Nathalie Hirmer startet Zuhör-Angebot für Menschen mit Alltagssorgen im Landkreis Cham

Von David Salimi · 24. März 2026 um 11:00

Manchmal, sagt Nathalie Hirmer, braucht es keine Lösung. „Keine Analyse, keine fertigen Antworten, sondern einfach nur die Möglichkeit, Ballast los zu werden.“ Genau dafür möchte die 32-Jährige aus Ränkam bei Furth im Wald (Landkreis Cham) künftig da sein. Unter dem Slogan „Nathalie hört zu“ bietet sie Gespräche für Menschen an, die jemanden zum Reden suchen – ohne therapeutischen Anspruch, aber mit Zeit und Aufmerksamkeit.

Das Konzept ist bewusst schlicht gehalten. Menschen können sich bei ihr melden, wenn sie reden möchten: über Einsamkeit, Liebeskummer, Probleme im Beruf oder Fragen der eigenen Lebensrichtung. Hirmer versteht sich dabei als neutrale Gesprächspartnerin. „Vor allem im Freundes- oder Familienkreis ist man als Gesprächspartner oft befangen“, sagt sie. „Ich möchte als neutrale Person einfach zuhören.“ Dafür verlangt sie auch Geld, um ihre Unkosten zu decken, wie sie sagt.

Der Weg zu dieser Idee begann lange vor dem Start ihres Instagram-Accounts nathalie_hoert_zu: Vor sieben Jahren erlitt Hirmer eine schwere Lungenembolie – ein Erlebnis, das für sie zum Wendepunkt wurde. „Für mich war das ein einschneidender Punkt, an dem ich begonnen habe, genauer über das Leben nachzudenken“, erinnert sie sich. In den Jahren danach folgten weitere prägende Erfahrungen: der Verlust wichtiger Menschen, mehrere Operationen und gesundheitliche Rückschläge – von starkem Haarausfall bis hin zu einer Darmentzündung.

Intensive persönliche Entwicklung

Rückblickend beschreibt die 32-Jährige diese Zeit als Phase intensiver persönlicher Entwicklung. Auch zu lernen, Hilfe von außen anzunehmen, gehörte dazu. Lange habe sie gezögert, sich selbst an einen Psychologen zu wenden. „Heute weiß ich, dass das der absolut richtige Schritt war“, sagt sie. Irgendwann begann sie sich eine andere Frage zu stellen: „Was kannst du für dich daraus Positives ziehen?“

Ich möchte als neutrale Person einfach zuhören.Nathalie Hirmer über ihr Vorhaben

Aus dieser Überlegung entstand der Wunsch, etwas zurückzugeben. „Heute möchte ich ein Stück von dieser positiven Lebenseinstellung und Stärke weitergeben an andere Menschen.“

Dass andere Menschen sich ihr anvertrauen, ist für sie nichts Neues. Schon im Freundes- und Bekanntenkreis sei sie häufig diejenige gewesen, bei der andere ihre Sorgen abladen konnten. „Dazu kommt, dass ich in der Hinsicht schon immer Anlaufstelle für andere Menschen war, die jemanden zum Reden gesucht haben“, erzählt sie. Manchmal wurde das auch scherzhaft kommentiert. „Irgendwann haben meine Freunde zu mir gesagt: ‚Du brauchst nur noch eine Couch wie beim Psychologen‘“, erzählt sie und lacht.

Doch genau davon möchte sie sich bewusst abgrenzen. „Das, was ich anbiete, ist kein Ersatz für eine Psychotherapie“, betont Nathalie Hirmer. Wenn überhaupt, könne ihr Angebot als eine Art „Brücke“ dienen – etwa für Menschen, die lange auf einen Therapieplatz warten oder zunächst einmal einfach jemanden brauchen, der zuhört.

Nathalie hört zu: Unter diesem Slogan möchte die junge Ränkamerin ein neuartiges Gesprächsangebot etablieren. - Foto: Lisa Brunner

Dass sie ihre Idee öffentlich machte, kostete zunächst Überwindung. „Ich hatte Angst, dass mich die Leute als Hobby-Psychologin abstempeln“, sagt sie offen. Doch die Reaktionen fielen bislang anders aus als erwartet. Seit dem Start ihres Instagram-Accounts, mit dem Nathalie Hirmer für ihre neue Idee wirbt, habe sie ausschließlich positive Rückmeldungen erhalten.

