Sechs Jahre nach Anschlag von Hanau: Scharfe Kritik der Familie Saraçoglu in Regensburg

Von Philip Hell · 22. März 2026 um 16:01

Vor etwas mehr als sechs Jahren wurden im hessischen Hanau neun Menschen von einem rechtsextremistischen Attentäter ermordet – darunter auch Fatih Saraçoglu, ein Regensburger. Nach ihm ist nun seit Freitag für zehn Wochen der Schwanenplatz benannt. Bei der Eröffnung fand die Familie des Ermordeten klare Worte an die Stadtspitze.

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Die Umbenennung ist Teil einer Kunstinstallation von Jonas Höschl. Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer betonte bei der Eröffnung, dass damit ein Raum des gemeinsamen Gedenkens schaffen. Die Intervention, wie Höschl das Werk nennt, schreibe den Anschlag in das kollektive Gedächtnis Regensburgs. Der Kampf gegen Rechtsextremismus sei eine Aufgabe für alle. Maltz-Schwarzfischer sagte darüber hinaus, dass sie bis heute bereue, der Familie Saraçoglu kein Beileidsschreiben geschickt zu haben. „Ich habe mich bei der Familie entschuldigt, aber ich glaube nicht, dass das reicht.“

Gedenken in Regensburg: Umbenennung soll einen Stein ins Rollen bringen

Jonas Höschl bezeichnete die Platzumbenennung für zehn Wochen als „ersten Aufschlag“. Er hoffe, dass ein Stein ins Rollen gerate, um einen langfristigen Gedenkort in Regensburg zu schaffen.

Der Bruder und die Schwägerin von Fatih Saraçoglu waren am Freitag ebenfalls zur Eröffnung des Platzes gekommen. Die Umbenennung sei ein sichtbares Zeichen des Andenkens. Sein Bruder erinnerte in einer Ansprache an Saraçoglu. „Er ist hier aufgewachsen. Seine Freunde, seine Familie sind Regensburger.“ Fatihs Wunsch sei es gewesen, sich selbstständig zu machen. Deshalb sei er nach Hanau gegangen, wo er im Februar 2020 ermordet wurde. „Diese Tat war nicht spontan. Sie wurde monatelang geplant. Der Täter war den Behörden bekannt.“

Seine Schwägerin erinnerte an das Manifest des Täters, der häufig mit rechtsextremem Gedankengut aufgefallen sei. Sie rief den Anwesenden das brutale Vorgehen des Täters in Erinnerung, wie dieser präzise auf Fatih schoss, ohne dass der junge Mann überhaupt begreifen konnte, was los war. „Der Täter schoss noch einmal und noch einmal und noch einmal und noch einmal.“ Der Täter habe sich über Monate radikalisiert. „Aber niemand wollte es wissen, man hat es einfach totgeschwiegen.“

Die Tat hätte verhindert werden können, sagte Fatihs Bruder. „Heute ist sie Teil der deutschen Geschichte. Einer Geschichte voll Gewalt, Hass und Rassismus, die wir nicht vergessen dürfen.“ Die Familie erzähle ihre Geschichte, um ein Zeichen zu setzen. Gegen Rechtsextremismus, gegen Gewalt, gegen Rassismus und gegen das Wegsehen.

Insbesondere Letzteres sei ein großes Thema in Regensburg, sagte Fatihs Schwägerin. „Hier wurden wir fünf, sechs Jahre nicht gesehen. Man kannte uns vom ersten Tag an. Wir waren die Opferfamilie. Man kannte unsere Namen, man kannte unsere Geschichte.“

Familie kritisiert Stadt: Wird eine Straße in Regensburg nach Fatih benannt?

Ihr Schmerz und ihre Trauer seien allerdings trotzdem wichtig genug gewesen, sagte Fatihs Schwägerin, dass man die Familie eine Datenschutzerklärung unterschreiben ließ. „Damit, das muss ich jetzt so sagen, auch die Oberbürgermeisterin unsere Geschichte für sich nutzen kann.“ Die Familie sei davon ausgegangen, dass die Stadt auf sie zukommen würde. Das sei nicht geschehen. „Wir hatten keine Ahnung, wie laut Schweigen sein kann.“ Statt einer Einladung sei ein Bild in der Zeitung mit der Geschichte der Familie erschienen. „Natürlich war auch die Oberbürgermeisterin zu sehen.“ Das Verhalten der OB sei „verletzend“.

Erst vergangenes Jahr sei es zu Treffen gekommen. Dabei ging es auch um eine Gedenktafel und eine Straßenumbenennung. Derzeit sei eine Tafel an einer Schule geplant, diese solle von Schülern gestaltet werden. Das kritisierte die Schwägerin. Das Thema sei schlicht zu groß, um von Kindern dargestellt zu werden. „Das war nicht das, was wir uns wünschen. Wir möchten einen öffentlichen Raum.“ Es sei vereinbart gewesen, im Oktober nochmals über die Straßenumbenennung zu sprechen. Das sei nicht geschehen. Mit den Bemühungen wolle man strukturellen und behördlichen Rassismus sichtbar machen. Man wolle, dass sich Regensburg mit der Geschichte auseinandersetzt. „Nicht abstrakt, sondern ganz konkret.“

Kommentar von MZ-Redakteur Philip Hell: „Besser zu spät als nie“

MZ-Redakteur Philip Hell bewertet die Forderung der Familie Saraçoglu: „Die Botschaft der Familie von Fatih Saraçoglu war deutlich. Die Worte des Bedauerns der OB auch. Die Stadt hat zu wenig getan, um an den Regensburger zu erinnern, der in Hanau ermordet wurde. Dieser Mord ist Teil der Geschichte der Domstadt. Ein Regensburger musste sterben, weil ein Deutscher voller Hass auf das vermeintlich Fremde tötete. Es muss Aufgabe der neuen Stadtspitze und des neuen Stadtrats sein, einen Gedenkort für Fatih Saraçoglu zu schaffen. Am besten in Form einer Straßenumbenennung. Das käme spät. Zu spät. Aber besser zu spät als nie.