Ende einer Neunburger Ära: Ende April schließt das Textil- und Kurzwarengeschäft Ettl

Neunburgs Einzelhandel steht vor der nächsten einschneidenden Schließung. Nachdem erst vor Kurzem bekannt wurde, dass mit der Buchhandlung am Tor das einzige Buchgeschäft in der Stadt dicht macht, steht nun auch das Textil- und Kurzwarengeschäft Ettl/Neckermann vor dem Aus.
An den Schaufenstern des Geschäftes in der Hauptstraße 9 verkünden bereits Aufkleber den Räumungsverkauf. Sieglinde Ettl will den Laden am 25. April endgültig schließen. Sie verabschiede sich mit „einem weinenden und einem lachenden Auge“, sagt die 81-Jährige. Es sei mehr als ein Geschäft gewesen, es war ihr Leben. Stolze 56 Jahre hatte sie hinter der Ladentheke gestanden und den Kunden unter anderem Wolle, Nähseide, Reißverschlüsse, Vorhänge, Tischdecken, Socken, Babysachen und vieles mehr verkauft.
Vertreter überzeugte Sieglinde Ettl, weiterzumachen
Gut 45 Jahre stand ihr Mann Alfons an ihrer Seite. Alfons Ettl hatte das Geschäft Anfang der 70er Jahre von seinem Vater Johann übernommen. „Er hat es gerne gemacht. Es war sein Steckenpferd“, erinnert sich Sieglinde Ettl an ihren Mann, der 2016 verstorben war.
Es war mehr als ein Geschäft – es war mein Leben.Sieglinde Ettl, Inhaberin des Textil- und Kurzwarengeschäftes in der Hauptstraße
Nach dem Tod ihres Mannes habe sie das Geschäft eigentlich nicht alleine weiterführen wollen, berichtet die 81-Jährige. Drei Wochen sei es damals geschlossen gewesen. Dann habe sie ein Vertreter angerufen und sich mit ihr getroffen. Er habe sie dazu gebracht, doch weiterzumachen, sagt die Geschäftsinhaberin. Es wäre doch nicht im Sinne ihres Mannes, den Laden nun zu schließen, fand damals der Vertreter. Außerdem sei sie doch noch fit. Und so öffnete das Textil- und Kurzwarengeschäft unweit des Spitals wieder. Vor allem die älteren Neunburger waren froh, dass sie weiterhin in dem Textil- und Kurzwarengeschäft einkaufen konnten.
Zehn Jahre sind so nochmal dazugekommen. Ihre langjährige Mitarbeiterin Elisabeth Rathgeb, die seit 1971 im Geschäft tätig war, hatte bei Bedarf noch mit ausgeholfen. Aus gesundheitlichen Gründen müsse sie das Geschäft nun aber schließen, erzählt Sieglinde Ettl. Sie könne deshalb die Schaufenster nicht mehr selber dekorieren.
Verkauf von Vorhängen wurde bereits vor 25 Jahren eingestellt
Hinzu komme, dass ihr einige Lieferanten weggebrochen seien. So habe sie schon seit Weihnachten 2024 keine Regia-Sockenwolle der Firma Schachenmayr mehr bekommen, weil sich das Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befand. Diese Wolle sei in ihrem Geschäft sehr gefragt gewesen, sagt die 81-Jährige. Auch die Lieferungen von Optilon-Reißverschlüssen und Nähseide von Mez seien ausgeblieben. Zu ausländischen Hersteller wollte sie aber nicht mehr wechseln. Sie habe über all die Jahre immer darauf geachtet, Qualität aus Deutschland anzubieten.
Seit einigen Wochen verkauft Sieglinde Ettl nur noch die Waren, die im Laden vorhanden sind. Neues wird nicht mehr eingekauft. Dadurch sind viele Regale bereits leer. Das Sortiment an Wolle, Reißverschlüssen oder Nähseide ist bereits deutlich geschrumpft.
Mit einem weinenden und einem lachenden Auge schließe ich mein Geschäft nun am 25. April.Sieglinde Ettl, Neunburger Einzelhändlerin
Schon vor mehr als 25 Jahren hatten die Ettl den Verkauf von Vorhängen eingestellt. Auch Handarbeitssachen wie Tischdecken, die im Laden angeboten wurden, seien später weggebrochen. Und das Sortiment an Babyartikeln wurde ebenfalls reduziert, weil Eltern lieber die vielerorts veranstalteten Babybasare besuchen, meint die Geschäftsinhaberin.
Einen Nachfolger gebe es nicht. Ihre eigenen Kinder haben andere Berufe ergriffen und auch anderen würde sie den Laden nicht übergeben. Denn für diejenigen, die von dem Geschäft leben müssten, lohne es sich nicht mehr. Da sie selber im Haus wohne und auch eine Rente bekomme, habe sie bis jetzt noch weitergemacht, so die 81-Jährige.
Mit der Schließung des Geschäftes in der Hauptstraße geht eine Handwerks- und Handels-Ära nach 250 Jahren zu Ende. Michael Neckermann hatte 1776 die Färberwitwe Anna Zenger geheiratet und kam so in den Besitz der Neunburger Färberei. Der Handwerksbetrieb wurde in den folgenden Jahrzehnten von einer Generation zur nächsten übergeben und weitergeführt, aber auch wirtschaftlichen Gegebenheiten angepasst.

Ihre Blütezeit erlebte die Färberei im 19. Jahrhundert unter Matthias Neckermann (1838 - 1919), der nicht nur ein angesehener Handwerksmeister war. Matthias Neckermann hatte auch zwei Amtszeiten als Bürgermeister gewirkt und war Landtagsabgeordneter. Er hatte sich besonders für den Eisenbahnanschluss der Stadt Neunburg engagiert.
Es war übrigens nicht der einzige Bürgermeister, der aus dieser Familie stammte. Johann Ettl, Alfons Ettls Vater, war von 1945 bis 1956 Stadtoberhaupt. 1920 hatte Johann Ettl Margarethe Neckermann geheiratet. Dadurch gingen Anwesen – dessen Hausname Spitlfärber sich noch bis ins 20. Jahrhundert hielt – und Färberei in die Familie Ettl über. Die Färberei wurde aber nur noch bis 1945 betrieben. Gleichzeitig führten Johann und Margarethe Ettl ein Kurzwarengeschäft. Der Farbdruck wurde schon 1938 eingestellt, die Blaufärberei endete mit dem Zweiten Weltkrieg. 1968 wurde dann auch die Werkstatt aufgelöst. Das Geschäft in der Hauptstraße blieb aber bestehen und wandelte sich zu einem Textil- und Kurzwarenladen.