„Hintre“, „affe“ oder „umme“: Wo im Landkreis Cham der Dialekt die Richtung weist

Von David Salimi · 7. März 2026 um 11:00

Wer im Landkreis Cham nach dem Weg fragt, bekommt selten eine Antwort, die sich eins zu eins auf der Landkarte wiederfindet. Aus Chamer Perspektive fährt man nicht einfach nach Bad Kötzting, sondern „hintre“. Nicht nach Chammünster, sondern „umme“. Und wer nach Straubing unterwegs ist, fährt „raus“. Für Außenstehende wirkt das wie ein sprachliches Buch mit sieben Siegeln. Für Einheimische dagegen ist es eine präzise Ortsbestimmung – gewachsen über Jahrhunderte, eingeprägt in Landschaft und Alltag.

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Dialektale Richtungsangaben folgen dabei keiner willkürlichen Logik, sondern einem inneren Ordnungssystem, das tief im Raum selbst verwurzelt ist.

„Auf jeden Fall spielt die Topografie bei der Bezeichnung von Richtungsangaben im Dialekt eine zentrale Rolle“, bestätigt Ferdinand Schönberger, pensionierter Lehrer und Autor mehrerer Bücher über die Oberpfälzer Mundart. Höhenlagen, Täler, Nachbarorte, aber auch Himmelsrichtungen und Flussverläufe wirkten dabei zusammen wie die unsichtbaren Koordinaten eines sprachlichen Orientierungssystems.

Geografisch widersprüchlich aber dialektal logisch

Besonders deutlich werde das am Beispiel Regensburg. Aus der Perspektive des Bayerischen Waldes liegt die Oberpfälzer Regierungsstadt flussaufwärts an der Donau. „Der Chamer fährt demzufolge von sich weg nach Regensburg ‚affe‘“, erklärt Schönberger. Was geografisch zunächst widersprüchlich erscheinen mag, folgt im Dialekt einer klaren Logik: „affe“ meint nicht zwingend Norden oder Süden, sondern „hinauf“ – entlang der natürlichen Linien, die Landschaft und Wahrnehmung vorgeben.

Nicht nur Berge und Flüsse, auch historische Stadtstrukturen haben ihre Spuren im Dialekt hinterlassen. So fahren viele Bewohner aus den Umlandgemeinden nach Cham „eine“, also hinein. Schönberger vermutet den Ursprung in der früheren Stadtmauer. Wer in die Stadt wollte, musste eine Grenze überwinden – hinein in einen geschlossenen Raum. Zudem gelte Cham nicht nur politisch als Zentrum des Großlandkreises.

Himmelsrichtung versus Perspektive des Sprechers

Umgekehrt fahren Chamer in den Lamer Winkel „hintre“, also nach hinten. Arrach, Lam oder Lohberg liegen aus ihrer Sicht am hinteren Rand des vertrauten Raumes, jenseits der alltäglichen Achsen. Auch hier ist es nicht die exakte Himmelsrichtung, die entscheidet, sondern die Perspektive des Sprechers.

Besonders eindrücklich zeigt sich die Macht der Landschaft dort, wo Höhenzüge zum Vorschein kommen. So fahren Kötztinger nach Viechtach „umme“ – hinüber. Der Höhenzug bei Wettzell bildet hier eine natürliche Schwelle. Wer ihn überquert, wechselt nicht nur die Seite des Berges, sondern auch die sprachliche Richtung. Ähnlich verhält es sich zwischen Furth im Wald und Waldmünchen. Die Strecke führt über den Gibacht, mit 934 Metern einer der markanten Höhenzüge der Region. Wer ihn überwindet, fährt zumindest zunächst „affe“ – hinauf.

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Solche Begriffe sind mehr als bloße Ortsangaben. Sie sind laut Schönberger Ausdruck eines Landschaftsgefühls, das sich über Generationen eingeprägt hat. „Solche Sprachgewohnheiten haben sich im Laufe der Jahrhunderte ergeben und werden im Alltag in der Regel gar nicht mehr hinterfragt“, sagt der pensionierte Lehrer, der sich seit Jahren mit der Mundart im Oberpfälzer Raum beschäftigt.

