Ein Chamer Original pflegt Tradition: Max Gruber zeigt im Video die Kunst des Weidenflechtens

Von Marius Göhl, Theresa Baumann · 13. März 2026 um 05:00

In Altenmarkt gibt es ihn noch: den Ur-Chamer. Traditionell und direkt. So ließe sich Max Gruber wohl kurzerhand ganz gut beschreiben. Aus Weidenruten macht er seit mehr als 25 Jahren Deko-Artikel. Nicht von Temu bestellt, sondern per Hand gefertigt. Das Weidenflechten stirbt allerdings aus. Ein Nachfolger ist noch nicht in Sicht. Doch für ihn ist die Tradition viel mehr als Leidenschaft. Es ist auch eine Art Selbsttherapie.

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Max Gruber. Schnurrbart, Dialekt, Brille. Eine Marke. Ein Original. Und genau so würde er vermutlich auch sein Hobby beschreiben. Schon als kleiner Junge lernte er das Weidenflechten kennen. Selbst damit begonnen hat er aber erst fast ein halbes Jahrhundert später. Mittlerweile gibt er Kurse, verkauft seine Artikel auf Märkten und wünscht sich jemanden, der die Tradition weiterführt.

Vier Jahre von Altenmarkt nach München gependelt

Grubers Leben verlief nicht immer geradlinig. Der bald 77-Jährige lernte KFZ-Mechaniker, machte seinen Meister, ging zum Bund und „machte dort quasi alles, was man so machen konnte“. Am Ende wurde er Fahrlehrer – und hatte seine eigene Fahrschule in Cham.

Außerdem arbeitete er unter anderem vier Jahre in München. Altenmarkt verlassen habe er deshalb nicht. „Das Pendeln ist mir wirklich am Arsch gegangen. Im Winter habe ich teilweise fünf oder sechs Stunden gebraucht“, sagt der Rentner. Winter. Das Stichwort für Gruber, um die Veränderung des Klimas zu erwähnen. Wobei er den diesjährigen Winter seit langem Mal wieder als echten Winter empfand. „Wenn man die Weiden erntet und dann der Böhmische pfeift, bläst es dir das Gehirn weg“, sagt Gruber.

Durch Burnout findet er seine große Leidenschaft

Nun steht er in seiner Garage – zwischen Schweißertisch und fertigen Flechtwerken. „Es gibt immer wieder Kreuzungen im Leben, an denen man sich entscheiden muss. Manchmal würde ich gerne wissen, was gewesen wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte“, sagt er, als er den Draht für seine Motive fein säuberlich auf den Schweißertisch platziert.

Eine Entscheidung, die er wohl immer wieder so treffen würde, war die, mit dem Weidenflechten zu beginnen. Mit 50 Jahren erlebte Gruber seine „blöde“ Zeit. „Damals hat man gesagt: Der Mann ist überarbeitet. Heute würde man sagen: Der Mann hat Burnout“, sagt der Altenmarkter selbst. Sein Hobby und seine Ablenkung fand er in dieser Zeit in dem alten Handwerk. „Ich habe das dann geschmeckt. Und wenn du den Virus einmal in dir hast, kannst du nicht mehr aufhören.“

In seinem Keller flechtet der 76-Jährige Körbe, Kränze und Deko. - Foto: Marius Göhl

Gelernt hat Gruber in Altrandsberg. Er machte sich mit zwei Bier im Gepäck auf den Weg. Dort wohnte ein Mann, der das Weidenflechten beherrschte. Und der freute sich: „Wir sind in den Keller gegangen, haben eine Halbe getrunken und der hat sich wie wild gefreut, weil er endlich jemanden gefunden hat, der den Schmarrn weitermacht.“

Das Material für seine Arbeit baut Gruber selbst an. Kopfweiden – auf Grundstücken in Altenmarkt und in Pösing. Die Weidenbündel lagert Gruber dann im Keller, in der Garage oder auf der Wiese. Die Erntezeit beginne im November und Dezember, wenn es den ersten Frost gibt, erzählt der 76-Jährige auf dem Weg in seinen Keller.

G'scheider Sechzger

Neben seiner großen Liebe zu den Weiden, von denen die Abfälle am Boden zerstreut liegen, erkennt man auch Grubers zweite Leidenschaft auf den ersten Blick. Sechzger-Anstecker auf der Schiebermütze, Sechzger-Sitzkissen auf dem Arbeitsstuhl, Sechzger-Bierkrug im Schrank (TSV 1860 München, Anm. d. Red.). Heutzutage mache Gruber sich nicht mehr so oft auf den Weg ins Grünwalder Stadion, aber damals war er „schon ein g'scheider Ultra“.

Grubers Liebe zu den Löwen ist in seiner Werkstatt im Keller nicht zu übersehen. - Foto: Marius Göhl

Als der 76-Jährige mit dem Weidenflechten beginnt, sieht es einfach aus. Bei ihm gehe das relativ schnell, sagt er selbst. Wenn er Kurse gibt, brauchen die Kursteilnehmerinnen logischerweise etwas länger. Es gehe um Gefühl, nicht um Gewalt. Bricht eine Weidenrute, ist die Spannung weg und die Rute unbrauchbar. Von November bis März gibt er Kurse – an der VHS oder bei OGVs. Mitte März steht noch ein Kurs in Schorndorf auf dem Programm. Gruber macht es Spaß, sein Wissen weiterzugeben.

Langsam habe ich keinen Bock mehr“, sagt der 76-Jährige. Im März gehe dann immer der Akku ein wenig leer. Der Altenmarkter denkt in zwei Jahreszeiten. Der Winter gehört dem Weidenflechten, der Sommer seinen Tieren, die er auf seiner eigenen „Hühner-, Tauben-, Enten- und Hasenranch“ hält. Im Laufe des Jahres komme die Leidenschaft dann wieder.

Ich gehe auch Schwammerl suchen, ich geh zum Angeln, ich geh Motorradfahren, ich bin in Südtirol beim Wandern, aber das ist alles kein Ersatz für den November oder Dezember, wenn ich wieder hier im Keller bin und das machen kann.Max Gruber, Weidenflechter

„Ich gehe auch Schwammerl suchen, ich geh zum Angeln, ich geh Motorradfahren, ich bin in Südtirol beim Wandern, aber das ist alles kein Ersatz für den November oder Dezember, wenn ich wieder hier im Keller bin und das machen kann.“ Einmal begonnen, kann er so schnell auch nicht mehr aufhören. Manchmal komme seine Frau. „Dann sagt sie: Es ist schon 23 Uhr. Hast du eigentlich schon mal auf die Uhr geschaut?“

Im Keller lagert Gruber auch Vorlagen und fertige Motive. - Foto: Marius Göhl

Weder sie noch Grubers Kinder betreiben das Hobby. Ob er traurig sei, wenn irgendwann niemand das Handwerk weiterführe, bejaht der 76-Jährige. Gruber ist schon jetzt einer der letzten seiner Zunft. Jemandem, der sich für das Weidenflechten interessiert, würde er sofort helfen. Am Ende sei es aber ein Handwerk. Und das lebe davon, es selbst auszuprobieren. Und davon, dass jemand weitermacht, bevor auch dieser Tradition der Akku ausgeht.