Chamer Dialekt – das Beste zweier Sprachräume

Von Ferdinand Schönberger · 1. April 2025 um 21:30

Cham/Schachendorf. Wie sagt man in Bayern für eine Papiertüte? Das kommt ganz darauf an, in welchem bairischen Sprachraum jemand lebt. In Nordbayern nennt man sie Guggan, was von einer umgedrehten spitzen Hutform kommt. Straniezl ist ein italienisches Lehnwort, das in Oberbayern verwendet wird, und Rogl von „locker, lose Dinge reinlegen“ sagt man in der südlichen Oberpfalz.

Der das und noch viel mehr genau erklären kann, ist der gebürtige Engländer Professor Anthony Rowley. Auf Einladung des Heimatvereins Cham hielt er am Sonntagnachmittag im restlos überfüllten Saal des Gasthauses Schierer in Schachendorf das Referat „Host mi. Das Bairische und die Dialekte des Chamer Landkreises“. Vorsitzender Josef Roider begrüßte neben dem Sprachwissenschaftler und dessen Frau namentlich die Märchenforscherin Erika Eichenseer aus Regensburg und Kreisheimatpfleger Hans Wrba.

„Hauptsach’, es is koa Preiß“

Der in Skipton geborene Rowley studierte an der Universität Reading, war Stipendiat für ein Studium der Germanistik an der Uni Regensburg und leitete nach Promotion und Habilitation an der Uni Bayreuth über 30 Jahre die Redaktion des auf zehn Bände veranschlagten Bayerischen Wörterbuchs (BWB). Vielleicht habe sich die Jury gedacht: „Hauptsach’, es is koa Preiß“, kommentierte er dies. Zudem lehrte er 24 Jahre an der Ludwig-Maximilian-Universität in München und ist nach wie vor der Öffentlichkeit durch die Rubrik „Host mi?“ in der BR-Fernsehsendung „Wir in Bayern“ bekannt, in der er eingesandte Dialektwörter aus deren Sprachgeschichte oder Lautmalerei erklärt.

In seiner unnachahmlichen, humorvollen Art begann Rowley seinen Vortrag über den Dialekt im Allgemeinen, bairische Mundarten im Besonderen und speziell jene in der Oberpfalz und im Bayerischen Wald mit dem Zitat aus dem BWB: „Auf geht’s!“ Manches, was er erzähle, habe er in seinem Buch „Boarisch, Boirisch, Bairisch“ zusammengefasst. Nach allen wissenschaftlichen Studien sei Dialekt keine Sprachbarriere, sondern begünstige durch die „Innere Mehrsprachigkeit“ (Bairisch und Hochdeutsch) Ausdruck und Sprachfähigkeit. Schiller und Goethe seien Dialektsprecher gewesen. Dialekte habe der Tirschenreuther Mundartforscher Johann Andreas Schmeller (1785-1852) den „Lebensabdruck eines Volkes“ genannt, viele Bayern verstünden sie als sprachliches Aushängeschild der Heimat, und für den Sprachforscher Günther Grewendorf sei Bairisch genial und eine der faszinierendsten Sprachen Europas. Es komme ohne Genitiv (2. Fall) aus (an Papa säi Auto – Papas Auto), nutze den possessiven Dativ, den 3. statt 4. Fall (eahm schaug o – ihn schau an) und kenne keine 1. Vergangenheit (ich bin kumma, hob geseng – ich kam, sah).

Manche Wörter (wie haldd, fäi) könnten nicht prägnant in die Schriftsprache übersetzt werden oder seien Bekenntnis zum Geburtsort, wie etwa die Wochentage Iada (Dienstag) und Pfinsta (Donnerstag). Eine Besonderheit seien auch die Richtungswörter (affe – affa, viare – viara), wobei die Endung „-e“ von einem bestimmten Ort wegführe. Die Dialekte seien einigermaßen organisch aus der germanischen Ursprache entstandene Sprachformen mit eigener Geschichte und Regeln und nicht zufällig aus dem von oben eingeführten Kunstgebilde der neuhochdeutschen Schriftsprache abgeleitet. Eine Anzahl italienischer (Gspusi, Zamperl), tschechischer (Babalaadschn) oder französischer Lehnwörter der Alamode-Zeit (Bodschambbarl – pot de chambre) dokumentierten die jahrhundertelangen Beziehungen zu den Nachbarn.

Das Oberpfälzische gehöre zum Oberdeutschen (neben Nieder- und Mitteldeutsch), zum Bairischen (neben dem Ostfränkischen und dem Alemannisch-Schwäbischen) und hier wieder zum Nordbairischen.Im Wortschatz und in der Grammatik seien die gestürzten Zwielaute auffällig: „ou“ statt „ua“ im Mittelbairischen (Kouh – Kuah, dou – dua, daou – do) oder auch „ëi“ statt „ia“ (Brëif – Briaf, Bëia – Bia).

Bei Verkleinerungsformen gelte: Je länger die Endung oder je weniger die Abwandlung des Grundwortes, desto niedlicher das Bezeichnete: „a bissarl“ ist weniger als „a bissl“; a „Kopfarl“ gelte für ein ganz kleines Kind, a „Kepfl“ auch für ein älteres. Im Vergleich zum Mittelbairischen bleibe bei der „l-Vokalisierung“ dieses erhalten (Müelch – Muich, haldd – hoidd).

Diese überwältigende Menge der Gemeinsamkeiten des Oberpfälzischen müsse man im Hinterkopf behalten, wenn man die Zugehörigkeit des Chamer Raums bestimme. Es ließen sich zwar einigermaßen klar abgrenzbare Dialekträume ausmachen. „Doch es gibt Übergangszonen an den Nahtstellen der Sprachräume, und eine davon ist Cham“, so Rowley weiter. Hier gebe es zwar kein ausgeprägtes „l“, doch es sei nicht verschwunden. So sei es bei der Verwendung der gestürzten Zwielaute (daou – do, Flëing – Fluing, oins - oans).

„Wo Fluing Flëing heißen“

„Cham hat, könnte man sagen, das Beste von den Oberpfälzern und Niederbayern“, folgerte er und fügte ein Beispiel aus der Grammatik von Michael Kolmer (1987) an, wo das Oberpfälzische beginne: „In Bomoas (Bodenmais) sagen die Regener (weil man dort Kouh und Këih sagt). Für die Bomoaser ist es Cham (wo man Schmolz statt Schmoiz spricht), und die Chamer sind der Ansicht, dort, wo die Fluing Flëing heißen.“ Typisch für die Gegend, so vermerkte eine Besucherin, sei auch das Wort „sched“, das – so Rowley – über „schlecht“ von „schlicht“ komme.

„Benützen Sie den Dialekt tagein, tagaus, so viel Sie können! Red’s Boarisch, na stirbt’s ned aus!“, bat der Dialektforscher die begeisterten Zuhörer und schloss mit einem Weidener Spruch: „Aas iss und goa(r) iss und schod iss, dass woahr is“.