Sprachliche Unterschiede auf wenigen Kilometern

Der Landkreis Cham nehme dabei eine besondere Stellung ein. Sprachlich bildet er, so Schönberger, eine Übergangszone zwischen dem Oberpfälzischen und dem Niederbayerischen. „Die Mundart im Landkreis Cham stellt generell eine Besonderheit dar“, erklärt er. Einflüsse aus beiden Dialekträumen treffen hier aufeinander, ergänzt durch historische Sprachspuren aus dem böhmischen Raum. Das Ergebnis ist ein sprachlicher Grenzraum – oder, wie Schönberger es nennt, eine „Sprachinsel“.

Solche Sprachgewohnheiten haben sich im Laufe der Jahrhunderte ergeben und werden im Alltag in der Regel gar nicht mehr hinterfragt.Ferdinand Schönberger, pensionierter Lehrer und Autor von Mundart-Büchern aus Cham

Auf diese Besonderheit hat bereits der Sprachwissenschaftler und langjährige Leiter des Bayerischen Wörterbuchs, Anthony Rowley, bei einem Vortrag in Cham im April 2025 hingewiesen. Laut Rowley zeigt sich diese Nahtstelle zwischen unterschiedlichen Dialektgebieten unter anderem in charakteristischen Lautformen und Zwielauten, deren Ausprägung je nach Region variiert. Diese Übergangslage prägt auch die Richtungsangaben. Was in einem Ort selbstverständlich ist, kann wenige Kilometer weiter bereits ganz anders heißen. Dialekt kennt keine festen Grenzen, sondern fließende Übergänge – wie die Landschaft selbst.

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Für Außenstehende bleibt dieses System oft rätselhaft. Was bedeutet „hinter“, wenn der Ort auf der Landkarte nicht im Norden liegt? Warum fährt man „hinauf“, obwohl es geografisch bergab geht? Die Antwort liegt nicht zwingend in der objektiven Geografie, sondern in der subjektiven Raumwahrnehmung.

In diesen kleinen Wörtern steckt ein ganzes Weltbild. Sie erzählen von alten Wegen, von Märkten und Mauern, von Bergen, die überwunden werden mussten, und von Flüssen, die den Horizont bestimmten. Wer „affe“ fährt, bewegt sich nicht nur durch den Raum, sondern durch ein historisches Ordnungssystem. Und wer versteht, warum man „hintre“ oder „raus“ fährt, versteht ein Stück Heimat.

„Affe“, „obe“ oder „eine“? – Nachgefragt bei zwei Mundart-Experten im Landkreis Cham

Zwischen „affe“, „hintre“ und „eine“ steckt mehr als eine Wegbeschreibung – das bestätigen auch zwei Mundart-Kenner aus dem Landkreis.

Josef „Bäff“ Piendl aus Trasching bei Roding bringt den Dialekt regelmäßig auf die Bühne – hier mit Moderatorin Traudi Siferlinger bei der Sendung „Wirtshausmusikanten beim Hirzinger“ im Bayerischen Fernsehen. Begleitet wurde er von der Kapelle Josef Menzl und der Gruppe Zechfreistil. - Foto: Ralf Wilschewski/BR

„Ich bin überzeugt, dass man im Dialekt warmherziger spricht“, sagt Josef „Bäff“ Piendl. Als weitum bekannter Humorist, Liedermacher und Gstanzlsinger aus dem Landkreis Cham ist er ein Verfechter der Mundart. Als Traschinger habe man jedoch einen etwas anderen Blickwinkel auf die Region. So fährt man laut Piendl nicht wie die Chamer nach Regensburg „affe“, sondern „ei“, was mit „rein“ oder „hinein“ übersetzt werden kann. Ebenso fahren die Rodinger nach Cham „ei“. Nach Schwandorf geht es für sie „umme“, also „rüber“, nach Weiden hingegen „affe“ („hinauf“) und nach Nittenau „oi“, also „runter“. Einzig nach Straubing fahren die Rodinger gemeinsam „ausse“, also hinaus. In den Altlandkreis Kötzting geht es wie für die Chamer „hinte“, „nach hinten“.