Ich hatte Angst, dass mich die Leute als Hobby-Psychologin abstempeln.Nathalie Hirmer über ihre anfänglichen Zweifel

Auch ihr Berufsalltag habe sie im weitesten Sinne auf das Projekt vorbereitet, sagt Hirmer. Sie arbeitet als Gruppenleiterin mit Schwerpunkt Ausbildungsbetreuung bei der Josef Rädlinger Unternehmensgruppe. Dort ist sie Ansprechpartnerin für Auszubildende – und manchmal auch Zuhörerin in persönlichen Fragen. „Ich habe gemerkt, dass es mir Spaß macht, anderen Menschen zuzuhören.“

Die konkrete Idee kam überraschend. „Eines Nachts ist mir beim Einschlafen plötzlich der Gedanke gekommen, daraus mehr entstehen zu lassen“, erinnert sie sich. Die Inspiration ließ sie nicht mehr los. „Ich kann mich noch erinnern, dass ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte, weil ich plötzlich so viele Ideen hatte.“

Inzwischen hat sie ihre Vision formal umgesetzt. Hirmer meldete ein Nebengewerbe an, das unter der Bezeichnung „Gesprächsbegleitung und Zuhörangebot im nicht-therapeutischen Bereich“ geführt wird. Damit sei klar geregelt, dass es sich nicht um Psychotherapie handelt. Psychische Erkrankungen dürfen und sollen im Rahmen ihrer Gespräche nicht behandelt werden.

Ihr Angebot richtet sich vielmehr an Menschen mit alltäglichen Belastungen – an jene, die jemanden brauchen, der zuhört. „Ich werde dabei natürlich gleich zu Beginn eines jeden Kontakts darauf hinweisen, dass es sich dabei um kein psychotherapeutisches Angebot handelt“, sagt sie. Wer ernsthafte psychische Probleme äußere, werde von ihr an entsprechende Fachstellen verwiesen.

Hilfestellung bei Alltagsproblemen

Für die Gespräche sind verschiedene Orte denkbar. „Ob zuhause, bei einem Spaziergang oder in einem Café – ich möchte das Ganze individuell halten, damit sich der Gesprächspartner möglichst wohlfühlt“, erklärt Hirmer. Auffällig ist dabei ihre Wortwahl: Sie spricht bewusst nicht von Kunden, sondern von Gesprächspartnern, um zu verdeutlichen, das die geführten Gespräche jederzeit auf Augenhöhe stattfinden sollen.

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Auch eine Zusammenarbeit mit dem Luna-Lab in Chamerau ist derzeit in Arbeit. Dort könnten künftig Räume für Gespräche genutzt werden. Wichtig ist ihr dabei vor allem eines: Diskretion. „Ich möchte darauf achten, dass Diskretion gewahrt wird“, sagt sie. Gerade auf dem Land, wo jeder jeden kennt, sei die Hemmschwelle, sich mit persönlichen Problemen zu öffnen, vielleicht oft größer als in der Stadt.

Noch steht ihr Projekt am Anfang. Das erste Gespräch mit einem Interessenten steht kurz bevor – und Hirmer blickt ihm mit gespannter Neugier entgegen. Ihr Wunsch ist dabei klar formuliert: „Mir ist es ein Anliegen, dass Menschen aus den Gesprächen mit mir erleichtert und positiv herausgehen.“

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben sie eines gelehrt: Offen über eigene Probleme zu sprechen, sollte kein Tabu sein. „Es gibt keinen Grund, sich zu schämen“, sagt sie. Und manchmal, glaubt sie, beginnt Veränderung mit etwas sehr Einfachem: jemandem, der zuhört.

Wenn Zuhören entlastet – und wo Grenzen liegen

Dass Zuhören mehr sein kann als eine bloße Geste, bestätigt auch der Rodinger Adam Ladkani, der in seiner Praxis für Psychotherapie mit Menschen arbeitet, die unter Depressionen, Ängsten oder zwischenmenschlichen Konflikten leiden.

Dabei erlebe er immer wieder, wie groß das Bedürfnis nach einem offenen Ohr sei. Zuhören könne für viele Menschen bereits entlastend wirken, sagt Ladkani. Auch im Landkreis Cham gebe es zahlreiche Menschen, die vereinsamen oder nur oberflächliche Beziehungen hätten. Besonders ältere Menschen seien häufig von Isolation betroffen.

Psychologe Adam Ladkani aus Roding sieht im Zuhören eine wichtige Entlastung – betont aber klare Grenzen. - Foto: Ladkani

Niedrigschwellige Gesprächsangebote hält er vor diesem Hintergrund für sinnvoll. Sie könnten eine Lücke schließen – gerade in Zeiten, in denen Betroffene oft lange auf einen Therapieplatz warten müssten. Solche Angebote könnten helfen, diese Phase zu überbrücken, in der es zunächst darum gehe, überhaupt Gehör zu finden.

Gleichzeitig zieht Ladkani eine klare Grenze. Nicht in allen Fällen könne Zuhören allein ausreichen. „Es gibt bestimmte psychische Krankheitsbilder, bei denen einfaches Zuhören definitiv nicht mehr ausreicht“, betont er. Dann brauche es gezielte Lösungsansätze und unter Umständen auch eine begleitende medikamentöse Behandlung.