Ein neues Leben in der Fremde: Viele Ukrainer wollen in Schwandorf bleiben

Von Clara Lietzmann · 18. März 2026 um 11:00

Seit gut vier Jahren herrscht Krieg in der Ukraine. Viele Menschen kamen in den Landkreis Schwandorf, um hier in Sicherheit zu leben. Zurück wollen heute nur noch die Wenigsten von ihnen. Einmal wöchentlich am Freitag gibt es ein Sprachcafé, bei dem sich Ukrainer und auch andere Migranten austauschen und gemeinsam mit Sprachpaten Deutsch üben können. Verantwortlich ist der Verein Neue Heimat Schwandorf, der sich im Zuge des Krieges gründete. Ein Besuch im Schwandorfer Metropol an der Schwaigerstraße.

Video ansehen

Der ehemalige Industriekaufmann Michael Krämer war von Anfang an dabei: Als er 2022 von dem Projekt in der Zeitung las, meldete er sich gleich als Sprachpate an und leitet seither die Anfängergruppe. Auch ohne Vorerfahrung hat Krämer seine Didaktik immer weiter verfeinert und sogar eine eigene Website mit kostenlosen Lehrmaterialien erstellt. Die meisten, die in seine Gruppe kämen, seien ukrainische Frauen, die häufig wenig Gelegenheit zum Deutsch lernen hätten, erzählt er. Viele davon würden für Kinder und gegebenenfalls einen berufstätigen Mann sorgen, berichtet Krämer weiter.

Von etwa 2000 Ukrainern, die unter Zuständigkeit der Ausländerbehörde im Kreis Schwandorf leben, sind knapp 47 Prozent Frauen und rund 28 Prozent Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Schätzungsweise sind über die Hälfte der Erwerbsfähigen bereits in den Arbeitsmarkt integriert.

Berufsabschlüsse werden oft nicht anerkannt

Die größte Herausforderung für geflüchtete Ukrainer in Schwandorf sei es, in Deutschland eine qualifizierte Arbeit zu finden, erzählt Vereinsmitgründerin Oleksandra Rudnikova. Dabei seien die Ukrainer absolut fleißige Menschen, die unbedingt arbeiten wollten. „Die nehmen alles, was sie kriegen können“, erzählt sie.

Sie kann nicht nachvollziehen, wie wenig Anerkennung ukrainische Berufsabschlüsse in Deutschland finden. Die meisten der Flüchtlinge seien qualifizierte Personen mit Hochschulabschluss. Nur eine einzige Person aus „Hunderten“ fällt Rudnikova ein, die in ihrem ursprünglichen Ausbildungsberuf eine Stelle gefunden habe. Der Großteil der Ukrainer aber sei in Deutschland auf unqualifizierte Jobs angewiesen. In manchen Fällen werde die Ausbildung zumindest teilweise anerkannt. Als Beispiel weist sie auf eine Frau hinter ihr: Die sei eine studierte Ingenieurin mit Berufserfahrung, die nun als technische Zeichnerin arbeite.

Vor drei Jahren kam Familie Grynchuk nach Deutschland: Ievgenii steht heute wieder im Beruf, Viktoriia ist mit 42 Jahren zurück in der Ausbildung. - Foto: Tanja Raith

Ein Lied davon singen können auch Ievgenii und Viktoriia Grynchuk aus Vinnytsia, die 2022 mit ihren drei Kindern nach Deutschland kamen. Er war zuvor Betriebselektroniker und sie hatte ein eigenes Geschäft für Baustoffe. Beiden wurde eine Umschulung angeboten: Während dies für Ievgenii zwei Jahre erneute Ausbildung bedeutete, waren es für Viktoriia gleich drei Jahre, was dem Umfang einer vollen Ausbildung gleichkommt.

Er steht nun seit einem Jahr wieder erfolgreich im Beruf. Viktoriia befindet sich mit 42 Jahren im zweiten Jahr der Ausbildung zur Steuerfachangestellten. Das Lernen falle ihr nicht mehr so leicht wie früher und koste sie viel Energie, erzählt die dreifache Mutter. Außerdem könnten die meisten in der Klasse vom Alter her ihre Kinder sein, und auch viele der Lehrer seien jünger als sie.