Im Rodinger Raum bis nach Roßbach oder Wiesenfelden haben wir einen einheitlichen Dialekt.Humorist Josef „Bäff“ Piendl

Obwohl die bayerische Sprache quasi das Handwerkszeug für Piendls Auftritte ist, kann er nur über die Hintergründe zu den Richtungsangaben mutmaßen. Er geht davon aus, dass diese Bezeichnungen über Jahrzehnte überliefert worden sind. Deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen im Großlandkreis macht aber auch er aus. „Im Rodinger Raum bis nach Roßbach oder Wiesenfelden haben wir einen einheitlichen Dialekt“, sagt er.

Einheitlicher Dialektraum im Falkensteiner Vorwald

Vor allem den Vorwald, rund um das Landkreisdreieck bestehend aus Wiesenfelden, Falkenstein und Brennberg, könne man als einheitlichen Dialektraum betrachten. Verglichen mit den Stamsriedern würde sich die Ausdrucksweise hingegen trotz nicht allzu großer Entfernung deutlicher unterscheiden. Piendls Vermutung ist dafür der Regenfluss, der die Gebiete im Rodinger Land seit jeher voneinander abgrenzt.

Für Kabarettist Toni Lauerer aus Furth im Wald verraten Begriffe wie „hintre“ oder „eine“, wie Menschen ihre Heimat einordnen. - Foto: Lorenz Erl

Auch Toni Lauerer kennt diese feinen Unterschiede im Sprachgebrauch nur zu gut. Erst vor Kurzem war der Further Kabarettist in Ursensollen in der Nähe von Amberg zu Gast, wo sich im Gespräch mit Kollegen wie Michael Mittermeier schnell zeigte, wie erklärungsbedürftig dialektale Richtungsangaben sein können. Besonders lebhaft erinnert er sich an eine Begebenheit in Neukirchen b. Hl. Blut: Ein junger Mann fragte nach dem Weg – und erhielt eine Antwort, die bei ihm vor allem Ratlosigkeit auslöste.

Bayerischer Wald gilt als geschlossener Raum

Für Lauerer steckt in Begriffen wie „hintre“ oder „eine“ weit mehr als bloße Ortsbeschreibung. „Es spiegelt eine Auffassung wider, wie man verschiedene Gegenden einordnet“, sagt er. Wer „hintre“ fährt, mache damit zugleich deutlich, „dass ich vorne bin“. Hinter solchen Ordnungssystemen könnten sich mitunter auch historische Sichtweisen oder Vorbehalte verbergen, meint Lauerer. Der Bayerische Wald werde von außen oft als geschlossener Raum wahrgenommen, in den man „eine“, also „hinein“ fahre.

Es spiegelt eine Auffassung wieder, wie man verschiedene Gegenden einordnet.Kabarettist Toni Lauerer über die Verwendung von Richtungsangaben im Dialekt

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts seien viele Menschen aus der Region zum Hopfen zupfen in die Holledau „ausse“ gefahren – und anschließend wieder in den „Woid eine“. Auch in Furth im Wald beobachtet Lauerer ein eigenes, in sich stimmiges Gefüge von Richtungen: Nach Cham geht es „eine“, in den Hohenbogenwinkel „hintre“, und selbst nach Tschechien fährt man „eine“. Historische Gründe könnten dabei eine Rolle spielen, etwa die Lage jenseits des Eisernen Vorhangs.

Eine weitere Erklärung sieht Lauerer in früheren Machtzentren. „Ich vermute, dass das auch mit Obrigkeiten zu tun haben könnte“, sagt er. In München habe der König residiert, Regensburg sei Regierungssitz der Oberpfalz – mögliche Gründe dafür, warum man dorthin „affe“ fährt.