. Das Problem ist die Eintönigkeit. „Wenn man das dann wochenlang isst, hat man natürlich irgendwann keinen Bock mehr drauf. Mir hängt es mittlerweile aus dem Hals heraus.“ Bei jeder Mahlzeit muss er abwägen. Natürlich gönne er sich ab und zu mal was – dann aber meist in abgespeckter Variante. „So ein Döner, so mit allem“ wäre die Sache, die er sich wünschen würde – so mit Soßen und ganz ohne Verdauungsprobleme.

Wenn man das dann wochenlang isst, hat man natürlich irgendwann keinen Bock mehr drauf. Mir hängt es mittlerweile aus dem Hals heraus.Lukas Simeth über die Eintönigkeit in der Ernährung als Bodybuilder

Zur Krankheit gehöre es für ihn auch, sich im Alltag entsprechend vorzubereiten. Simeth arbeitet seit vergangenem August in einem Fitnessstudio in Cham und macht dort seine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann. Der Arbeitsweg von Roding in die Kreisstadt birgt für Simeth ein gewisses Risiko. „Manchmal komme ich etwas später. Mein Chef weiß aber über meine Erkrankung Bescheid und versteht das alles.“

Zu Höchstphasen 25 bis 30 Mal pro Tag auf Toiletter

Zu Höchstphasen muss der Rodinger 25 bis 30 Mal am Tag auf die Toilette. Allein vor dem Termin mit unserer Zeitung an einem Montagvormittag gegen 9.30 Uhr habe er bereits vier Mal das stille Örtchen aufgesucht. Um Ruhe zu haben, auch psychisch, wie er selbst sagt. „Ich bin dann beruhigter, weil ich weiß, dass es das jetzt war. Zumindest erstmal.“

Außerdem bekommt er vom Arzt Spritzen, die die Krankheit abdämpfen sollen. Jedoch komme es ihm so vor, „als ob die Wirkung nach zwei Wochen nachlässt“. Andere Therapieformen gibt es nicht. Eine operative Lösung, bei der der Dickdarm komplett entfernt wird, steht für Simeth nicht zur Debatte.

Zum Kraftsport ist er über Umwege gekommen. Früher hat der Rodinger Fußball gespielt, ist Laufen gegangen und war bei den Gewichthebern des TB. Das Gewichtheben musste er mit 17 Jahren aufgrund der Schichtarbeit in seinem vorherigen Beruf als Zerspanungsmechaniker aufgeben. Dann landete er im Fitnessstudio.

Auch seine zweite große Leidenschaft ist durch seine Erkrankung stark eingeschränkt: das Reisen. Kurz nach der Diagnose Colitis ulcerosa war Simeth für drei Wochen in Australien. Eine prägende Erfahrung für ihn.

Der Traum von Australien lebt, doch wird er umgesetzt?

„Das ist das Paradies“, und ein Land, das er gerne wieder bereisen würde, doch bislang nicht konnte. „Ich war seitdem nicht mehr im Urlaub. Das ist eine große Überwindung für mich.“ Eigentlich wollte der Rodinger im August nochmal für einen Monat nach Down Under gehen, doch daraus wurde nichts. „Ich bin den ganzen Monat eigentlich nur zuhause gewesen.“

Auf Social Media erzählt der Rodinger seine Geschichte. - Foto: Marius Göhl

Neben den medikamentösen Behandlungsmethoden versucht Simeth demnächst mit einem längeren Klinikaufenthalt in Windach am Ammersee, seine psychischen Probleme, die die Autoimmunerkrankung geschaffen hat, in den Griff zu bekommen. „Das ist eine psychosomatische Behandlung. Es geht einfach für mich darum, wieder angstfrei zu werden“, sagt Simeth.

Angst und Zweifel begleiten ihn – oft stärker als die körperlichen Schmerzen. Doch genau darüber will er sprechen. Offen. Öffentlich. Damit er und andere sich nicht mehr schämen müssen.

Was ist das? Colitis ulcerosa ist eine chronische Entzündung des Dickdarmes. Die Entzündung beginnt fast immer im Enddarm und kann sich über den Dickdarm flächenweise ausbreiten. Symptome sind heftige blutig-schleimigen Durchfälle. Im akuten Entzündungsschub kann die Stuhlfrequenz 20 und mehr Stuhlgänge pro Tag betragen. Die Stuhlgänge sind oft mit krampfartigen Bauchschmerzen verbunden.

Wie ist die Lage? Laut der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie steigt die Inzidenz für die Krankheit, besonders bei jungen Erwachsenen. Derzeit schätzt das Deutsche Ärzteblatt die Zahl der Fälle hierzulande auf etwa 400 000 Betroffene.