Am Anfang glaubten die meisten an eine Rückkehr

Ein Zurück in die Ukraine gibt es für die Familie dennoch nicht mehr. Stabilität wünsche sie sich, sagt Viktoriia Grynchuk, und die werde es in ihrer Heimat bis auf Weiteres nicht geben. Und selbst wenn: „Das hat uns so viel Zeit und Nerven gekostet, wir möchte nicht noch einmal von Null anfangen“, erklärt ihr Ehemann. Der Wunsch der beiden ist nun, ihr Leben in Deutschland neu aufzubauen.

Der Verein ist ein Stück Heimat für sie.Oleksandra Rudnikova, Gründerin Neue Heimat Schwandorf

Die Erfahrung von Viktoriia und Ievgenii Grynchuk sei charakteristisch für ukrainische Flüchtlinge in Deutschland, erzählt Oleksandra Rudnikova. Am Anfang hätten die meisten noch an eine Rückkehr in die Ukraine geglaubt. Etwa zwei Jahre nach Kriegsbeginn aber habe die Erkenntnis eingesetzt: „Es gibt kein Zurück mehr.“ Viele hätten dann begonnen, intensiv Deutsch zu lernen und ihren Platz in der Gesellschaft zu suchen.

Die Hilfsbereitschaft unter den Migranten ist groß

Mitglied im Verein Neue Heimat ist auch Yuliia Nikitina, deren dezentrale Flüchtlingsunterkunft im Januar bei einem Brand zerstört wurde. Noch 139 Ukrainer im Landkreis leben aktuell in solchen Unterkünften.

Mehrere Wochen nach dem Brand fanden Nikitina und ihr 19-jähriger Sohn dann mithilfe Oleksandra Rudnikovas eine eigene Wohnung. Diese sei in sehr heruntergekommenem Zustand gewesen, erzählt Rudnikova. Doch innerhalb von nur drei Tagen seien zahlreiche Helfer aus dem Verein gekommen und hätten die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt, bis sie wieder bewohnbar war. Solch eine große Hilfsbereitschaft begeistert Rudnikova.

Yuliia Nikitina (2. v. r.) bewirtet ihre Helfer in der neuen Wohnung. Drei Tage lang gingen diese ein und aus, um die Räume für sie und ihren Sohn herzurichten. - Foto: Oleksandra Rudnikova

Nicht nur für Ukrainer, sondern auch für andere Menschen aus aller Welt biete der Verein Neue Heimat ein Stück Heimat in der Fremde, erklärt sie. Hier habe man ein gemeinsames Ziel, nämlich das Ankommen in Deutschland. Über 150 Mitglieder einschließlich der Kinder habe der Verein inzwischen und wachse kontinuierlich.

Yuliia Nikitina kommt an diesem Abend zu spät, da sie noch beim Probearbeiten war. Die gelernte Buchhalterin wird nun bald in einem Pizzarestaurant als Küchenhilfe anfangen. Außerdem gibt es eine Überraschung für sie: Ein anderes Vereinsmitglied hat gespendet, um ihr einen neuen Kühlschrank zu finanzieren. Solche Spenden seien eigentlich selten geworden meint Thomas Gietl, Mitgründer des Vereins. Am Anfang habe es aber wirklich viele gegeben. Das Sprachcafé selbst koste nicht viel, denn der Verein „Integration Schwandorf“ stelle die Räume des Metropol kostenlos zur Verfügung.

Auch Oleksandra Rudnikova ist über die günstige Lösung für den Verein dankbar. Ihr Wunsch für die Zukunft: Dass neue Ehrenamtliche als deutsche Sprachpaten hinzu kommen: „Einfach Menschen, die mit uns Zeit verbringen möchten, die vielleicht älter oder einsam sind“, erklärt sie. „Wir sind freundlich und offen für alle.“