Regensburger Geschäftsfrau erlebt Alltagsrassismus vor laufender Kamera – Video geht viral

Sie wollte nur ein kleines Video für Instagram drehen – doch dann erlebte eine Regensburger Geschäftsfrau einen Fall von Alltagsrassismus auf offener Straße.
In dem Video, das mittlerweile über eine Million Aufrufe hat, ist Olivia zu sehen, wie sie an einer Straße steht. Eine männliche Stimme aus dem Off sagt zu ihr: „Wo kommst du her?“ Olivia ist der Schock im Gesicht abzulesen. Sie antwortet: „Regensburg.“ Der Mann fragt: „Gebürtig? Vorfahren?“ Olivia: „Auch Regensburg.“ Der Mann wiederum: „Du schaust so, so...“ – er schweigt kurz, scheint nach Worten zu suchen – „...ned rengschburgerisch aus.“ Olivia, der die Situation sichtlich unangenehm ist, sagt nur: „Tja.“ Der Mann: „Aber sehr hübsch.“ Olivia blickt zur Seite, als würde sie Hilfe suchen. Der Mann wünscht noch einen schönen Tag.
Rassismus auf dem Spielplatz in Regensburg
Einige Tage später steht Olivia in ihrem Laden. Sie wollte in einem Video nur ein neues Produkt vorstellen. „Dann sind die beiden Herren vorbeigelaufen und haben gesehen, dass da eine junge Frau etwas filmt, das haben sie erstmal kommentiert.“
„Erst wurde mir sehr heiß und ich wurde sehr nervös. Mir ist diese Frage schon sehr lange nicht mehr gestellt worden.“ Sie habe als Kind und in ihrer Jugend eher mit solchen Themen zu tun gehabt. „In letzter Zeit nicht mehr so häufig – außer als ich Mutter geworden bin. Da wurde ich auf dem Spielplatz gefragt, ob ich die Babysitterin bin oder das Au-Pair.“
Rassismus und Sexismus gehen Hand in Hand
Als sie die Männer ansprachen, habe sie erstmal länger überlegen müssen. „Alles hat gerattert. Dann hab ich einfach die Wahrheit gesagt, dass ich aus Regensburg komme. Aber ich habe schon damit gerechnet, dass es damit nicht erledigt ist, weil ich vielleicht nicht dem entspreche, was er als Regensburger ansieht.“
Ein Fall von Alltagsrassismus. „Der beruht meist auf Neugierde und nicht auf reiner Boshaftigkeit“, sagt Olivia. Sie sei zwar nicht beleidigt worden, aber: „Es geht um dieses Nachhaken, weil die andere Person aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes etwas anderes hören möchte, als deutsch.“ Das sei belastend, betont sie.
Irgendwann hätten die Männer schon gemerkt, dass es ihr unangenehm sei. „Trotzdem meinten sie, noch mein Aussehen bewerten zu müssen.“ Rassismus und Sexismus gingen durchaus öfter Hand in Hand, sagt die Regensburger Geschäftsfrau. „Es war mir vor allem auch unangenehm, weil es mir im beruflichen Kontext passiert ist.“
Unangenehme Blicke in Regensburg
Müsste sie es in ihren eigenen Worten beschreiben, sagt Olivia, würde sie die beiden als „alte weiße Männer“ bezeichnen. Einer sei sichtlich betrunken gewesen – am frühen Nachmittag. „Deshalb wollte ich auch keine Rassismus-Debatte starten. Man weiß ja nicht, was einem blüht.“
Die Geschäftsfrau erzählt, dass auch in ihrem Alltag Rassismus eine Rolle spielt. „Besonders wenn ich andere Frisuren trage. Im Sommer habe ich oft geflochtene Zöpfe, da merke ich es extrem, dass ich angeschaut werde. Oder wenn ich meinen Afro trage, so wie er ist, fassen mir Leute oft in die Haare. Deshalb trage ich ihn nicht gerne, weil mir das unangenehm ist.“ Rund um das Abitur habe sie sich mit dem Thema intensiver beschäftigt. „Irgendwann akzeptiert man glaube ich, dass es ein Stück weit zum eigenen Alltag dazugehört, auch wenn es nicht schön ist und man hofft, dass es irgendwann anders ist.“
Rassismus: „Wir stellen uns dem Problem nicht“
In den Kommentaren unter dem Video habe sie allerdings gesehen, dass es viele Menschen gebe, die das Thema nicht verstehen oder nicht das Wissen dazu haben. „Die meisten Berührungspunkte mit Rassismus haben die Leute in der Schule. Aber da geht es meist um die NS-Zeit und nicht um den Rassismus heutzutage. Das ist ein Riesenproblem. Wir stellen uns dem Problem nicht in der Bildung.“ Auch der Rechtsruck in der Gesellschaft mache ihr Sorgen, sie überlege sich, was sie machen soll, wenn es weiter in diese Richtung geht. Auch unter ihrem Video habe es rechtsextreme Kommentare gegeben, sagt die Geschäftsfrau.
Solche Kommentare machten ihr durchaus Angst, auch weil sie Freunde habe, die erst kürzlich unter rassistischer Gewalt gelitten hätten. Sie sei froh, dass sie das Video habe. „Selbst Freunde von mir glauben mir nicht, dass mir das noch immer passiert.“ Die Aufnahme sei ein perfektes Beispiel für Rassismus im Alltag – und was er für Betroffene bedeute. Sie lud ein weiteres Video hoch, um es nochmal zu erläutern. „Ich glaube, man hat schon etwas gewonnen, wenn auch nur eine Person nachdenkt.“
Sie hoffe, dass die Leute mehr reflektieren. „Sie sollten warten, bis die Person von sich aus etwas erzählt und nicht einfach wildfremde Menschen auf der Straße ansprechen.“ Es komme sehr auf das Setting an, betont Olivia. „Es ist etwas völlig anderes, wenn man einen Menschen gerade wirklich freundschaftlich kennnenlernt.“
Was schön wäre, sagt Olivia: „Wenn es irgendwann gar kein Thema mehr ist. Am Ende sind wir alle auf der Welt – sich etwas darauf einzubilden, woher man kommt, oder andere deshalb abzuwerten, finde ich einfach super schwierig.“